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Schockstarre statt Aufbruch - Konjunkturbericht für den Main-Kinzig-Kreis

12.05.2022, 14:34 Uhr in Lokales
Industrie Wirtschaft

MAIN-KINZIG-KREIS. Die Corona-Krise scheint vorerst vorbei zu sein. Eigentlich müsste sich die Wirtschaft nun schnell erholen. Aber seit dem 24. Februar herrscht Krieg in Europa. Der russische Überfall auf die Ukraine stellt zuvor nicht hinterfragte Gewissheiten, etwa die Unbedenklichkeit russischer Gaslieferungen, auf den Prüfstand. Die Planungssicherheit ist dahin: Den Unternehmen und ihren Lieferanten fehlen Rohstoffe, Halbzeuge, Vorprodukte und mittlerweile auch Hilfs- und Betriebsstoffe. Die Sorge, schon bald nicht mehr genug Energie zur Verfügung zu haben, verdüstert die unerfreuliche Lage zusätzlich. Eine kurzfristige Befreiung aus dieser schwierigen Situation erscheint vielen Unternehmen nicht möglich. Knappheiten, Unsicherheit und die negativen Erwartungen treiben die Preise.

Die Corona-Krise war noch längst nicht verkraftet, als der Krieg begann. Seit Wochen stören nun der Krieg, die Embargos als Strafmaßnahme, aber auch Chinas Corona-Lockdowns den Wirtschaftskreislauf. Aber die teilweise gerissenen Lieferketten sind nur ein Teilaspekt. Viel wichtiger: Den Unternehmen fehlen angesichts schnell steigender Inflation solide Kalkulationsgrundlagen. Und das blockiert die wirtschaftliche Belebung massiv.

Dementsprechend vorsichtig verhalten sich die Unternehmen im Main-Kinzig-Kreis. Das bekommt der Konjunktur nicht gut, berichtet die Industrie- und Handelskammer (IHK) Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern in ihrem aktuellen Konjunkturbericht. Immerhin: Es gibt ein Trostpflaster für alle Arbeitnehmer: Größere Entlassungswellen sind vorläufig nicht zu erwarten. Es ist aber nicht auszuschließen, dass einige Unternehmen den aktuellen Stresstest nicht überstehen. Die kommenden Wochen und Monate werden noch manche Überraschung an den Tag bringen.

Recht gute Lage, verheerende Erwartungen

Zum Zeitpunkt der Umfrage, Ende April und Anfang Mai, mithin zwei Monate nach Beginn des Krieges, stuften 34,4 Prozent aller 181 antwortenden Unternehmen im Main-Kinzig-Kreis ihre derzeitige Geschäftslage als „gut“ und 16,7 Prozent als „schlecht“ ein. Das sind recht solide Werte, die etwa auf dem Vor-Corona-Niveau vom Januar 2020 oder dem Vor-Lehman-Niveau Mitte 2008 liegen. Viel schlechter dagegen die Zukunftserwartungen: „Mich besorgt, dass Erwartungen der Unternehmen fast so stark gesunken sind, wie in den Krisen 2008 oder 2020. Denn wenn aktuell nur noch 11,2 Prozent der Unternehmen auf eine künftig eher bessere Geschäftslage hoffen, aber 42,1 Prozent das Gegenteil befürchten, dann sind das Stimmungswerte, die in der Vergangenheit in eine Rezession mündeten. Es ist zu früh, dies auch diesmal zu prognostizieren, aber das Risiko eines deutlichen und längeren Konjunktureinbruchs besteht“, warnt IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Gunther Quidde.

Die gesunkenen Erwartungen sorgen dafür, dass der IHK-Konjunkturklima-Indikator auf 90,2 Punkte abrutscht. Die Kennzahl gewichtet die Antworten der Unternehmen aus allen wichtigen Branchen zur Lage und zu den Erwartungen der Wirtschaft im Main-Kinzig-Kreis.

Industriebetriebe befürchten ein Desaster

Rund ein Drittel der Umfrage-Antworten stammen, wie üblich, aus der Industrie. Dort ist die Lage zwar angespannt, aber noch beherrschbar. Dennoch erreicht in diesem für Hanau und den Landkreis so bestimmenden Wirtschaftszweig das Konjunkturklima nur einen Wert von schwachen 75,4 Punkten. „Mit einem Erwartungssaldo von -49,1 Punkten signalisieren diese Unternehmen sehr deutlich, auf welche verheerenden Szenarien sie sich einstellen,“ berichtet Quidde. „An dieser Stelle lohnt ein Blick tiefer ins Zahlenwerk“, ergänzt der Hauptgeschäftsführer. „Wenn nur 3,2 Prozent der Vorleistungsgütern optimistisch in die nahe Zukunft blicken, aber 54,8 Prozent skeptisch, dann ist das ein deutliches Alarmzeichen. Denn diese Unternehmen eilen der Konjunkturentwicklung üblicherweise stets voraus.“

