Wenn die Adresse jeden schmunzeln lässt

BAYER. UNTERMAIN (ld/ps/mg). Bitte wo wohnen Sie? Bei manchen Straßennamen in unserer Region könnte man zunächst denken, man hat sich verhört - oder sie sorgen direkt für ein Schmunzeln beim Gegenüber. Doch hinter vielen dieser klangvollen, kuriosen oder lustigen Bezeichnungen verbergen sich spannende Geschichten oder bedeutende Persönlichkeiten, die am Bayerischen Untermain gelebt haben. Wir haben uns umgehört und nachgeforscht, was wirklich hinter unseren Straßennamen steckt - und so manchen Anwohner gefragt, wie es sich dort lebt.
Die Bewohner der Faulmannstraße in Mainaschaff zum Beispiel wussten bereits einiges über ihren kuriosen Straßennamen. Auf Rückfrage bei der Gemeinde Mainaschaff antwortet uns Winfried Köbel: „Die Straße wurde nach Carl Faulmann benannt, der wesentlich an der Entwicklung der Stenografie-Schrift beteiligt war. Die Straße ist eine Stichstraße, die über zwei Fußwege mit der parallel laufenden Gabelsberger Straße verbunden ist.“
Gab’s hier nur trocken Brot?
Tatsächlich sind viele Straßennamen nach wichtigen Persönlichkeiten benannt. So auch die Trockenbrodtstraße in Aschaffenburg. Sie verdankt ihren Namen Karl Friedrich „Fritz“ und Gustav Trockenbrodt. Fritz Trockenbrodt wurde 1859 in Aschaffenburg geboren. In seiner Freizeit war Fritz Trockenbrodt musikalisch tätig. Er spielte unter anderem bei Wohltätigkeitskonzerten und trat während des Ersten Weltkriegs häufiger als Sänger auf. Sein Bruder Gustav war als Mundartdichter bekannt und verfasste die „Ascheberger Sprüch“. Die ebenfalls charmant klingende Backoffenstraße in Aschaffenburg ist nach Hans Backoffen benannt. Der Hofbildhauer wurde zwischen 1470 und 1475 in Sulzbach geboren. Erstmals erwähnt wird er 1509 als Künstler im Dienst des Mainzer Erzbischofs mit einer eigenen Werkstatt in Mainz. Unter Albrecht von Brandenburg war Backoffen ab 1515 Hofbildhauer für das Bistum Mainz. Es wird vermutet, dass Backoffen Kontakte zu den Künstlern Dürer und Grünewald pflegte, die ebenfalls am Hofe Albrechts von Brandenburg arbeiteten.
Ein Stück Großkrotzenburg in Kahl
Ein Ort mit besonders kurioser Straßengeschichte ist Kahl. Direkt an der Grenze zwischen Hessen und Bayern liegt die Straße An der Hexeneiche. Es ist nicht nur ihr Name, der diese Straße besonders macht. Karl Becker, Vorsitzender des Kahler Heimat- und Geschichtsvereins, hat uns erklärt, warum eine hessische Straße im Ortsgebiet liegt. „Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine enge Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden, darunter Großkrotzenburg“, so Becker. „Das Kanalsystem wurde erweitert und ging bis an die Gemarkungsgrenze. So konnten die Krotzenburger eine Straße bauen, die direkt an das Kahler Netz angeschlossen ist. Das ist nämlich näher als ihr eigenes.“ Diese Form der Kooperation gebe es auch mit Alzenau und Karlstein. So gehören die letzten Häuser des Prischoßweges zu Alzenau.
Straßennamen in Mömbris, die ihre Herkunft verraten
Die Straßen in Mömbris darf man beim Namen nehmen. So auch die Hanfwiesenstraße in Mömbris-Mensengesäß. Auf dem Feld wurde früher Hanf angebaut, um handwerklich weiterverarbeitet zu werden. Zum Beispiel für Medizin, als Kleidung, Dichtungsmaterial, Lebensmittel oder Kosmetik. In der Straße Im Kalkofen stand wohl früher ein Kalkofen zum Brennen von Kalk als Dünger für die Landwirtschaft. Ein weiteres interessantes Beispiel aus Mömbris ist die Straße Schießmauer. Die soll zu Übungszwecken beim Schießen von Soldaten und Gendarmerie genutzt worden sein. Einen wohlklingenden und putzigen Straßennamen genießen die Bewohner Am Fellchen. „Der Name ist bereits 1845 auf historischen Karten verzeichnet. Vermutlich handelt es sich um eine Dialekt- beziehungsweise alte Flurbezeichnung. Möglich ist eine Ableitung von Feldchen, der Verniedlichungsform von Feld. Ebenso denkbar ist der Bezug zur Felge, da die Flurlage durch einen runden Bergkegel mit Hanglage eine nahezu kreisförmige Struktur aufweist“, erklärt Lydia Pacholik vom Heimat- und Geschichtsverein.
Wir haben in der Region einige kuriose Straßen besucht. Wie lebt es sich beispielsweise in der Sonnenstraße oder in der Spinnersgasse?
„Mein Vater hat damals gemeint: Libellenweg, besser geht’s doch nicht! Zumal er Lippert heißt und jetzt sind wir halt die Lipperts im Libellenweg. Hier gibt es auch eine Insektensiedlung mit dem Hummelweg oder Bienenweg, das ist ganz schön.“

„Ich habe mir tatsächlich noch nie Gedanken darüber gemacht, aber wenn man irgendwo anruft und seinen Straßennahmen verraten muss, da ist das Schmunzeln meistens doch etwas größer. Wir wohnen schon seit fünf Jahren hier, der Name der Straße stand dem Umzug hierher nicht im Weg.“

„Die meisten finden es lustig, aber ich habe mir noch nie so groß darüber Gedanken gemacht. Manchmal kommen paar komische Kommentare.“

„Der Ausblick hier ist toll. Man ist schnell im Wald und auch schnell in der Stadt. Mein Freund, der Herr Sommer, ist grade zu Besuch. Das passt gut zur Straße. Das ist ein schöner Name.“
„Wir wohnen erst seit 2022 hier. Es ist eine wunderschöne Straße. Die Sonnenstraße ist auf der Sonnenseite. Toller Blick - tolle Aussicht. Eine ruhige, nicht so befahrene Straße. Wir lieben sie.“
„Wir wohnen hier in der Hochzeitstraße. Das führt immer wieder zu kleinen Lachern, wenn man seine Adresse angibt. Das Schöne ist: Es bleibt direkt im Gedächtnis. Nachname Keller und Hochzeitstraße. Da brauche ich meistens gar nichts mehr sagen.“
„Wir haben hier damals einen Bauplatz gekauft und da war es schon die Faulmannstraße. Vorne am Eck hat immer ein Mann gestanden und da haben sie immer gesagt, das wäre der faule Mann. Dann hieß es, der faule Mann war ein ganz fleißiger Mann. Er hat Stenografie und Kurzschrift mit erfunden und eingeführt.“
