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Babygeschrei zwischen Müllbergen!

07.06.2026, 06:00 Uhr in PrimaSonntag
KW23 Muelldeponie Collage

ASCHAFFENBURG (vm). Was passiert eigentlich mit unserem Müll, nachdem wir ihn zu Hause in die schwarze Tonne geworfen haben? Genau dieser Frage sind wir in Aschaffenburg nachgegangen - dort, wo der Abfall aus Stadt und Landkreis landet. Gemeinsam mit Betriebsleiter Holger Ehmann haben wir einen Blick hinter die Kulissen der Müllumladestation geworfen. „Alles, was zu Hause nicht mehr gebraucht wird und im Müll endet, landet bei der GBAB, die Gesellschaft für Bioabfallwirtschaft in Kreis und Stadt Aschaffenburg“, erklärt Ehmann. 

Was für uns zu Hause mit einem kurzen Griff zur Mülltonne erledigt ist, wird hier zur logistischen Aufgabe. Der Hausmüll aus Stadt und Landkreis Aschaffenburg aus der schwarzen Tonne wird auf der Müllumladestation gesammelt, umgeschlagen und dann weitertransportiert. In der großen Mülllagerhalle wird schnell klar: Hier läuft alles nach System. Müllfahrzeuge fahren ein, kippen ihre Ladung ab, Radlader schieben den Restmüll zusammen und anschließend werden große Lkw beladen. „Viele kleine Fahrzeuge bringen den Müll hierher – die großen Fahrzeuge holen ihn dann wieder ab“, sagt Ehmann.Der nächste Halt ist das Gemeinschaftskraftwerk in Schweinfurt. Dort wird der Müll verbrannt und damit thermisch verwertet.

Sperrmuell
Halle mit muell 2
Muell wird aufgeladne zum abtransport 2
Muell wird aufgeladne zum abtransport 1

Täglich 100 Tonnen Restmüll

„Der Lkw wird mit dem Restmüll aus Stadt und Landkreis Aschaffenburg beladen. Der wiegt leer rund 15 Tonnen und transportiert ungefähr 25 Tonnen Restmüll nach Schweinfurt“, so Ehmann. Im Schnitt fahren vier dieser Fahrzeuge am Tag von Aschaffenburg zur Müllverbrennung nach Schweinfurt. Jeder einzelne Ladevorgang ist dabei eingespielt. „Unsere Mitarbeiter sind sehr geschult“, betont Ehmann. Bis so ein großer Transporter voll ist, dauert es nicht lange, ungefähr zwischen 12 und 15 Minuten.Am Tag kommen enorme Mengen zusammen. Rund 100 Tonnen Restmüll werden nach Angaben von Holger Ehmann täglich angeliefert. 25.000 bis 27.000 Tonnen Restmüll werden dort im Jahr umgeschlagen.

Was gehört in den Restmüll?

Neben dem klassischen Hausmüll gibt es hier auch Sperrmüllberge. Das hat einen einfachen Grund: Der Einzugstrichter der Verbrennungsanlage hat nur eine bestimmte Größe. Sperrige Teile wie Matratzen passen dort nicht gut rein und müssten vorher geschreddert werden. Solche Mengen werden nach Würzburg gebracht, da das Müllheizkraftwerk dort einen größeren Einzugstrichter hat. Zwischen Restmüllbergen und schweren Maschinen wird deutlich: Nicht alles, was in der Tonne landet, gehört dort wirklich hinein. „Es gibt natürlich Dinge, die haben im Restmüll gar nichts zu suchen“, sagt Ehmann. Besonders problematisch sind Akkus, Batterien und Druckgasflaschen.

Akku brennt

Brandgefahr in der Müllumladestation

Wie gefährlich solche falschen Entsorgungen sein können, zeigt ein Blick nach oben in die Halle. Dort hängen Thermalkameras: „Diese Kamera erkennt die Temperatur in der Müllumladestation“, erklärt Ehmann. Einmal habe die Anlage Alarm geschlagen, weil sich ein Handyakku im Müllberg selbst entzündet habe. Laut Ehmann brennt statistisch gesehen jeden Tag irgendwo in Deutschland ein Müllauto. Auch in der Aschaffenburger Müllumladestation gab es bereits Brände. „Wir hatten schon zweimal Brände hier: 2012 und 2022“, berichtet Ehmann. Die Vorstellung reicht, um zu verstehen, warum Akkus und Batterien nichts im Restmüll verloren haben. „Wenn so ein Müll- oder Sperrmüllberg brennt, dann ist ein Feuer eine sehr intensive, aber keine schöne, Erfahrung“, sagt er. Zwischen all den Alltagsabfällen steckt also auch ein echtes Risiko.

