„Einsätze mit Kindern sind am schlimmsten!“
BAYER. UNTERMAIN (acm). Eine Leiche nach einem schweren Verkehrsunfall aus einem zerquetschten Auto zu bergen - Körperteile aufzusammeln, nachdem ein Zug einen Menschen erfasst hat. Und erst jüngst: Zwei tote Kinder an einem Einsatzort vorzufinden. Es sind solche Horrorgeschichten, die zwar selten, aber trotzdem zum Arbeitsalltag unserer Rettungskräfte gehören. Wie kann man sich auf diese schrecklichen Szenarien vorbereiten bzw. sie im Nachhinein verarbeiten? In PrimaSonntag berichten Einsatzkräfte und Psychologe Walter Reißmann, was das für unsere Helfer in Not bedeutet.
Notfallsanitäter werden täglich zu den unterschiedlichsten Einsätzen gerufen - von Bauchschmerzen bis hin zu wirklich lebensbedrohlichen Fällen. Natürlich bleibt hier die Konfrontation mit dem Tod nicht aus. Sven Oster ist Einsatzdienstleiter und Notfallsanitäter beim Bayerischen Roten Kreuz in Aschaffenburg. Auch er erinnert sich an Unglücksfälle, die ihn mitgenommen haben. „Ich hatte vor einigen Jahren schon einen relativ großen Wohnhausbrand in Aschaffenburg, bei dem viele Kinder beteiligt und viele Verbrennungsopfer vor Ort waren. Oder eine Schießerei, bei der auch ein Polizist getötet wurde.“ Solche Momente gehen den Rettungskräften nicht aus dem Kopf - nicht selten können dadurch Traumata entstehen.
Fast täglich mit Tod konfrontiert
Damit solche belastenden Ereignisse besser verarbeitet werden
können, wird auch für Einsatzkräfte psychologische Hilfe angeboten. „Wir
arbeiten solche Erlebnisse immer im Team auf“, so Yvonne Nebel,
Leiterin des Malteser Rettungsdiensts Aschaffenburg. Hier werden für die
Leute neben den Gesprächen untereinander auch eine psychosoziale
Notfallvorsorge sowie Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen
angeboten. Sie macht auch deutlich, dass der Umgang und die Verarbeitung
von belastenden Ereignissen mitunter ein Bestandteil der Ausbildung zum
Notfallsanitäter ist. „Die heftigsten Einsätze sind oft Einsätze mit
Kindern, eine unübersichtliche Einsatzstelle oder ungünstige
Umgebungsbedingungen“, so Nebel. Darunter fällt auch der Einsatz jüngst
in Karlstein - Malteser Notfallsanitäter Andreas Weber war bei den
beiden Kindern, die tot im Bett lagen. Yvonne Nebel ist auch ein Einsatz
im Kopf geblieben: „Bei einem Motorradunfall mit einem Kleinbus war das
Bein des Motorradfahrers teilamputiert. Er wurde reanimiert - in der
Klinik ist er aber dann verstorben.“ Sven Oster vergleicht diese
besonders schlimmen Einsätze mit einem Bilderbuch: „Ich kann das
Bilderbuch aufschlagen, kann reinschauen, denke über gewisse Situationen
nach und kann es aber auch wieder zumachen und somit den Einsatz für
mich beenden.“
Feuerwehren bei belastenden Einsätzen
Aber nicht nur Rettungssanitäter werden mit solchen Unglücksfällen
konfrontiert. Diejenigen, die Leichen bergen müssen, sind in den meisten
Fällen Feuerwehrleute. Psychosoziale Notfallversorgerin für den Kreis
Aschaffenburg ist Katja Roth. Sie spricht mit den Einsatzkräften und
hilft ihnen, mit den schrecklichen Erlebnissen umzugehen. „Ein schlimmes
Ereignis waren zum Beispiel die zwei Überfahrenen in Bessenbach vor
rund einem Jahr“, teilt sie uns mit. Dabei ist ein Autofahrer während
eines Schlaganfalls in ein älteres Ehepaar gefahren - die beiden
überlebten nicht. Der Fahrer kam schwerverletzt ins Krankenhaus. Daneben
sind Einsätze wie Verkehrsunfälle und die Hilfe nach der
Flutkatastrophe im Ahrtal besonders prägend: „Das nimmt selbst mich
mit“, so Roth. „Es wird problematisch, wenn die Stressbelastung zu lange
andauert oder zu intensiv ist“, erklärt Psychologe Walter Reißmann aus
Goldbach. „Eine Posttraumatische Belastungsstörung kann sich erst nach
bis zu neun Monaten nach dem Ereignis bemerkbar machen!“ In diesem Falle
müsste man meist auf medikamentöse oder psychotherapeutische Maßnahmen
zurückgreifen. Anders als Notfallsanitäter oder Polizisten haben
ehrenamtliche Feuerwehrleute keine spezielle Ausbildung, in der sie
psychisch auf solche Situationen vorbereitet werden. Zwar gibt es
einzelne Lehrgänge, aber gerade für junge und unerfahrene Feuerwehrleute
sind diese heftigen Einsätze besonders belastend.
Trauer bei der Polizei
Fassungslos machte Anfang der Woche die Nachricht der beiden
getöteten Polizisten in Rheinland-Pfalz. „Es ist ein erschreckendes
Problem, welch schlechtes Image Polizisten in manchen Kreisen haben“,
berichtet Reißmann. Trotz guter Ausbildung und Absicherung, setzen
unsere Polizisten ihr Leben im Job immer wieder aufs Spiel. Macht sich
jetzt mehr Angst bei den Einsätzen breit? „Wir haben die Aus- und
Fortbildung in einsatztaktischer Hinsicht ausgebaut und fortentwickelt.
Darüber hinaus haben wir auch unsere Einsatz- und Schutzausstattung
erweitert und modifiziert“, erklärt uns Polizeioberkommissar Philipp
Hümmer vom Polizeipräsidium Unterfranken. In Rheinland-Pfalz ein
tragischer Todesfall - aber auch in unserer Region ist Gewalt gegen die
Polizei nicht unüblich: Alleine 2020 sind im Polizeipräsidium
Unterfranken insgesamt 759 Gewalttaten gegen die Beamten behandelt
worden, 2021 gingen die Fallzahlen leicht zurück.