Jeder verlassene Ort hat seine eigene Geschichte

BAYER. UNTERMAIN (acm/mg). Hier wurde einst gearbeitet, gewohnt oder Geschichte geschrieben. Heute sind sie verlassene Orte und werden langsam von der Natur zurückgeholt. Diese Orte, auch Lost Places genannt, gibt es auch am Bayerischen Untermain zu Hauf. Und sie finden eine große Anhängerschaft. Aber was löst diese Faszination aus? Und was ist eigentlich die Geschichte hinter den verlassenen und vergessenen Orten unserer Region?
Es hat schon etwas Mystisches, leicht Gruseliges, aber auch Faszinierendes: Orte und Gebäude, an denen sich einmal das Leben getummelt hat und die jetzt vergessen und verlassen sind. Genau solche Orte ziehen sogenannte „Lost Placer“ an - Menschen, die sich hinein wagen und diese Örtlichkeiten erkunden. Philipp ist einer von ihnen: Der heute 39-Jährige aus Bayern verfolgt sein Hobby leidenschaftlich. „Ich war bis 2013 bei der Bundeswehr und hab‘ da sehr viel erlebt. Dann bin ich wieder ins normale Berufsleben gestartet mit einem relativ langweiligen Job - da hat mir dann einfach die Action gefehlt.“ Und so kam Philipp zum Erkunden von Lost Places: „Ich fand das schon immer spannend, weil ich sehr oft auf dem Arbeitsweg eine alte verlassene Bahnwendestation bei uns gesehen habe. Und das war auch tatsächlich der erste Ort, den ich mir angeschaut habe.“ Auch bei uns am Bayerischen Untermain war der Ex-Soldat schon unterwegs - häufig auf Militärgeländen. Denn auch bei uns gibt es viele verlassene Weltkriegsbunker, den US-Truppenübungsplatz in Aschaffenburg-Schweinheim oder den alten Raketenstartplatz in Miltenberg-Mainbullau.
Gefahr bei aller Freude
Doch das Erkunden von alten Gebäuden ist nicht ohne. Nicht nur, dass das Betreten illegal ist - es kann auch schnell sehr gefährlich werden. Auch Philipp machte diese Erfahrung bereits: „Es gibt viele Gefahren. Vor allem in Höhlen oder in Produktionsstätten, die unter der Erde liegen, teilweise sechs Stockwerke tief. Da gibt es immer die Gefahr, dass du dir eine Vergiftung in Form von Sauerstoffmangel einziehst.“ Kopfschmerz ist eines der ersten Warnsignale, sagt der 39-Jährige. Aber auch andere Gefahren lauern gerade an anderen Orten der Welt. Einmal hat Philipp mit seinen Freunden eine Lost-Place-Tour in Kasachstan gemacht. „Wir haben Space Shuttles der UDSSR in der Wüste gesucht und gefunden. Dort haben wir eine russische Patrouille gesehen. Eine bewaffnete russische Patrouille.“ Solche Erlebnisse bleiben natürlich im Kopf, bei allem Nervenkitzel. Und: Das Betreten von Lost Places ist strafbar, sagt uns Polizei-Sprecher Philipp Hümmer: „Das Aufbrechen von Türen oder Zerstören von Fenstern wird strafrechtlich verfolgt. Das Mitnehmen von „Souvenirs“ ist Diebstahl. Auch verfallene Gebäude haben Eigentümer (Privatpersonen, Kommunen, Erben).“ Außerdem warnt Hümmer vor Einsturzgefahr durch morsche Böden, Decken und Treppen. Aber auch herumliegende Glasscherben, rostige Nägel, Schimmel und Asbest können immer eine Gefahr darstellen. „Aus der Erfahrung kommt es vereinzelt immer wieder einmal zu entsprechenden Einsätzen im Bereich des Polizeipräsidiums Unterfranken“, so Hümmer.
Verlassene Orte bei uns
Mit alten Häusern, Produktionsstätten oder Bunkern, die verlassen und der Natur überlassen wurden, beschäftigt sich zurzeit auch der Foto- und Filmclub Kleinwallstadt. Inspiriert wurden die 22 Mitglieder von einem Buch der Autorin Laura Bachmann mit dem Titel „Lost & Dark Places Spessart“. Harald Metzger, 1. Vorsitzender des Vereins: „Das Thema haben wir quasi aufgegriffen als unser Jahresthema. 2024 haben wir fotografiert, das hat sich über ein ganzes Jahr gezogen.“ Bis zum 19. April gibt es die Foto-Ausstellung im Miltenberger Landratsamt zu sehen.
Alte Tabak-/Zigarrenfabrik in Mömbris-Strötzbach
Bis in die frühen 1970er-Jahre arbeiteten auch in Strötzbach noch Menschen in der Zigarrenproduktion – zuletzt in einer Filiale der Firma Neuhaus aus Schwetzingen. Wie überall im Kahlgrund rollten vor allem Frauen und Mädchen im Akkord Zigarren, oft unter einfachen Bedingungen und mit Tabakstaub in der Luft. Ganze Dorfgemeinschaften lebten von der Industrie, zeitweise waren mehr als 2.000 Menschen im Kahlgrund beschäftigt. Mit dem Strukturwandel verschwanden die Betriebe – und manche Gebäude, wie dieses am Karlesberg, blieben als stille Relikte zurück.

