• Frequenzen: 100,4 & 99,4 & 90,8
  • Tel 06021 – 38 83 0
  • Kontakt

On Air

Jetzt anhören

Steuern wir auf eine Bildungskrise zu?

10.12.2023, 06:30 Uhr in PrimaSonntag
Schule

BAYER. UNTERMAIN (jm). Ein Ruck geht durch die Nation -Die deutschen Schüler haben im internationalen Leistungsvergleich PISA im Jahr 2022 das bisher schlechteste Ergebnis erzielt. Die Jugendlichen schneiden in Mathematik, im Lesen und in Naturwissenschaften deutlich schlechter ab als noch 2018. Wie macht sich das in unserer Region bemerkbar? PrimaSonntag hat mit Experten und Lehrern über die Gründe gesprochen.

„Für uns kann ich das nur in Teilen bestätigen“, berichtet Ansgar Stich, Schulleiter des Johannes-Butzbach-Gymnasiums in Miltenberg. „In allen Ergebnissen bis auf einer Wertung haben wir abgeschnitten wie immer. Ich nenne das einmal das gute Mittelfeld.“ Nur in einem Fach in einer Jahrgangsstufe habe man deutlich schlechter als früher abgeschnitten, das aber könnte ein statistischer Zufall sein. Was ihm aber schon auffällt, ist, dass die Schnitte insgesamt doch deutlich schlechter sind als früher. „Für mich kann ich sagen: Wir sind eigentlich relativ gleich geblieben, das Gesamtniveau ist aber gesunken. All das gilt mit dem Vorbehalt, ob Noten tatsächlich so viel über die Kompetenz aussagen.“ Über die Gründe für das schlechte Ergebnis kann Stich nur mutmaßen. „Vielleicht statistischer Zufall, vielleicht wird alles nicht so heiß gegessen, wie es manchmal öffentlich transportiert wird, vielleicht gilt die Aussage, dass jede Generation denkt, dass es in der vorherigen alles viel besser war - oder Corona.“

Ansgar Stich
Ansgar Stich Foto: Die Grünen

„Klassenzimmer
ist nicht zu ersetzen“
Die Pandemie spiele sicher eine gewichtige Rolle. „Mehr oder weniger zwei Jahre digitales Lernen in der Einsamkeit der heimischen Matratzengruft sind vielleicht für die sowieso Guten spurlos zu verkraften.“ Aber den Allermeisten habe das fehlende Lernen in Beziehung im Klassenzimmer definitiv geschadet. „Egal, wie gut auch die digitale Ferndidaktik bei uns gelungen war, das Klassenzimmer ist meiner Meinung nach nicht zu ersetzen. Das ist für mich die Hauptlehre aus Corona und nicht etwa die Forderung nach mehr elektrischen Geräten oder so etwas, was in Politik-Sonntagsreden schön klingt, aber den einzelnen Menschen nicht gerecht wird.“ Auf PrimaSonntag-Nachfrage schicken die Staatlichen Schulämter Miltenberg und Aschaffenburg ein gemeinsames Statement. „Die Corona-Zeit ist sicherlich nicht spurlos an den Schülern vorübergegangen. Zwar erreichten uns auch Meldungen, dass einzelne Schüler mit dem Distanzunterricht besonders gut zurechtgekommen sind, jedoch fehlte der Mehrheit sicherlich der direkte Austausch mit bzw. Bezug zu den Lehrkräften.“ Die PISA-Studie bezieht alle Schüler einer bestimmten Altersstufe über alle bayerischen Schularten hinweg und europaweit ein. Die Ergebnisse auf eine Schulart in einem Bundesland oder sogar in einen einzelnen Schulamtsbezirk herunterzubrechen und entsprechend zu interpretieren, wäre daher ein sehr komplexes Unterfangen. „Leider liegen dem Schulamt keine statistischen Erhebungen bzw. Daten vor, die es befähigt, die Ergebnisse der Schulamtsbezirke der Städte und Kreise Aschaffenburg-Miltenberg in Relation zu den PISA-Gesamtergebnissen zu setzen.“

