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Tagebuch eines Lebensretters

13.11.2021, 18:44 Uhr in Lokales
KW45 Stammzellen 1

BAYER. UNTERMAIN (jm). „Mund auf, Stäbchen rein, Spender sein“ Mit diesem Slogan wirbt die Deutsche Knochenmarkspenderdatei für mehr Typisierungen. Sterbenskranke Menschen auf der ganzen Welt hoffen so, ihren genetischen Zwilling zu finden, der sie retten kann. Unser PrimaSonntag-Reporter Jakob Meder ist typisiert und bekam tatsächlich den entscheidenden Anruf. Er wurde auserwählt, um einem unbekannten Menschen Stammzellen zu spenden. Aber wie läuft so etwas ab? Er lässt uns teilhaben an dem langen Prozess - beginnend bei der Registrierung bis hin zur Spende.

September 2019

Nachdem in meinem Heimatort ein Mann an Leukämie erkrankt war, wird eine große Typisierungsaktion ins Leben gerufen. Meine gesamte Fußballmannschaft lässt sich in den Spenderdateien registrieren. Es dauert allerdings fast zwei Jahre, bis der Stein ins Rollen kommt...

1. Juli 2021
Per Mail werde ich benachrichtigt, dass ich als Stammzellspender für einen Patienten in Frage komme und mich umgehend bei der Stiftung „Aktion Knochenmarkspende“ melden soll. Von diesen Nachrichten noch völlig überrumpelt, greife ich sofort zum Hörer. Am Telefon berichtet man mir nochmals, dass ich in die engere Auswahl gekommen bin und nun bei meinem Hausarzt eine große Menge Blut zur Untersuchung abnehmen muss. Zusätzlich bekomme ich auch einen Fragebogen zugesendet, der beispielsweise sehr detailliert meine Krankengeschichte sowie den Kontakt mit Drogen und weitere Verhaltensweisen abfragt. Hier wird mir schon deutlich auf den Zahn gefühlt, um wirklich alle Eventualitäten zu meinem und dem Schutz des Patienten abzuwiegen.


9. September 2021

Nach meiner Blutentnahme höre ich knapp zwei Monate erstmal nichts mehr. Dann bekomme ich erneut eine Mail: Die behandelnde Klinik hat mich als den am besten passenden Spender ausgewählt! Wieder telefoniere ich mit einer Mitarbeiterin der Bayerischen Stammzellbank. Ich bekomme zwei Termine genannt: einen Termin zur Voruntersuchung und den geplanten Spende-Termin. Für beide Tage werde ich in die zuständige Klinik nach Gauting in der Nähe von München eingeladen. Alle Kosten, beginnend bei Fahrtkosten, gegebenenfalls Unterkunft, Verpflegung und so weiter werden von der Bayerischen Stammzellbank getragen.

11. Oktober 2021

Mit einer großen Portion Aufregung mache ich mich um zwei Uhr nachts auf den Weg nach Gauting. Knapp sieben Stunden später beginnt meine Voruntersuchung. Die besteht im ersten Teil aus einer Blutuntersuchung, Röntgen, Urinprobe, EKG und einem ärztlichen Gespräch. Im zweiten Teil wartet die Theorie auf mich. Ich bekomme genau erklärt, was es mit der Stammzellspende auf sich hat. Es gibt zwei Entnahmearten: Die Spende aus dem Blut, wobei die Stammzellen aus dem Blut gefiltert werden oder aus dem Knochenmark, wobei die Stammzellen operativ aus dem Hüftknochen abgesammelt werden. Bei mir soll es wahrscheinlich über die erste Variante ablaufen. Final entscheiden wird sich das aber erst am Spende-Tag. Nachdem ich über alle Risiken aufgeklärt werde, erfahre ich auch einige Informationen über den Patienten. Es ist ein Mann mittleren Alters, kommt aus den Beneluxländern, liegt dort auch im Krankenhaus und leidet an Blutkrebs. Bei einer erfolgreichen Spende liegt seine Überlebenswahrscheinlichkeit bei 60 bis 70 Prozent - ohne meine Spende wird er sterben! Erst in diesem Gespräch realisiere ich, was alles auf mich zukommen wird und welche Verantwortung ich übernehme. Trotzdem ist für mich sofort klar, dass ich die Spende antreten werde. Knapp eine Woche später sind meine Ergebnisse von den Untersuchungen da und ich werde als Spender freigegeben.

