"Wenn ich nicht spiele, ist meine Laune im Keller!"

ASCHAFFENBURG (lb). Die Hoffnung auf den großen Gewinn. Der kurze Kick. Das Gefühl, dem Alltag für ein paar Stunden zu entkommen. Tausende Menschen zieht es täglich in Spielhallen und Wettbüros - auch in unserer Region. Was für viele harmlos beginnt, endet für manche im totalen Kontrollverlust und in großen Geldsorgen. Und genau dort, wo eigentlich Schutz greifen müsste, versagt er offenbar immer öfter.
„Ich habe spontan 50 Euro auf ein Spielergebnis gesetzt – und auf einmal waren es 1.000 Euro Gewinn“, erzählt ein heute 39-jähriger Betroffener, der anonym bleiben möchte. „In dem Moment dachte ich: Das ist leicht verdientes Geld.“ Dieser eine Moment war für ihn der Anfang einer jahrelangen Abwärtsspirale. Eine Freundin von ihm hatte sich zuvor an uns gewandt und ein Aschaffenburger Wettbüro in die Kritik genommen: Obwohl ihr Freund gesperrt sei, habe er dort einfach so reinmarschieren und spielen können und das Ordnungsamt reagiere nicht auf ihre Meldung.
Vom Fußballfan zum Gefangenen der Wette
Fußball war schon immer sein Leben. Bundesliga, Statistiken, Ergebnisse – er kannte sich aus. Genau darauf bauen die Anbieter. „Sie suggerieren dir, dass du mit deinem Wissen gewinnen kannst“, sagt er. „Und am Anfang glaubt man das auch.“ Was folgte, waren keine weiteren Gewinne, sondern Verluste - im Wert eines mittelklassigen Autos. Mal Sportwetten, mal Automaten. Zwischendurch auch Phasen, in denen er aufhörte. Und dann immer wieder der Rückfall. Sein Alltag drehte sich fast ausschließlich um Fußball. „Ich schaue, welche Spiele laufen, simuliere Tippscheine in der App, rechne aus, was möglich wäre.“ Besonders an Wochenenden wird der Druck unerträglich. „Wenn ich dann nicht wetten kann, ist meine Laune im Keller. Alles leidet.“
„Ich habe alles vernachlässigt“
Auch Kurt-Willi Sirrenberg weiß, wie gnadenlos die Sucht zuschlägt. Er begann früh mit Automatenspielen, doch ab 2013 verlor er die Kontrolle. „Ich spürte einen inneren Drang, in Spielhallen zu gehen. Irgendwann konnte ich ihm nicht mehr widerstehen.“ Die Folgen waren verheerend: „Ich habe Beruf, Familie und Ehe vernachlässigt. Das Geld wurde immer weniger. Ich wusste irgendwann nicht mehr, wo ich es hernehmen sollte.“ Depressionen, Schlafstörungen, Zukunftsängste folgten. Insgesamt verspielt: ein mittlerer fünfstelliger Betrag. Heute geht Sirrenberg offen mit seiner Erkrankung um. Er ist Mitglied und Sprecher im Betroffenenbeirat Bayern – Stimme der Spieler und engagiert sich bundesweit für Prävention und Hilfe. „Ehrlichkeit ist die Grundvoraussetzung. Ohne sie kommt man da nicht raus.“
Warum Glücksspiel so gefährlich ist
Konrad Landgraf, Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht Bayern, macht deutlich, warum reine Eigenverantwortung nicht ausreicht: „Glücksspiele wirken auf das Belohnungssystem im Gehirn – ähnlich wie Drogen. Dopamin sorgt für Euphorie. Dieser Zustand soll immer wieder erreicht werden.“ Hinzu kommt, was Fachleute „Addiction by Design“ nennen. „Glücksspielanbieter gestalten ihre Angebote gezielt so, dass Menschen möglichst lange und intensiv spielen“, erklärt Landgraf. „Das erhöht das Suchtrisiko erheblich.“ Die Folgen sind dramatisch: „Glücksspielsucht ist die teuerste Suchtform. Betroffene haben die höchsten Schulden in den Beratungsstellen.“ Und noch alarmierender: „Menschen mit Glücksspielstörung haben überdurchschnittlich häufig Suizidgedanken.“
Gesperrt – und trotzdem willkommen?
Beide Betroffenen zogen irgendwann die Reißleine und ließen sich auf OASIS sperren– eigentlich ein wirksames Instrument, um Spieler zu schützen. „Leider findet ein Süchtiger immer wieder Läden, die ihrer Verpflichtung nicht nachkommen“, sagt er. „Ausweise werden nicht kontrolliert. Sperren werden ignoriert. Das macht es unfassbar schwer.“ Genau hier setzt unsere Recherche an. Wir wollen wissen: Wie ernst nehmen Aschaffenburger Wettbüros ihre Kontrollpflicht wirklich? Beide Betroffenen sind sich einig: OASIS kann helfen – aber nur als Anfang. „Es gibt immer Wege, wenn man sucht“, sagt der anonyme Spieler. „Ausländische Online-Anbieter, Wettbüros ohne Kontrollen. Die Sucht findet Schlupflöcher.“ Sirrenberg appelliert: „Sucht ist keine Charakterschwäche. Es ist eine Krankheit. Und sie ist behandelbar.“ Therapie, Selbsthilfegruppen und ein stabiles Umfeld seien entscheidend.
Wir machen den Selbsttest
Für den Selbsttest haben wir zwei Reporter in ein Aschaffenburger Wettbüro geschickt. Während sich der männliche Reporter ohne Probleme am Spielautomaten zu schaffen machte, wurde die weibliche Reporterin kontrolliert, ob ihr Konto auf OASIS gesperrt ist. Die anwesende Mitarbeiterin betonte nach einer Konfrontation, wie wichtig ja eigentlich eine Kontrolle wäre, um Spielsüchtige zu schützen. Laut Glücksspielstaatsvertrag ist das Ordnungsamt dazu verpflichtet, regelmäßig Kontrollen in Spielhallen und Wettbüros durchzuführen. „Konkreten Hinweisen, dass gegen die Bestimmungen des Glückspielstaatsvertrages, wie zum Beispiel der fehlende Abgleich spielwilliger Personen mit dem deutschlandweiten Spielersperrsystem OASIS, wird grundsätzlich nachgegangen“, betont das Ordnungsamt. Doch leider konnten sie uns nicht beantworten, weshalb noch nichts gegen die fehlenden Kontrollen in unserem Fallbeispiel unternommen wurde. Jede nicht kontrollierte Tür kann für einen Süchtigen der Anfang vom nächsten Absturz sein. Und manchmal entscheidet ein kurzer Blick auf den Ausweis darüber, ob jemand eine echte Chance bekommt – oder wieder alles verliert.