"Armes Deutschland?!"

BAYER. UNTERMAIN (to). Deutschland ist raus! Schon wieder. Und diesmal fühlt es sich nicht mehr wie ein Unfall an. Als Gruppensieger war die Nationalmannschaft in die K.o.-Runde dieser WM gegangen, doch im Sechzehntelfinale gegen Paraguay war direkt wieder Schluss. Nach 120 Minuten stand es 1:1, im Elfmeterschießen scheiterte Deutschland dann endgültig. Nach dem Titel 2014 konnten wir uns in diesem Jahr also zum dritten Mal infolge nicht mehr für ein Achtelfinale bei der WM qualifizieren. Was früher selbstverständlich war, ist inzwischen Wunschvorstellung.
Damit geht die große Enttäuschung weiter und mittlerweile ist Deutschland ein Gegner, vor der auch kleine Mannschaften und Län der keine Angst mehr haben müssen. Wir haben Menschen aus der Region gefragt, wie sie das deutsche WM-Aus erlebt haben. Außerdem haben wir mit Ex-Nationalspieler Rudi Bommer gesprochen, der schon vor der WM im PrimaSonntag-Interview gewarnt hatte: Nach der Gruppenphase werde es richtig schwer.
„Das ist kein Familienausflug“
Rudi Bommer stört nach dem WM-Aus nicht nur das Ergebnis, sondern vor allem das Auftreten der deutschen Mannschaft. Für ihn fehlt im Kader eine klare Ordnung. „Wir haben gar keine Hierarchie mehr im deutschen Kader“, sagt er. Auch das Drumherum sieht der frühere Nationalspieler kritisch. Die Nationalmannschaft müsse bei einer WM komplett auf das Turnier fokussiert sein. „Ich habe so das Gefühl, das ist so ein Familienausflug bei der Nationalmannschaft geworden. Aber das ist kein Familienausflug - wir vertreten Deutschland!“ Bommer vermisst den unbedingten Willen, alles dem Erfolg unterzuordnen. „Es ist immer noch Arbeit. Spieler und Trainer haben alles dafür zu tun, die Nation Deutschland zu vertreten!“ Bommer vergleicht das mit seiner eigenen Zeit als Spieler. „Ich war vier Wochen bei der Europameisterschaft in einer kleinen Hotelanlage“, erzählt er. Familie, Ablenkung, Komfort – all das habe damals keine Rolle gespielt. „Das hat es früher nicht gegeben – ich hatte nach acht Tagen schon Lagerkoller!“
„Armes Deutschland“
Auch sportlich sieht Bommer große Probleme. Deutschland verlasse sich zu sehr auf einzelne Namen. „Du kannst es auch nicht immer abhängig machen nur von Musiala und Wirtz. Wo sind denn die anderen Spieler? Wo sind denn die kreativen Spieler in Deutschland?“ Auch ein Lennart Karl hätte in Bommers Augen keinen großen Unterschied gemacht: „Wenn ein 18-Jähriger dafür verantwortlich ist, dass wir ins Halbfinale kommen, dann muss ich ganz ehrlich sagen: armes Deutschland!“ Bommer fehlen die Typen, die früher ein Spiel an sich gerissen haben. „Lothar Matthäus, der war vorne wie hinten eine Maschine. So Spielertypen wie Guido Buchwald oder Andi Möller, die brutal schnell waren, sehe ich nicht mehr.“ Gegen Paraguay habe Deutschland dann genau das vermissen lassen, was der Gegner gezeigt habe: „Du kannst rennen und kämpfen. Paraguay hat keinen Zauberfußball gespielt, die haben ihre Zweikämpfe gewonnen und sind nach vorne gelaufen.“ Deshalb reichen Bommer die Erklärungen nach dem Abpfiff nicht: „Ich kann danach super Interviews geben: Ja, es hat daran gelegen, und wir waren nicht rechtzeitig in den Zweikämpfen drin. Alles nett dahergesagt. Aber dann mach es doch auf dem Platz!“

„Ich verfolge Deutschland immer, wenn EM oder WM ist. Bei den Public Viewings war gute Stimmung. Alle dachten, dass es gut anfängt, nach dem 7:1 im ersten Spiel und jetzt ist es schon wieder vorbei. Es war eine große Enttäuschung für mich. Es lag, denke ich, am Trainer: Julian Nagelsmann hat in den Interviews überhaupt nicht sympathisch und kritikfähig gewirkt. Es muss bei uns einfach besser laufen! Die Mannschaft muss an sich arbeiten und darf nicht so früh rausfliegen. Wenn kleinere Länder gegen uns gewinnen, dann kann man uns nicht mehr als große Fußballnation bezeichnen. An den Fans liegt es nicht, da ist die Stimmung immer gut!“

„Wenn man gegen Paraguay rausfliegt, sitzt der Frust tief. Wir haben echt gute Namen in unserem Team, aber für die nächste WM muss sich auf jeden Fall etwas ändern – vielleicht auch der Trainer. Ich würde die Schuld aber nicht auf ihn schieben! Er hat keinen Einfluss darauf, wie die Spieler auf dem Platz performen und Paraguay hat sich einfach mehr reingehauen. Gut fand ich Nathaniel Brown, der hat sich den Arsch aufgerissen. Am meisten enttäuscht war ich von Leroy Sané – aber durch die Verletzung von Lennart Karl musste er spielen. Jonathan Tah muss man Respekt zollen, dass er sich traut, den Elfmeter zu schießen. Ihn jetzt dafür runterzumachen, finde ich respektlos, vor allem, weil er auch kein schlechtes Turnier gespielt hat. Insgesamt war es aber ein peinlicher Auftritt von uns, wir haben nicht mal gegen eine Fußballnation wie Frankreich, Argentinien oder Portugal gespielt.“

„Wir haben das Spiel bei uns zuhause geschaut, waren eigentlich schon müde, aber weil es dann so spannend war, haben wir fertig geguckt. Die Euphorie wie sie 2014 war, ist einfach nicht mehr da. Wir waren zwar gespannt, was passiert und auch positiv gestimmt, aber am Ende war es Enttäuschung pur! Wir hätten mindestens zwei Runden weiterkommen können. Gegen Paraguay hätte es schon früher klarer für Deutschland sein müssen – auch wegen dem nicht gegebenen Treffer. In Summe haben alle Schuld an dem Ausscheiden. Ich finde es falsch, da nur dem Trainer die Schuld zu geben. Wie er den Deniz Undav eingesetzt hat, war vielleicht gerade gut so. Wir glauben, dass ein Lennart Karl frischen Wind reingebracht hätte, wenn er nicht verletzt gewesen wäre.“

„Ich bin davon ausgegangen, dass es ein lockeres Ding wird. 3:0 habe ich getippt. Ich glaube, der erste, der nach so einem Ausscheiden drunter leiden muss, ist der Trainer – das taktische Konzept, die Aufstellung und die Ein- und Auswechslungen werden hinterfragt. Gegen eine Mannschaft wie Paraguay, die sich mit elf Mann hinten reinstellt, musst du taktisch anders reagieren. Ein Trainer muss da flexibel sein, das hat er nicht geschafft. Von den Spielern hat mich Jamal Musiala am meisten enttäuscht. Trotz seiner Verletzung habe ich mehr von ihm erwartet. Joshua Kimmich fand ich gut, der stellt sich immer in den Dienst der Mannschaft. Bei den nächsten Turnieren brauchen wir wieder mehr Euphorie. Vielleicht auch einen Trainer, der polarisiert – Jürgen Klopp würde ich feiern!“