31. Oktober bis 3. November 2021

Um die Stammzellenbildung in meinem Körper anzuregen, muss ich mir fünf Tage vor der Spende morgens und abends ein Medikament per Sprite injizieren. Häufigste Nebenwirkungen: Schwindel, Kopf-, Knochenschmerzen, erhöhte Temperatur und Übelkeit. Den ersten Tag überstehe ich noch recht unbeschadet - ab dem zweiten Tag trifft es mich! Ich habe ständig Kopf- und Hüftschmerzen, die die komplette Wirbelsäure bis hinauf zum Nacken ziehen. Ab und zu ist mir auch übel. Es ist allerdings möglich, bestimmte Medikamente gegen die Nebenwirkungen zu sich zu nehmen – auch ich mache davon Gebrauch. Da die Spende bereits um 8 Uhr morgens stattfindet, reise ich schon am Vorabend an. Dieses Mal brauche ich eine Begleitung – durch die Nebenwirkungen bin ich weder am Vortag, noch am Tag der Spende fahrtüchtig.


4. November 2021

Da für meinen Patienten eine sehr große Anzahl an Stammzellen benötigt wird, ist am Spende-Tag noch nicht sicher, ob ich nicht vielleicht am darauffolgenden Tag noch eine Spende abgeben muss. Die Schmerzen erreichen ihren Höhepunkt! Ich kann kaum noch gerade sitzen und habe Hitzewallungen. An der Klinik angekommen, werde ich in einem großen Sessel positioniert. Aus meinem rechten Arm fließt das Blut in eine Maschine, in der die Stammzellen und Blutplasma herausgefiltert werden. Daraufhin läuft das gefilterte Blut über meinen linken Arm zurück in meinen Körper. In dieser Zeit sind die Arme fixiert – Bewegung ist also nur sehr eingeschränkt möglich. Um die Zeit zu überbrücken, kann man aus einer Reihe von Filmen und Serien wählen. Schon nach einer Stunde kommt eine Ärztin auf mich zu und berichtet, dass das Medikament gut angeschlagen hat. Somit reicht der heutige Spende-Tag. Darüber bin ich sehr erleichtert, denn schon zu diesem Zeitpunkt beginnt die Spende unangenehm zu werden. Besonders mein rechter Arm schmerzt und zieht. Nach vier Stunden ist es vorbei – neben der Maschine baumelt ein Beutel mit meinen Stammzellen. Auch die Ärzte sind mit meinem Befund sehr zufrieden. Nach der Spende verschwinden auch die Schmerzen und schon nach einem Tag bin ich wieder ganz der Alte.

Fazit:

Würde ich es wieder tun? Ohne Frage. Die Spende-Woche gehört vielleicht nicht zu der schönsten Zeit meines Lebens, aber trotzdem stehen diese Strapazen in keinem Verhältnis zu der Angst, dem Leiden und der Ungewissheit, die der erkrankte Patient und seine Familie durchmachen müssen. Ich hatte die Möglichkeit, einer Person die Chance auf ein neues Leben zu geben und das ist schon unmittelbar nach der Spende ein unglaubliches Gefühl. Frühestens in sechs Monaten werde ich etwas zum Gesundheitszustand der Person erfahren, bis zu einer möglichen Kontaktaufnahme würden noch mindestens zwei weitere Jahre vergehen. Auf ein Treffen wäre ich sehr gespannt, um zu sehen, wer dieser Mensch überhaupt ist. Nur eines ist sicher: Er hat meine Spende erhalten und trägt einen Teil von mir in sich! Das wird uns unser Leben lang verbinden.

Info: Was sind Stammzellen?

Die Stammzellen, die für eine Transplantation benötigt werden, befinden sich im Knochenmark aller Knochen, in hoher Konzentration vor allem im Beckenkamm und in geringer Konzentration auch im peripheren Blut. Stammzellen sind die Mutterzellen aller Blutzellen und für die Blutbildung zuständig.

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