Die exportstarke Industrie, in guten Jahren gehen rund zwei Drittel aller im Main-Kinzig-Kreis erzeugten Waren ins Ausland, erwartet eine massive Schrumpfung der Produktion. Bei den Investitionen zeigt sich eine gewisse Zurückhaltung. Das ist verständlich. Andererseits zwingt der Fachkräftemangel viele Mittelständler in der Gruppe zwischen 20 und 200 Mitarbeitern nun zu Rationalisierungsinvestitionen. Das könnte sich in mehr Aufträgen niederschlagen. Mittel- bis langfristig sind zusätzlich mehr Investitionen in neue Produkte und Kapazitätserweiterungen zu erwarten, aber vorerst fehlt dafür die sichere Kalkulationsgrundlage.

Lediglich in der Bauwirtschaft setzt sich der Boom bis auf weiteres fort, trotz steigender Preise und Mangel an Material. Die gute Auftragslage und die anstehenden, riesigen Investitionen in die öffentliche Infrastruktur der öffentlichen Hände helfen der Branche – das ist ein Sonderfall.

Handel und Dienstleistungen unter Druck

Auch in fast allen anderen Branchen ist das bereits skizzierte Bild von noch solider Lage, aber schlechten Erwartungen zu finden. Einige Unternehmen aus dem Internet- und Großhandel können dem Abwärtstrend ein Stück weit trotzen, weil ihnen die Lieferengpässe noch nicht sehr stark zusetzen. Im innerstädtischen Facheinzelhandel trübt sich das Bild bereits stärker ein. Auch viele Dienstleistungsbranchen können sich dieser Negativspirale nicht entziehen. Lediglich diejenigen Dienstleister, die anderen Unternehmen zuarbeiten, und die personenbezogen arbeitenden Serviceunternehmen können sich dem düsteren Blick in die Zukunft noch entziehen. Die von Firmenaufträgen abhängigen Dienstleister werden vermutlich schon sehr bald mit in die Rezession gezwungen.

Nicht ganz so schlimm sieht es im Gastgewerbe aus. Nach dem Ende der Corona-Beschränkungen keimte in der arg gebeutelten Branche die Hoffnung auf Besserung. Hier sind es der anhaltende Fachkräftemangel in Kombination mit sinkender Verbrauchernachfrage, die der Branche das Comeback erschwert.

Zwei Risiken wachsen

Seit über zehn Jahren fragt die IHK in ihren Umfragen regelmäßig, welche besonderen Risiken die Unternehmen sehen. Seit über fünf Jahren bestimmt der Fachkräftemangel mit über 50 bis fast 70 Prozent Bejahung diese Frage –vom Beginn der Coronakrise abgesehen. Das ist kein Wunder, fehlen doch landauf und landab Arbeitskräfte in sehr vielen Branchen. Der regionale Arbeitsmarkt kann diese Lücken nicht mehr füllen, da er mit 9.716 offiziell erfassten Arbeitslosen wieder an der Grenze zur Vollbeschäftigung steht.

Neuerdings wird dieses Risiko aber getoppt von den Energie- und Rohstoffpreisen. Aktuell berichten 80,7 Prozent aller Unternehmen, in der Industrie sind es sogar 91,4 Prozent, dass die Energie- und Rohstoffkosten zu einem echten Konjunkturproblem geworden sind. Preiserhöhungen auf breiter Front sind die Folge: 42,3 Prozent der Unternehmen haben diese Maßnahme bereits umgesetzt, weitere 37,7 Prozent beabsichtigen, ihre Preise bald zu erhöhen und weitere 9,1 überlegen noch. Aktuell liegt die offizielle Inflationsrate bei 7,4 Prozent. Die Umfrageergebnisse lassen erwarten, dass sie nicht rasch sinken, sondern vielleicht sogar noch steigen wird.

„Höhere Preise sind ein Signal. Die jetzige, in kurzer Zeit sprunghaft beschleunigte Inflation hat mehrere Ursachen – die lockere Geldpolitik der vergangenen Jahre, die Folgen des russischen Überfalls auf die Ukraine und die aus vielen Quellen gespeiste Planungsunsicherheit – was so viele Ursachen hat, wird uns so schnell nicht verlassen“, warnt der IHK-Hauptgeschäftsführer.

Quelle: IHK