100 Meilen zu Fuß durch die Sahara

MILTENBERG. Was Christopher Kaya leistet, treibt manch anderem beim bloßen Gedanken daran, den Schweiß auf die Stirn. Der Miltenberger ist Extrem-Ausdauersportler und läuft Ultramarathons - also jegliche Distanzen jenseits der klassischen 42 Kilometer. Im Jahr 2022 lief er mutterseelenallein rund 250 Kilometer durch die Wüste Namib an der Südwestküste Afrikas. Rund ein Jahr später wurde der 45-Jährige zum Sportler des Jahres im Landkreis Miltenberg gekürt. Damals verriet er uns im PrimaSonntag-Interview, dass er sich nun auf ein 100-Meilen-Rennen vorbereiten würde. Am 9. Januar war es dann endlich soweit. Von seiner beeindruckenden sportlichen Reise erzählte er uns in seinem Erfahrungsbericht:
„Geplant war schon länger, einmal die Distanz von 100 Meilen zu laufen. Ich war bereits zweimal für 100-Meilen-Rennen angemeldet, musste jedoch wegen einer Knieoperation absagen. Für mich standen 100 Meilen immer für die Königsdisziplin der Ultra-Distanzen. Als ich erfuhr, dass der Veranstalter Marathon des Sables - bekannt für den legendären Etappenlauf durch die Sahara - erstmals einen 100-Kilometer- und einen 100-Meilen-Lauf austrägt, war klar: Das ist meine Chance! Der Wettkampf führte mich in den Süden Marokkos nach Errachidia, nahe der algerischen Grenze. Dieser Lauf wird nicht in mehrere Etappen aufgeteilt, sondern an einem Stück gelaufen - quer durch die Wüste.
Wasser nach zehn bis zwölf Kilometer
Rund 200 Teilnehmer aus aller Welt standen am Start. Die Regeln waren simpel: Nach 40 Kilometern entscheidet man sich, ob man die 100 km oder die 100 Meilen läuft. Wasser gibt es alle 10 bis 12 km, jeder dritte Checkpoint ist eine sogenannte ‚Life-Base‘ mit heißem Wasser, Tee, Kaffee, Suppe, Trockenfrüchten und Cola. Die komplette Eigenverpflegung sowie Pflichtausrüstung - Stirnlampe, Akkus, Medizin, Biwaksack - trägt man selbst. Ich hatte mich für Gels und Pulver entschieden - insgesamt etwa 9.500 Kalorien, ergänzt durch Brühwürfel und eine gefriergetrocknete Mahlzeit. Mit Wasser wog mein Rucksack rund 7,5 Kilogramm.
Sternchen vor den Augen
Die Sonne brannte gnadenlos - keine Wolke am Himmel. Immer wieder ging es über Dünen, bei denen mich ein Schritt eigentlich nur einen Halben voranbrachte. Nach 70 Kilometern, an der zweiten Life Base, ging die Sonne unter. Bis dahin war moderates Joggen möglich gewesen - dann wurde es zäh. Der Gedanke, mit diesem Körpergefühl noch weitere 90 Kilometer zu laufen, wirkte absurd. Nach einer kurzen Pause zog ich die langen Sachen an: Mütze, Handschuhe und den Buff bis über die Nase. Innerhalb von 30 Minuten fiel die Temperatur von Hitze Richtung Null Grad. Kein Mond zu sehen, es war stockdunkel - nur der atemberaubende Sternenhimmel strahlte ganz leicht. Man läuft nur noch im drei Meter langen Lichtkegel der Stirnlampe. An der 100-Kilometer-Life-Base ging es mir nicht mehr gut: Übelkeit, Sternchen vor den Augen. Wahrscheinlich lag es am Salzmangel. Später fielen mir während des Laufens mehrfach die Augen zu – Sekundenschlaf während dem Laufen. Ich führte Selbstgespräche um nicht wegzunicken. An einer Wasserstation legte ich mich im Biwaksack auf den steinigen Boden und machte einen 20-minütigen Powernap. So bequem, dass ich eigentlich nicht mehr aufstehen wollte. Der Gedanke, aufzugeben, war verlockend. Ich überlegte, welche Ausrede ich zu Hause erzählen könnte – aber mir fiel keine ein. Also ging es weiter! Bei 120 Kilometern ruhte ich eine Stunde an der Life Base und wärmte mich am Feuer auf. Kurz vor Sonnenaufgang lief ich wieder los. Dann kam die Sonne – und mit ihr schlagartig die Hitze. Die letzte Etappe führte nochmal 10 Kilometer ausschließlich über Dünen. Und dann waren es irgendwann nur noch 2 Kilometer bis zum Ziel – vergleichbar mit der Strecke von der Aral-Tankstelle bis zu mir nach Hause in Miltenberg. Normalerweise laufe ich das in unter neun Minuten. Dort brauchte ich fast eine Stunde.
Endlose Leere
Es gibt keine Bäume, an denen man vorbeiläuft, es ist kein Berg wo man sich dem Gipfel nähert, es gibt keinen sichtbaren Fortschritt - jede Richtung sieht gleich aus. Ich musste oft an ein Buch von Wilfred Thesiger denken, in dem er schreibt, dass die Wüste den Menschen ignoriert. Genauso fühlte es sich an, wie eine endlose Leere. Bei vielen ist es so, wenn sie beim Joggen die ersten 500 Meter geschafft haben, dann sagt der Kopf: Bleib mal lieber stehen! Man kommt an einen Punkt, wo nur noch der Wille einen weiterlaufen lässt. Ich komme mittlerweile erst bei einem 100-Kilometer-Lauf so richtig an die Grenze und muss dann irgendwie die Arschbacken zusammenkneifen und die letzten 60 Kilometer durchhalten. Die letzten 20 Kilometer waren wirklich jenseits von jeglicher Performance – man krabbelt da einfach irgendwie ins Ziel. Als ich dann endlich im Ziel war, hatte ich so einen kleinen Nervenzusammenbruch – ich war schon überwältigt. Da kann man sich nicht mehr halten. Ich habe irgendwelche wildfremden Leute umarmt. Die reine Laufzeit lag am Ende bei 29 Stunden und 17 ½ Minuten. Die nächste Herausforderung ist auch schon geplant. Zwei Freunde haben mich angehauen, die wollen von München nach Venedig laufen. Ich hatte eigentlich erstmal die Schnauze voll, aber da kann ich natürlich nicht Nein sagen!“