„Bitte verlass‘ mich nicht!“

BAYER. UNTERMAIN (lt). Es ist eine Liebe für immer oder vielleicht nur für eine bestimmte Zeit: Pflegekind sucht Pflegeeltern - vor allem bei uns in der Region. Doch bei Dauerpflegeverhältnissen bleibt oft die Sorge und Angst, ob das Kind eines Tages die Familie wieder verlassen muss. Vier Eltern erzählen, wie sie mit dieser Verantwortung leben und sich ihr Leben durch die Pflege verändert hat.

Jennifer Adrian aus Miltenberg: Ein Alpaka als Zeichen des Universums
Jennifer Adrian aus Miltenberg arbeitet als Erzieherin und begleitet seit vielen Jahren Kinder in ihrem Alltag. Eigene Kinder hatten für sie lange keine oberste Priorität – sie liebte ihre Unabhängigkeit und reiste viel. Die entscheidende Wendung kam, als sie ihr künftiges Pflegekind im Kindergarten kennenlernte. Seine Geschichte ließ sie nicht mehr los. Sie erfuhr, dass er in Bereitschaftspflege lebte und dringend eine Pflegefamilie suchte. Vor allem Säuglinge und jüngere Kinder werden schneller vermittelt, während bei älteren Kindern die Wahrscheinlichkeit höher ist, in ein Heim zu kommen. Trotzdem haderte sie noch, da sie sich bewusst dafür entscheiden musste, als Alleinerziehende ein Pflegekind aufzunehmen. Gleichzeitig bezog sie ihre Eltern von Anfang an mit ein, da sie weiterhin in Teilzeit als Erzieherin arbeiten wollte. Sie unterstützen sie seit Beginn. Ein besonderes Erlebnis bestärkte sie zusätzlich: Sie bat das Universum um ein Zeichen, falls dies ihr Lebensweg sein sollte. Einen Tag später, bei einer Alpakawanderung, suchte sich ausgerechnet das Tier sie aus, das denselben Namen trägt, wie ihr heutiges Pflegekind. Die Entscheidung fiel schließlich gemeinsam mit dem Kind, das sich ein Leben bei ihr vorstellen konnte und mit „Ja“ antwortete. Heute sagt Jennifer: „Mein Leben ist durch diese Entscheidung so viel bunter geworden, und in den letzten anderthalb Jahren durfte ich unglaublich wachsen – jeden Tag aufs Neue.“

Alexandra Strecker aus Aschaffenburg: Eine persönliche Gute-Nacht-Geschichte
Alexandra Strecker aus Aschaffenburg hat nicht nur drei eigene, sondern auch drei Pflege- und zwei Adoptivkinder. „Wir wussten schon immer, dass wir mit Kindern leben wollten, aber haben keine eigenen gekriegt.“ Im Alter von 21 Jahren adoptiert sie gemeinsam mit ihrem Mann den ersten Sohn. Gerade einmal vier Tage war er alt, als Alexandra ihn das erste Mal auf dem Arm hielt: „Diese Last der Verantwortung, auf die man sich bei einem Kind, das man selbst auf die Welt bringt, scheibchenweise einstellt, die hatte ich in voller Wucht.“ Die achtfach-Mutter hat sich die Mühe gemacht, bei jedem ihrer Kinder den Weg zu ihr zu verschriftlichen, um sie dann als Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen, denn ihr ist es immer wichtig, dass die Kinder über ihre sogenannte „Bauchmama“ Bescheid wissen. Im Alltag muss Alexandra Strecker jedoch mit unterschiedlichen Reaktionen umgehen: „Ich stand einmal mit unserem Adoptivsohn an der Kasse, da sagte die Kassiererin zu mir: ‚Das ist aber auch ein Großes. Sie sind so zierlich, da ist der Vater wohl sehr groß.‘ Und dann habe ich gesagt: ‚Ich kenne den Vater nicht‘. Da hat die Kassiererin mich angeguckt und mich nicht weiter bedient.“ Alexandra Strecker schaut auf diese Momente jetzt mit einem Schmunzeln zurück, denn so schnell lässt sie sich nicht unterkriegen.
„Nur so bist du in unser Nest gekommen“
„Unser erster Pflegesohn kam zum Sterben zu uns.“ Ein Schock auch erstmal für Alexandras Eltern, die die Entscheidung nicht nachvollziehen konnten. Man hole sich doch kein behindertes Kind ins Haus. Doch für Alexandra steht fest: „Jedes Kind verdient ein Zuhause, egal für wie lange.“ Als ihre Eltern den neuen Enkelsohn kennenlernten, waren alle Vorurteile vergessen. Und als dann doch das erste eigene Kind auf dem Weg war, waren ihre Adoptiv- und Pflegekinder nicht eifersüchtig – ganz im Gegenteil. Ihnen hatte das Baby leidgetan, weil es ja nur einen Papa und eine Mama habe und nicht wie die anderen gleich zwei. Als Alexandra jedoch vom Krankenhaus nach Hause kam, sagte die älteste Adoptivtochter: „So klein war ich und meine Mama hat mich einfach dagelassen.“ In dieser traurigen Situation sucht Alexandra eine aufmunternde Antwort: „Aber so bist du in unser Nest gekommen.“
Nils und Christopher aus Schweinheim: „Unser Sohn hat drei Papas und eine Mama“
Als Christopher und Nils Vedder ihren Pflegesohn kennenlernten, war sofort klar: Er gehört zu ihrer Familie. Anfangs standen sie dem Thema Pflege eher skeptisch gegenüber, aus Angst, das Kind könnte wieder gehen. Im Alltag spielt diese Sorge kaum noch eine Rolle. Als ihr Sohn mit einem Jahr zu ihnen kam, entwickelte sich das Vatergefühl allerdings nicht sofort. „Bei einer Schwangerschaft hat man Monate Zeit sich darauf vorzubereiten - bei uns waren es nur drei“, erinnert sich Christopher. Auch das Wort „Papa“ fühlte sich am Anfang noch fremd an. Wichtig ist dem Ehepaar jedoch immer gewesen, die Beziehung zwischen ihrem Sohn und den leiblichen Eltern zu pflegen. Sie sehen sich regelmäßig und verbringen immer eine schöne Zeit miteinander. Genau dieses Spannungsfeld sorgt immer wieder für Momente des Zweifelns, doch der gemeinsame Pflegesohn zeigt Nils und Christopher Vedder jeden Tag, dass sie eine Familie sind und zusammengehören. Doch andere sehen das nicht immer sofort: „Da kommt immer nochmal ein zweiter Blick, weil sie realisieren, das kann nicht funktionieren.“ Schlimm finden sie die Blicke nicht. „Wir tun das ja selbst auch manchmal. Entscheidend ist für uns, wie man damit umgeht. Und wenn jemand Fragen hat, kann er uns auch gerne ansprechen - wir sind da offen.“ Für sie gehört das einfach dazu: Familien können unterschiedlich aussehen, und genau das darf man auch sehen.