KW23 Holger Ehmann

Das Müll-Gen

Für Holger Ehmann ist die Arbeit mit Müll längst mehr als nur ein Job. Seit den 90er-Jahren ist er mit der Anlage verbunden. „Ich habe 1993 hier als Praktikant angefangen“, erzählt er. Eigentlich hatte er Maschinenbau studiert, merkte aber, dass ihn Umweltschutz mehr interessiert. Später wurde er Betriebsleiter. „Die haben mich genommen, aber hatten auch Glück, dass ich zu diesem Zeitpunkt Zeit hatte“, sagt Ehmann mit einem Schmunzeln. Und wie ist das eigentlich mit dem Geruch? Wer an Müll denkt, denkt schnell an Gestank. Holger Ehmann sieht das anders. „Ich denke, man muss so ein bisschen das Müll-Gen in sich haben“, sagt er. Ekel habe er nie empfunden. Natürlich gebe es auf dem Gelände viele verschiedene Gerüche, und man werde mit der Zeit sensibler dafür. „Aber als Gestank habe ich das noch nie empfunden“, sagt Ehmann. Wer mit ihm durch die Anlage geht, merkt: Hier spricht jemand, der seinen Arbeitsplatz wirklich kennt.

Kurioses Erlebnis

Besonders in Erinnerung geblieben ist Holger Ehmann ein Erlebnis an einem Freitagmittag. „Ich habe Babygeschrei gehört – aus dem Müllberg“, erzählt er. Der Betriebsleiter erschrak, holte einen Kollegen dazu und ging mit ihm in dem Müllhaufen auf die Suche. Am Ende stellte sich heraus: Es war glücklicherweise kein Kleinkind, sondern eine Spielzeugpuppe. „Die sind heute täuschend echt. Das war das kurioseste Erlebnis auf der Müllumladestation,“ sagt Ehmann.

KW23 Muellberg

Aus Biomüll wird Strom und Wärme

Auch der Biomüll spielt bei der GBAB eine wichtige Rolle. Aus dem Inhalt der braunen Tonne entsteht Energie. „Hier erzeugen wir aus Bioabfall, das heißt aus der braunen Tonne aus Stadt- und Landkreis, Strom und Wärme für die Aschaffenburger“, erklärt Ehmann. In der Bioabfallvergärungsanlage wird aus Biomüll Biomethangas gewonnen. Das Gas wird anschließend in Blockheizkraftwerken genutzt. „Hier machen wir aus Biomüll Strom und Wärme für Aschaffenburg“, sagt Ehmann.

Früher-heute

Früher war der Umgang mit Müll ein anderer als heute: In den 70er- und 80er-Jahren wurden Abfälle häufig unbehandelt und wild durchmischt auf Deponien gebracht. Als der Platz auf den Deponien immer knapper wurde und sich Umweltanforderungen verschärften, änderten sich die Vorgaben. Seitdem darf Hausmüll nicht mehr einfach unbehandelt abgelagert werden, sondern muss vorher in einer Müllverbrennungsanlage thermisch behandelt werden. Die ehemalige Deponie in Stockstadt ist zwar bereits seit 1998 geschlossen, trotzdem ist sie bis heute ein Fall für Fachleute. Im Inneren entstehen noch Deponiegas und Sickerwasser. Dies muss regelmäßig kontrolliert werden. Das Deponiegas wird über 52 Brunnen abgesaugt und in einem Blockheizkraftwerk verstromt, das Sickerwasser wird gesammelt und anschließend in einer Sickerwasserbehandlungsanlage vor Ort  gereinigt. Über die großen Müllberge ist heute Gras gewachsen. Viele Besucher überrascht deshalb, wie viel Technik in so einer alten Deponie steckt – und dass sie auf dem Deponieberg auf mehr als 20 Metern Müll stehen.

Der Weg nach der Mülltonne

Der Blick hinter die Kulissen zeigt: Unser Müll verschwindet nicht einfach, wenn der Deckel der Tonne zufällt. Er wird gesammelt, kontrolliert, verladen, transportiert, verbrannt oder verwertet. „In den 70er, 80er Jahren ist Müll unbehandelt und wild durchmischt auf Mülldeponien gebracht worden“, erinnert Ehmann. Heute ist daraus ein komplexes System geworden. Und nach dem Besuch in der Müllumladestation ist klar: Was wir zu Hause wegwerfen, ist für Holger Ehmann und sein Team erst der Anfang.

Biomuell Strom 2