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„Alles ein bisschen aufgebläht“

13.06.2026, 05:00 Uhr in PrimaSonntag
Bommer online

ASCHAFFENBURG. Ganz Deutschland schaut gebannt und voller Vorfreude auf den WM-Auftakt der Nationalelf gegen Curaçao, aber Rudi Bommer traut der Euphorie noch nicht. Was für viele nach Pflichtsieg klingt, sieht der frühere Nationalspieler deutlich kritischer. Im PrimaSonntag-Interview spricht er über Deutschlands wacklige Titelträume, die Hitze-Falle in Nordamerika, neue Regeln - und das bittere WM-Aus von Lennart Karl.

Wenn Deutschland an diesem Sonntagabend in die Fußball-Weltmeisterschaft startet, schaut Rudi Bommer ganz genau hin. Nicht nur auf Tore und Chancen, sondern auf Viererkette, Abstände, Pressing und die Wege nach vorne. „Der Fan will gewinnen, der will feiern“, sagt Bommer. Er selbst sehe ein Spiel aber immer noch mit dem Blick des früheren Profis und Trainers. Der ehemalige Nationalspieler weiß, wovon er spricht. Er spielte selbst für die deutsche Nationalmannschaft, war 1984 bei der Europameisterschaft dabei und holte 1988 mit der Olympia-Auswahl Bronze. Seine erste Berufung zur Nationalmannschaft ist ihm bis heute geblieben. „Für mich war die Nationalmannschaft das Größte“, sagt er.

Nach der Gruppe  wird’s richtig schwer
Vor dem deutschen WM-Start ist der frühere Profi vorsichtig. Die Gruppe mit Curaçao, der Elfenbeinküste und Ecuador müsse Deutschland überstehen. Danach beginne aber die eigentliche Prüfung. „Achtelfinale oder Viertelfinale“, sagt Bommer, „dann wird es schwierig.“ Am ehesten rechnet er mit einem Aus im Viertelfinale. Deutschland habe unter Julian Nagelsmann lange nicht mit einer wirklich konstanten Mannschaft gespielt. Sorgen macht ihm vor allem, was passiert, wenn Florian Wirtz und Jamal Musiala aus dem Spiel genommen werden. Das habe der Test gegen die USA gezeigt. „Wenn die beiden aus dem Spiel genommen werden, ist wenig noch zu sehen von der deutschen Mannschaft“, sagt Bommer. Die Elfenbeinküste nennt er deshalb als unangenehmen Gegner: schnell, robust und schwer zu bespielen. Auch Ecuador sei keine Mannschaft, die man im Vorbeigehen schlägt. Zu den Favoriten zählt er Frankreich, Spanien, Argentinien, Portugal und England. Als mögliche Überraschung hat er Norwegen auf dem Zettel. Die neue WM mit 48 Teams sieht der Fußball-Experte aber kritisch. Sie sei „ein bisschen zu sehr aufgebläht“. Ein großes Thema sind für ihn auch die Bedingungen in Nordamerika. Hitze, lange Reisen, kurze Regenschauer und danach der Dampf des Bodens - all das könne für die Spieler eine echte Belastung werden. Das kennt er aus eigener Erfahrung. Er war dort als Spieler bei Olympia unterwegs.

„Vielleicht hat man ihn verheizt“
Besonders bitter findet der frühere Nationalspieler das WM-Aus von Lennart Karl.
Der 18-Jährige vom FC Bayern, fußballerisch groß geworden in unserer Region und bei Viktoria Aschaffenburg, verpasst das Turnier wegen eines Muskelbündelrisses im linken Oberschenkel. „Mir tut der Junge wirklich leid“, sagt Bommer. Karl habe sich an die WM herangekämpft und dann kurz vorher so ein bitterer Rückschlag. Das müsse man mit 18 Jahren erst einmal verarbeiten. Auch die Häufung der Muskelverletzungen macht ihn nachdenklich. „Vielleicht hat man ihn auch ein Stück weit verheizt“, sagt er. Das sei keine Anklage, eher die Sorge eines früheren Profis. Neben der körperlichen Pause komme bei Karl auch die Enttäuschung dazu: die verpasste WM, die Schmerzen und der Druck, wieder zurückzukommen. 

Neue Regeln, alte Sorgen
Bei den Regeln bleibt der ehemalige Profi ebenfalls kritisch. Den Videobeweis hätte er sich früher nur bei klaren Tor-Situationen gewünscht. Die vielen Millimeter-Entscheidungen gefallen ihm nicht. „Fußball lebt von Tatsachenentscheidungen“, sagt Bommer. Auch dass künftig nur noch der Kapitän mit dem Schiedsrichter sprechen soll, sieht er skeptisch. Fußball lebe von Emotionen. Für Deutschland zählt gegen Curaçao trotzdem erst einmal nur der Start. Die Botschaft ist klar: Diese Gruppe muss die DFB-Elf überstehen. Aber danach werden die Gegner stärker, die Wege länger und die Fehler teurer. Diese WM kann für Deutschland schön werden. Einfach wird sie nicht.