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"Brüderchen und Schwesterchen" bereichern Hanauer Grimm-Festspiele

06.06.2022, 13:50 Uhr in Unterhaltung
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Bunt, schrill & voller Anspielungen aufs heutige Leben: das Ensemble von Brüderchen & Schwesterchen

HANAU. Strahlender Sonnenschein, ein volles Haus, aufgeregt schnatternde Kinder – die Rahmenbedingungen für die Premiere von „Brüderchen und Schwesterchen“, die zu Pfingsten im Hanauer Amphitheater über die Bühne ging, hätten besser nicht sein können. Dass aber die Inszenierung des diesjährigen Familienstücks der Brüder Grimm Festspiele ein gelungener Mix aus Unterhaltung, Tiefgang, mitreißender Musik und ein Blick auf das bunte Leben ist, machte den Theaternachmittag zu einem Highlight.

Die Geschichte von „Brüderchen und Schwesterchen“ ist bekannt: Die Geschwister haben ihren Vater verloren und leiden jetzt unter der Herrschaft ihrer bösen Stiefmutter und deren Tochter. Nach der Flucht der Kinder in den Wald vergiftet sie eine Quelle, um ihre ungeliebten Anhängsel endgültig loszuwerden und sich das Erbe zu sichern. Doch nur der Junge trinkt aus der Quelle und verwandelt sich in ein Reh. Im Wald retten die beiden einem Prinzen das Leben, er und die Schwester verlieben sich ineinander und leben mit ihrem Haustier, dem Reh, glücklich und zufrieden im Königspalast. Eines Tages aber bekommt die Stiefmutter Wind davon und versucht erneut, sich der beiden zu entledigen – erfolglos, wie man weiß.

Nun, in der Hanauer Inszenierung dieses Märchenklassikers geht es natürlich auch um diese Geschichte, doch bekommt sie ein modernes, zeitgemäßes Gewand, das nicht aufgesetzt wirkt, sondern die Gesellschaft spiegelt, so wie sie heute ist. Da ist zum einen das Modell der Patchwork-Familie: Die böse Stiefmutter Melania (ein Schelm, der bei dem Vornamen Böses denkt), gespielt von Kira Primke, muss sich mit den Kids herumärgern, die ihr verstorbener Mann ihr hinterlassen hat, spielt nach außen aber die treusorgende Ersatzmama. Klara (Katja Straub) und Klaus (Soufjan Ibrahim) werden von ihr schlecht behandelt, ihre eigene Tochter Melanie (Johanna Haas) zieht sie den beiden vor. Als sie erfährt, dass sie im Testament nur so lange bedacht ist, bis ihre Beutekinder heiraten, schmiedet sie einen fiesen Plan und setzt ihre Zauberkräfte ein – blöd nur, dass ihr beim Zauberspruch im entscheidenden Moment das magische Pulver ausgeht und sie diejenigen, die aus der vergifteten Quelle trinken, nicht in ein „Reptil“, sondern in ein „Re(h)“ verwandelt.

Genau das passiert Klaus, der nach der Flucht in den Wald furchtbaren Durst hat und gegen den ausdrücklichen Rat seiner Schwester von dem Wasser trinkt. Kleiner Einschub: Die Quelle wird dargestellt mit einer Gestalt im blauen Gewand, dessen lange Schleppe sich über die Treppen der Bühne zieht, während die Zauberformel gesprochen wird – ein ebenso poetischer wie optisch überzeugender Kunstgriff.

Als Reh entdeckt Klaus, der eigentlich schüchtern ist und stottert, ein ganz neues Lebensgefühlt: Er verhaspelt sich nicht mehr beim Sprechen, ist schnell, kann giftige von ungiftigen Pflanzen per Nasentest unterscheiden und hat unter den anderen Rehen schnell viele Freunde gefunden. Ihm gefällt es super im Wald, und er möchte gar nicht mehr zurück in die Welt der Menschen. Ganz anders seine Schwester Klara, die lernen und sich weiterentwickeln möchte und für die das Leben unter Bäumen zur Belastung wird. Eines Tages aber tritt oder besser stolpert Prinz Roman (Leonard Schärf) in ihr Leben: Er soll im Wald jagen, kann und will das aber gar nicht und schießt sich selbst ins Bein. Klara und er stellen schnell fest, dass sie beide „merkwürdig“ sind und verlieben sich ineinander – sehr zum Verdruss von Klaus, mit dem niemand außer seiner Schwester reden kann. Er ist eifersüchtig und kommt auch später, als er mit Klara und Roman im Palast seines Vaters (Benedikt Selzner) lebt, nicht gut an.

Aber nochmal zurück zum „merkwürdig“: Prinz Roman mag nicht jagen und kämpfen, er ist Puppenspieler, singt und musiziert gern. Er trägt keine Ritterrüstung oder prunkvolle Uniformen, sondern pinkfarbene Hemden. Groß gezogen haben ihn sein Papa und Diener Helpling. Klara ist bereits schwanger, als sie vor den Traualter tritt. All diese Themen von heute werden angeschnitten, aber nicht auf dem Silbertablett präsentiert, sondern als das, was sie sein sollten: vollkommen selbstverständlich. Das Hanauer Premierenpublikum sah das offenbar genau so, spendete begeisterten Zwischenapplaus bei Romans Satz: „Ich werde nie verstehen, was an Frauen schlagen und Tiere töten männlich sein soll“ und würdigte auch den leisen Moment, in dem klar wurde, dass König und Diener als „zwei Väter“ agieren.

Wer an dieser Stelle fürchtet, sich bei „Brüderchen und Schwesterchen“ in eine trockene, gesellschaftspädagogische Produktion zu setzen, der irrt. Und zwar gewaltig! Dieses Stück sprüht vor unterhaltsamen Dialogen, ohne klamaukig zu sein. Dynamik, Spielfreude und Bühnenpräsenz zeichnen die Darsteller aus – auch die kleineren Rollen (Heerführerin: Barbara Krabbe, Notar: Claudia Brunnert) setzen Akzente.

Ein weiteres Highlight: die Musik. Lieder zum Mitsingen, Mitschnippen, Mitklatschen, musikalische Themen, die sich durch das Stück ziehen, Texte mit Tiefgang und Botschaft (Komposition: Lukas Nimscheck; Buch und Liedtexte: Franziska Kuropka; Musikalische Leitung: Tobias Deutschmann) und Darsteller, die dieses anspruchsvolle Musikpaket auch beherrschen (Choreographie: Christopher Dederichs).

Wer sich „Brüderchen und Schwesterchen“ anschaut, wird viel Freude haben an den zahllosen kleinen Szenen, Bemerkungen und Gesten, die das Stück unter der Regie von Adisat Semenitsch so lebendig machen. Großen Respekt verdient vor allem Soufjan Ibrahim: Als Reh stützt er sich auf zwei „Minikrücken“, die seine Vorderbeine darstellen – den meisten Zuschauern taten schon vom Hingucken die Arme weh. Am Ende überrascht er als Klaus seine Schwester: Er möchte nicht zurück verwandelt werden, sondern ein Reh bleiben. „Ich bin endlich richtig“, sagt er und bringt damit die Botschaft des Märchens in seiner Version 2022 auf den Punkt: Jeder darf so sein wie er eben ist. Bunt, wild, homo oder hetero, Patchwork oder klassisch oder eben einfach merkwürdig.

Quelle & Fotos: Brüder Grimm Festspiele / Hendrik Nix

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