Seilbahn-Winkelstation in Blankenbach
Ein Stück Industriegeschichte schreibt auch ein Lost Place in Blankenbach: Hoch über Blankenbach erinnern Betonfundamente und Gebäudereste an eine frühere Materialseilbahn mit sogenannter Winkelstation. Zwischen 1899 und 1936 wurden über sie Rohstoffe aus Steinbrüchen und Gruben durch den Kahlgrund transportiert – oft über mehrere Kilometer hinweg. Mit dem Ausbau von Straßen und moderner Fördertechnik verlor die Anlage ihre Bedeutung und wurde stillgelegt. Heute liegen ihre Relikte versteckt im Wald und zeigen, wie aufwendig Industrie früher organisiert war.
Verlassene Hotels in Amorbach
Mit dem ehemaligen Hotel Frankenberg und dem Hotel Sonnenhügel stehen in Amorbach gleich zwei frühere Beherbergungsbetriebe leer. Für das Frankenberg-Areal wurden in den vergangenen Jahren zwar Pläne für eine Seniorenresidenz vorgestellt, umgesetzt ist das Vorhaben bislang jedoch nicht. Auch das kleinere, familiär geführte Hotel Sonnenhügel wartet weiterhin auf eine neue Nutzung. Die leerstehenden Häuser erinnern an Zeiten, in denen der Odenwald noch deutlich stärker vom Tourismus geprägt war.
Ami-Grundschule und Kaserne in Babenhausen
Auf dem ehemaligen US-Kasernengelände in Babenhausen erinnern gleich mehrere verlassene Gebäude an die militärische Vergangenheit des Standorts. Darunter eine frühere Grundschule für Soldatenkinder. In unmittelbarer Nähe stehen auch noch leere Kasernenbauten sowie ein markanter alter Wasserturm. Nach dem Abzug der US-Armee verfielen viele Teile des weitläufigen Areals oder wurden nur teilweise neu genutzt. Heute gilt das Gelände als einer der größten Lost-Place-Komplexe in Südhessen.
Gutshof im Rothenbucher Forst
Mitten im Rothenbucher Forst liegen verstreut alte Forst- und Jagdgebäude aus der kurmainzischen Zeit. Einige ehemalige Höfe und Wirtschaftsgebäude sind heute nur noch als überwucherte Ruinen oder verfallene Häuser zu erkennen. „Lost Placer“ berichten von verlassenen Waldgasthöfen oder Gutshöfen, deren genaue Geschichte oft schwer zu rekonstruieren ist. Der riesige Spessart-Wald war über Jahrhunderte ein abgeschottetes Verwaltungs- und Jagdgebiet – mit vielen Orten, die heute fast vergessen sind.
Steinbruch Hartkoppe in Sailauf
Der stillgelegte Steinbruch an der Hartkoppe bei Sailauf wirkt heute wie eine riesige offene Wunde im Spessart. Jahrzehntelang wurde hier Rhyolith für den Straßenbau abgebaut, bis der Betrieb Ende 2017 endgültig eingestellt wurde. Seitdem verfällt das Gelände langsam – eingezäunt, verlassen und für Besucher tabu. Trotzdem zieht der Blick in die steilen Felswände und auf die alten Abbauflächen immer wieder neugierige Lost-Place-Fans an.
Bahnrelikte bei Laufach
Im Wald bei Laufach stößt man auf gleich zwei ungewöhnliche Bahn-Lost-Places: einen abgestellten alten Güterwaggon sowie die Tunneleingänge der ehemaligen Spessartrampe. Mit dem Bau der neuen Bahntrasse verlor die historische Strecke ihre Bedeutung, viele Anlagen wurden stillgelegt oder zurückgebaut. Der Tunnel selbst ist heute zugeschüttet – nur noch das Portal erinnert an die frühere Bahnverbindung durch den Spessart. Zwischen Bäumen und überwucherten Dämmen wirken die Relikte wie eingefrorene Technikgeschichte.
Hexenturm in Großostheim
Mit die düsterste Geschichte schreibt wohl ein Wahrzeichen im Bachgau: Der Hexenturm in Großostheim war einer der Wehrtürme und wurde vor allem in der frühen Neuzeit als Verließ genutzt. Frauen, die der Hexerei angeklagt waren, wurden hier gefoltert und hingerichtet. „Peinlich befragt hat man dazu damals gesagt“, erzählt uns Ewald Lang vom Bachgaumuseum. „Es gibt auch die Sage der Hexe Gundula von Ringheim. Da gab es auch ein großes Theaterstück drüber im Dritten Reich.“ Später wurde der Turm noch zum Kalklöschen genutzt – heute steht er still.

Holzverarbeitung im Spessart
Im abgelegenen Krommenthal bei Heigenbrücken erinnern verlassene Hallen und überwucherte Flächen an eine frühere Holzverarbeitung. Jahrzehntelang wurde hier gearbeitet, gesägt und verladen – heute stehen Teile des Geländes leer oder werden nur noch sporadisch genutzt. Rostige Technik und zerfallene Gebäude zeigen, wie schnell Industrie verschwinden kann. Der Ort wirkt wie ein eingefrorener Moment aus einer anderen Zeit.

Soldatenfriedhof in Karlstein
Mitten in Großwelzheim liegt ein kaum bekannter Soldatenfriedhof aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Zwischen Bäumen und vermoosten Grabsteinen erinnert der Ort an gefallene Soldaten und die Folgen des Krieges in der Region. Heute wirkt das Gelände verlassen und still – fernab vom Alltag. Gerade diese Ruhe macht den Ort für viele Besucher besonders eindrucksvoll.



