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Sprudelnde Quellen der Gelnhäuser Stadtgeschichte

10.02.2022, 12:57 Uhr in Lokales
100222 GN Sprudelnde Quellen Stadtgeschichte
Bürgermeister Daniel Glöckner bedankt sich bei Hanna Nüllen, die Anette Vinnen unterstützte

GELNHAUSEN. 546 Gelnhäuser Stadtbücher ermöglichen Forschenden ab sofort einen ergiebigen Einblick in das Leben in der Barbarossastadt vom Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit: Die historischen Bestände wurden erfasst und können von Interessierten nun online gefunden werden. Möglich wurde dies durch ein Projekt, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird. So ist am Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg die Online-Datenbank „Index Librorum Civitatum“ entstanden, die es Forschenden ermöglicht, Stadtbücher aus ganz Deutschland, die in verschiedenen Archiven aufbewahrt werden, an einem zentralen Punkt online zu finden.

Im Rahmen des DFG-Projekts bekam Anette Vinnen, die das Gelnhäuser Stadtarchiv leitet, tatkräftige Unterstützung durch die wissenschaftliche Mitarbeiterin Hanna Nüllen, die an mehreren Tagen die vor Ort aufbewahrten Gelnhäuser Stadtbücher aufnahm und online stellte. “Im Verbund mit den von ihr bereits im Hessischen Staatsarchiv Marburg, der Universitätsbibliothek Kassel und der Staatsbibliothek Berlin gefundenen und aufgenommenen Stadtbücher kommt Licht ins Dunkel des zuvor marginalen Forschungsstandes”, freut sich Anette Vinnen über das auch in Gelnhausen umgesetzte Projekt. Aufgenommen wurden sowohl vorhandene als auch verschollene Bücher. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Aktuell sind 546 Gelnhäuser Stadtbücher und weitere 61 Archivalien aus dem Überlieferungszeitraum zwischen 1362 – 1881 verzeichnet. Dabei werden nicht die kompletten Stadtbücher digitalisiert, sondern nur ihre Titel, Format, Seitenanzahl, Bindung, Material usw. genannt und in die Online-Datenbank aufgnommen. Jedes Buch wird dabei einer bestimmten Kategorie zugeordnet. Forschende und Interessierte können sie nur vor Ort in den Archiven einsehen – insofern sie auch in der Lage sind, die alten Schriften zu entziffern. Das Stadtarchiv leistet gemäß der Archivsatzung keine Hilfe beim Lesen. Wer Stadtbücher einsehen und somit die Bestände des Stadtarchivs nutzen möchte, muss zuvor einen Nutzungsantrag stellen, der auf der Homepage der Stadt Gelnhausen heruntergeladen werden kann. Ein Antrag auf Zusendung des Formulars kann auch direkt beim Stadtarchiv gestellt werden. Wenn dem Antrag stattgegeben wurde, muss schriftlich ein Recherchetermin angefragt werden, der auch schriftlich bestätigt werden muss. Nähere Auskünfte dazu erteilt Anette Vinnen unter Telefon (AB) 06051 830-306 oder per E-Mail unter [email protected]

Unter den Stadtbüchern aus dem Stadtarchiv Gelnhausen befinden sich beispielsweise Rechnungsbücher und Steuerregister des 18. Jahrhunderts. Besonders spannend sind auch die Ratsprotokolle. Der älteste Band der im Stadtarchiv Gelnhausen aufbewahrten Stadtbücher wurde 1711 angelegt und enthält Aufzeichnungen über die Geschäfte des Rates. So belegten die Ratsmänner einen Gelnhäuser, der auf der Landstraße Juden behelligt und geschlagen hatte, mit einer Strafe von zehn Schilling. Als eine ansteckende Krankheit in der Gegend ausbrach, stationierte der Rat zusätzliche „Examinatoren“ an den Stadttoren, die wahrscheinlich sicherstellen sollten, dass keine infizierte Person die Stadt betrat. Darüber hinaus finden sich in den Ratsprotokollen zahlreiche weiter interessante Einträge, die vom Alltagsleben im Gelnhausen des frühen 18. Jahrhunderts erzählen.

Stadtbücher ermöglichen einen der ergiebigsten Einblicke in das Leben mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Städte. Stadtbücher sind Kodizes, die seit dem 13. Jahrhundert in städtischen Kanzleien zu Verwaltungszwecken geführt wurden. In ihnen wurden alle rechtsrelevanten oder zur Verwaltung notwendigen Angelegenheiten verzeichnet. So fanden Handlungen des Gerichts, Neubürger, Ratslisten, Privilegienabschriften, Eide, Rechnungen, Steuerlisten usw. Eingang in diese Bücher. Sie wurden dadurch zu einem zentralen Medium, das soziale Beziehungen festschrieb und bewahrte, Verfahren sicherte, Glaubwürdigkeit herstellte, Wissen ordnete, Verwaltung sowie Herrschaft organisierte und Traditionen half zu (re)konstruieren.

„Bis vor kurzem waren diese über vier Archive verteilten Quellen für Forschende schwer zu finden und deren Existenz kaum bekannt. Das ändert sich mit der Online-Datenbank ‚Index Librorum Civitatum‘. Seit 2016 werden bundesweit die Bestände der Stadtbücher von den teilnehmenden Stadtarchiven zusammengetragen und verzeichnet. Ziel des Projekts ist, die Stadtbücher aller deutschen Bundesländer bis 2028 möglichst vollständig zu erfassen“, erläutert Archivleiterin Vinnen.

Das Verzeichnis der Stadtbücher des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, genannt Index Librorum Civitatum, ist im Internet unter www.stadtbuecher.de und für Gelnhausen unter https://www.stadtbuecher.de/de/archive/stadtarchiv-gelnhausen/ einsehbar.

Das Stadtarchiv befindet sich in der Stadtschreiberei 3, 63571 Gelnhausen; es ist im Gebäude der ehemaligen Augustaschule am Obermarkt untergebracht und kann nur nach vorheriger schriftlicher Anmeldung besucht werden.

Quelle: Stadt Gelnhausen