Ingrid Schickling aus dem Kreis Aschaffenburg: „Verlass mich nicht!“
Ingrid Schickling hatte bereits mit ihrem Mann einen leiblichen Sohn, als sie einen Säugling zur Pflege aufnimmt. Von Anfang an war klar: Der kleine Junge soll dauerhaft bei ihr bleiben. „Tatsächlich haben die Eltern nach einem dreiviertel Jahr gesagt, sie wollen ihn wieder zurück.“ Das war für die Zweifach-Mama und ihren Mann erstmal ein großer Schock. Erst ein Gutachten brachte Klarheit: Der Junge darf bleiben. Doch die Entscheidung stößt nicht überall auf Zustimmung. Ingrid musste sich gegen Kommentare aus der Verwandtschaft wie „Du bist ja immer noch da“ behaupten, und auch innerhalb der Familie entstanden Spannungen, die mittlerweile geklärt sind. Inzwischen sind beide Kinder in der Pubertät und werfen ihr im Streit vor: „Du bevorzugst ihn…“. Ingrid sieht das gelassen: „Solange sie sich beide beschweren, dass wir angeblich den anderen bevorzugen, scheint es ja zu passen.“ Dass sie bereits ein eigenes Kind hatte, empfindet sie als Vorteil, weil sie Verhaltensmuster besser einordnen konnte. Ein prägender Moment zeigte ihr schließlich, wie eng die Bindung zu ihrem Pflegesohn (damals 8 Jahre alt) ist: „Es gab schon vier Jahre keinen Kontakt zur leiblichen Mutter, als wir sie durch Zufall auf der Straße gesehen haben. Ich habe ihn dann gefragt, ob er mit ihr ein Eis essen gehen möchte.“ Ihr Sohn wollte jedoch nach Hause und suchte ihre Nähe. Er klammerte sich an ihren Arm und flehte sie an: „Geh nicht weg, verlass‘ mich nicht!“- ein Augenblick, der Ingrid Schickling bis heute zu Tränen rührt.

Ehrenamtliche Selbsthilfegruppe bietet Zusammenhalt
Christopher und Nils Vedder sind sich einig: „Die Kinder, die rausgenommen werden, haben ja immer irgendwelche Abbrüche erlebt. Deshalb haben Pflegeeltern häufig einen sehr hohen Anspruch, weil sie es jetzt besonders gut machen wollen.“ Auch das Ehepaar hätte sich als frisch gebackene Pflegeeltern eine Anlaufstelle für Austausch gewünscht - genau deshalb haben sie gemeinsam mit Jennifer Adrian die ehrenamtliche Selbsthilfegruppe „Herzverwandt“ gegründet. Inzwischen gibt es monatlich Termine im Bildungsbüro, wo auch persönlichere Themen in geschützter Atmosphäre Platz haben. Selbstverständlich sind auch Pflege- oder Adoptiv-Interessierte herzlich eingeladen, um all ihre Fragen an Erfahrene richten zu können, denn durch den Austausch kann man sich Eindrücke holen und herausfinden, ob die Pflege oder Adoption wirklich etwas für einen ist. „Der Fokus muss auf dem Kind liegen“, betont auch Christopher. Auch Nils gibt eine wichtige Nachricht mit auf den Weg: „Einfach den ersten Schritt machen und sich nicht von den Ängsten aufhalten lassen.“