Wir heilen, werden aber nie vergessen

ASCHAFFENBURG (acm). Fast genau ein Jahr ist es her, dass Enamullah O. eine ganze Stadt in einen Ausnahmezustand versetzt hat. Am Vormittag des 22. Januar 2025 ging der Afghane mit einem Messer auf eine Kindergartengruppe im Aschaffenburger Schöntal-Park los. Ein Kleinkind und ein Helfer starben, mehrere Menschen wurden durch seine Stiche verletzt. Mittlerweile sitzt der Täter in der Psychiatrie - doch seine grausame Tat hinterlässt bis heute tiefe Spuren. Ganz Deutschland blickte auf Aschaffenburg, es gab sogar heftige politische Diskussionen im Bundestag darüber. Doch was bleibt heute davon übrig?
Zum Jahrestag am Donnerstag organisiert die Stadt Aschaffenburg eine offizielle Gedenkfeier in der Christuskirche. Weil die Stadt mit hohem Andrang rechnet, wird sie auch als YouTube-Livestream übertragen. Die Opfer und Betroffenen des Angriffs werden vermutlich nicht dabei sein, hat uns Oberbürgermeister Jürgen Herzing im Interview gesagt. Sie haben sich entschieden, dieses Kapitel öffentlich abzuschließen und sich in den Medien nicht mehr dazu zu äußern. Die Ehefrau des getöteten Helfers lebt inzwischen nicht mehr in Aschaffenburg. Mit den Betroffenen steht Herzing dennoch weiterhin im Austausch: „Wir haben vor zwei Wochen zusammengesessen. Es war schon sehr emotional, es sind auch Tränen geflossen.“ Geplant ist außerdem ein Erinnerungsort im Schöntal-Park. Eine spezielle Kommission dafür tagt bereits seit einem halben Jahr. „Es soll kein Ort sein, an dem man nur weint. Man soll sich damit auseinandersetzen. Man soll wissen, was passiert ist und wie man mit Demokratiebildung dann auch nach vorne schauen kann.“ Das Denkmal soll auf einem hell gelegenen Abschnitt im Park entstehen - dort, wo ein Ginkgo-Baum steht, ein Symbol für Überleben und Wachstum aus Krisen. „Wir sehen eine Hoffnung, dass man mit Bildung und Austausch etwas Besseres erreichen kann“, so Herzing.
Wie sicher sind wir wirklich?
Mittlerweile herrscht im Schöntal-Park wieder Normalität: Jogger sind unterwegs, Familien gehen spazieren, im Sommer wird auf der Wiese gepicknickt. Doch die Tat hat Spuren hinterlassen. Jeder weiß, was hier vor einem Jahr passiert ist. Viele fühlen sich nicht mehr so sicher, wenn sie durch den Park gehen. Philipp Hümmer vom Polizeipräsidium Unterfranken will diese Angst nehmen: „Wir sind weiterhin regelmäßig im Innenstadtbereich und auch im Schöntal unterwegs.“ Die Polizeistreifen sollen ansprechbar bleiben und Unsicherheiten abbauen. Zusätzlich hat die Stadt mehr Ordnungsbeamte eingesetzt. „Auch wenn es verdammt schwer ist: Wir leben hier im gesamtdeutschen Vergleich wirklich sicher“, sagt Hümmer. Generell setzt die Stadt mittlerweile mehr auf Sicherheit. In der nächsten Zeit soll am Haupt- und Busbahnhof eine komplett neue leistungsfähige Überwachungsanlage an den Start gehen. Polizei und Sicherheitsbeauftragte können zwar etwas die Angst nehmen – rückgängig machen kann das Geschehene allerdings niemand. Und es wird auch noch länger präsent sein, sagt Oberbürgermeister Herzing: „Es ist wie eine Narbe nach einer Operation. Sie schmerzt beim Einen länger, beim Anderen weniger lang. Irgendwann lässt es nach. Aber wenn man hin greift oder sich anstößt, tut es an der Stelle wieder weh.“
Der Prozess
Im Oktober begann vor dem Aschaffenburger Landgericht der Prozess gegen den Messerstecher Enamullah O. Doch nicht als normaler Strafprozess – es war ein Sicherungsverfahren, was ihn nun lebenslang in eine Psychiatrie gebracht hat. Angeblich war er am Tattag in einem Wahn, wie „in einem Kriegsfilm“, hieß es bei Gericht. Stimmen in seinem Kopf befohlen ihm, die kleinen hilflosen Kinder anzugreifen. In diesem Moment soll ihm nicht bewusst gewesen sein, was er tut. Nach seiner Festnahme weinte er und fragte, ob Menschen gestorben sind, berichtete ein Polizist. Schon zu Prozessbeginn machte sein Verteidiger klar, dass Enamullah psychisch krank ist. Schon davor war er polizeibekannt und immer wieder mit abstrusem Verhalten aufgefallen – dennoch hielten die Behörden ihn nicht für eine Gefahr für die Öffentlichkeit. Rückgängig machen lässt sich das alles nicht. Für viele steht aber bis heute die Frage im Raum, warum es so weit kommen konnte.
Das sagen die PrimaSonntag-Leser:
Karl Sternheimer aus Heigenbrücken: „Ich war an dem Tag vor Ort. Ob es seitdem insgesamt sicherer geworden ist, kann ich nicht sagen. Ich denke so etwas kann man nicht wirklich beeinflussen, das ist eine Sache die überall passieren kann. Von daher sollte man immer wachsam sein, ich würde aber trotzdem jederzeit durch den Park laufen.“
Martin von Reizenstein aus Aschaffenburg: „Ich meide den Park nicht, achte aber auf Personen, die mir ein bisschen suspekt vorkommen und gehe denen aus dem Weg. Durch die Polizeipräsenz ist das Sicherheitsgefühl glaube ich auch wieder mehr zurückgekehrt. Aber so ganz gelegt hat es sich noch nicht, das bleibt schon in den Köpfen der Leute!“
Sonja aus Aschaffenburg: „Ich laufe oft durch den Park und automatisch, wenn mir irgendjemand komisch vorkommt, gucke ich mich um, bleibe einfach mal stehen oder lasse denjenigen vorbei. Das ist tatsächlich auch erst seit dem Vorfall im letzten Jahr so, dass ich so ein mulmiges Gefühl habe. Vorher habe ich mich in der Stadt sehr sicher gefühlt. Meine Kinder würde ich jetzt ungerne alleine durch den Park laufen lassen.“
Andrea Etzel aus Mömbris: „Ich fühle mich immer noch sicher hier. Das, was da passiert ist, kann überall passieren. Da dürfte man gar nicht mehr rausgehen. Man muss die Angst ablegen. Das hat es früher alles nicht gegeben und das ist traurig für Deutschland.“
Herbert Otter aus Goldbach: „Naja, ich gehe selten durch den Park. Also das schlappe, komische Gefühl hätte ich schon, wenn ich jetzt da durchlaufen müsste. Die Stadt hat damals ihr Möglichstes getan.“
Hannelore Böttcher aus Aschaffenburg: „Man ist ein bisschen vorsichtiger und schaut, wenn einer hinterher. Man denkt, alles ist kriminell. An dem Tag war ich zufällig in der Stadt mit einer Freundin. Wir haben das komplett mitgekriegt. Die Stadt hat sich gut verhalten.“