KW49 Pisa Studie 1
Petra Hein

Bewegungselemente einbauen
„Da wir an einem Gymnasium unterrichten, wird der neuerliche ‚PISA-Schock‘ sicher gedämpfter empfunden“, erklärt Petra Hein, Schulleiterin des Julius-Echter-Gymnasium in Elsenfeld. „Das Niveau unserer Schüler in den genannten Fächern ist angemessen. Dennoch können wir auch am Gymnasium im Moment schwächer werdende Leistungen in Mathematik und Lesekompetenz feststellen.“ Hein glaubt nicht, dass sich die Ergebnisse auf eine Ursache zurückführen lassen. „Das Lernverhalten, die Konzentrationsfähigkeit und der Tagesablauf bzw. die Freizeitbeschäftigungen vieler Schüler haben sich im Laufe der Jahre verändert.“ Am JEG falle allerdings positiv auf, das es z. B. den Schülern der Sportklassen in der Unterstufe besser gelingt, sich auf die Unterrichtsinhalte zu fokussieren, wenn die Lehrkräfte Bewegungselemente in den Ablauf der Stunde einbauen. „Nicht vergessen darf man auch, dass an vielen Schulen Kinder mit Fluchtgeschichte und schwachen Deutschkenntnissen integriert werden.“

Das sagen unsere Leser:

Nicole Reus aus Alzenau:

KW 49 Pisa Studie Umfrage 1

„Es wird den Schülern nicht immer leicht gemacht, überhaupt die Leistung zu erbringen. Ich glaube, da besteht schon ein bisschen Handlungsbedarf, ohne dass man es immer an den Schülern messen muss. Vielleicht sollte man eher fragen, warum die Schüler so schlecht sind.“

George Soumi aus Aschaffenburg:

KW 49 Pisa Studie Umfrage 2

„Die Schüler sind es wahrscheinlich aus Corona-Zeiten gewohnt, zuhause zu bleiben und können sich nicht mehr richtig auf den Unterricht konzentrieren. Mit Internet und Social Media kann man mittlerweile auch alles einfacher finden, man kann direkt alles googlen.“


Sebastian Imgrund aus Blankenbach:

KW 49 Pisa Studie Umfrage 3

„Das liegt wahrscheinlich an den Lehrern, es gibt einfach zu wenige. Ich glaube, es wird sich über die Zeit hinweg bessern.“

Barbara Otto aus Schaafheim:

KW 49 Pisa Studie Umfrage 4

„Corona ist für alles heute eine Ausrede und auch sonst sind wir noch nie wirklich besser gewesen. Unser Schulsystem hat Mängel, wir sind zu wenig digitalisiert, Lehrkräfte fehlen an allen Ecken und Enden.“


Ralf Wörner aus Schneeberg:

KW 49 Pisa Studie Umfrage 5

„Ich würde sagen, der Bildungsplan passt nicht – es fehlt an Konzepten. Ich sehe die Kultusminister gefordert, mal an den Bildungsplänen zu arbeiten. Ich würde mir auch wünschen, dass sich Lehrer mal die Sorgen der Handwerksbetriebe anhören und sich mit diesen Ideen ans Kultusministerium wenden. Denn auch im Handwerk ist einiges an Bildung gefordert.“


Gökmen Bal aus Wörth:

KW 49 Pisa Studie Umfrage 6

„Ich bin selbst aus einem Haushalt, der aus dem Ausland stammt. Und da machen auch die Eltern einen großen Faktor aus, wenn daheim nicht viel deutsch gesprochen wird oder bei anderen Fächern geholfen wird.“


Cornelia Klein aus Aschaffenburg:

KW 49 Pisa Studie Umfrage 7

„Man merkt’s an den jungen Leuten und an den Lehrlingen, die haben keinen Ehrgeiz mehr.“

Jennifer Ebner aus Aschaffenburg:

KW 49 Pisa Studie Umfrage 8

„Das ganze Schulsystem müsste sich ändern. Man sollte ein bisschen strenger sein, aber auch den Unterricht angenehmer und interessanter gestalten für die Jugendlichen“

Luise Hock aus Hösbach:

KW 49 Pisa Studie Umfrage 9

„Natürlich müsste mehr Geld in die Bildung fließen, aber vor allem müssten die Familien selbst mehr tun für die Bildung.“