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Sea-Eye Crewtreffen in Hanau

18.05.2022, 12:03 Uhr in Lokales
Sea Eye 2

HANAU. Am Wochenende trafen sich Aktive und Interessierte im Hanauer Congress Park zum Sea-Eye Info- und Crewtreffen. Sea Eye ist ein gemeinnütziger Verein, der im Mittelmeer Menschen auf der Flucht vorm Ertrinken rettet. Vereine, Institutionen und Interessierte waren am Start, informierten sich und diskutierten rege.
Moderator Chris Orlamünder, selbst schon Kapitän auf einem Rettungsschiff, fasst zusammen: „Es geht hier um Ungerechtigkeit in dieser Welt und im Mittelmeer – aber nicht nur dort.“ Ein ganztägiges Programm mit Podiumsdiskussion, Info-Ständen zu verschiedenen Teilaspekten der Seenotrettung und Fachvorträgen beschäftigt die rund 80 Besucher:innen. Sie sind Mitglieder bei Sea Eye, bei den Sea-Punks. Sie gehören zu verschiedenen Seebrücken, zu Rescue-Ship. Sie alle bewegt, was auf dem Mittelmeer traurige Realität ist. Was auffällt: Im Podium sind es inbesondere die jungen Menschen, die von den nüchternen Fakten die Diskussion immer wieder auf die einzelnen Menschenleben lenken.


Erst wenige Stunden vor dem Treffen hat die Crew des Seenotrettungsschiffes Sea-Eye 4 24 Menschen im Mittelmeer nach mehreren Tagen in Seenot gerettet. „Was wir hier erleben, ist blanker staatlicher, struktureller Rassismus“, sagt Gordon Isler, der Vorsitzende des Vereines. „Das hat mit der Hautfarbe, der Herkunft und wohl auch der wirtschaftlichen Situation zu tun. So lange das so weitergeht, müssen wir dagegen ankämpfen.“ So sehen das auch die grüne Hanauer Stadträtin Karin Dhonau und Marion Bayer von „Watch the med – Alarm Phone.“ Diese in Hanau verwurzelte Organisation ist Träger des Menschenrechtspreises der Stiftung Pro Asyl 2020/21. Dhonau zeigt sich engagiert: „Unrecht zu mildern, sich humanitär verpflichtet zu fühlen, gehört zu den Errungenschaften unserer Demokratie. Behalten Sie Ihre Widerständigkeit." An ihre Ausführungen schließt sich eine Schweigeminute an, in der aller auf der Flucht Getöteten, der neun Opfer des rassistischen Anschlags von Hanau und der zwei jüngst getöteten Kinder gedacht wird. Bayer lobt die „mutigen Entscheidungen“ der Vereinsmitglieder und gibt ihrer Hoffnung Ausdruck, dass es von solchen noch viele weitere geben möge. Orlamünder formuliert die Herausforderung der Seenotretter so: „Wir stellen uns der Aufgabe, aus Seenot zu retten. Aber auch, die Welt zu informieren. Wir müssen Öffentlichkeit schaffen.“ Das soll zum Beispiel mit einer intensiven Vernetzung erreicht werden, die sich auch an den Diskutanten auf dem Podium erkennen lässt. Stefan Schmidt sitzt dort. Eine Legende. Deutscher Kapitän, heute Flüchtlingsbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein und bekannt geworden, als er 37 Personen aus Seenot rettete. Mit der Cap Anamur, 2004.
Er unterstützt das Engagement der Seenotretter und betont: „Impulse sind immer von unten gekommen, und die Politik hat reagiert.“ Auch Peter Ruhenstroth-Bauer, Geschäftsführer der UNO-Flüchtlingshilfe in Bonn, ist in Hanau: „An erster Stelle müssen nicht die Retter in die Pflicht genommen werden, sondern die Politik. Europa hat die tödlichste Außengrenze der Welt.“ Die in der Genfer Flüchtlingskonvention definierten Fluchtgründe spiegelten „nicht das Hier und Jetzt wider.“ Autor Gerald Knaus stellt fest, dass „die Flüchtlingskonvention nicht mehr angewandt wird.“ Im Koalitionsvertrag der „Ampel“ in Deutschland stehe ein klares Bekenntnis zur staatlichen Seenotrettung, es sei in dem halben Jahr, in dem die Regierung am Ruder sei, aber nicht viel passiert. Ein Diskussionsansatz sei, eine intensivere Kooperation mit Tunesien einzugehen, um so zu verhindern, dass Menschen in die libyschen Vergewaltigungs- und Folterlager zurückgebracht werden.
Migrationsforscher Knaus, der maßgeblich an dem Flüchtlingsabkommen zwischen EU und Türkei mitgewirkt hat, wünscht sich zudem eine Ausweitung des sogenannten „Resettlements“, bei dem mehr schutzbedürftige Flüchtlinge direkt aus den Krisenregionen aufgenommen werden. „Wir wollen, dass das Sterben aufhört. Und dafür sorgen, dass sich niemand mehr freiwillig in diese Plastikboote setzt.“ Das sieht auch Annika Fischer-Uebler; Vorständin von Sea-Eye und Juristin, so, die die Frage in den Mittelpunkt stellt: „Wie schaffen wir es, davon wegzukommen, dass die Debatte vom Gedanken bestimmt wird, es sei schlecht, wenn Menschen zu uns kommen.“ Die Diskussion ist inhaltlich tiefgehend, fachlich geprägt und dauert den ganzen Tag an: Vom Thema Rassismus hin zu den Dublin-Abkommen reichen die Aspekte. Am Nachmittag gibt es Vorträge zu verschiedenen Aspekten: Wie sieht die rechtliche Position der Seenotretter aus? Wie läuft die Kommunikation mit Politikern? Wie die ehrenamtliche Arbeit auf der Werft, auf dem Land, auf See? Diskutiert wird erst im Congress Park, später dann aber auch noch viele Stunden im Brückenkopf, wo sich die Seenotretter schnell heimisch fühlen.
Info:
Die Seenotrettungsorganisation Sea-Eye, gegründet Ende 2015 als gemeinnütziger Verein, ist aus kleinen Anfängen heraus gestartet und hat sich rasant entwickelt. Der Verein betreibt heute das auf dem Mittelmeer eingesetzte Rettungsschiff SEA-EYE 4, dessen letzte erfolgreiche Mission zur Rettung Flüchtender aus dem Mittelmeer erst wenige Tage zurückliegt.
Der eingetragene und gemeinnützige Verein hat aktuell rund 750 Mitglieder und mehr als 30 Lokalgruppen im gesamten Bundesgebiet.

Quelle: Sea-Eye

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