„Die Leute sind körperlich und nervlich kaputt“

BAYERISCHER UNTERMAIN (lt). Sie pflegen ihre Mutter, den Ehemann oder das eigene Kind – aus Liebe, aus Verantwortung oder weil es keine andere Möglichkeit gibt. Angehörige übernehmen jeden Tag Aufgaben, die für viele Pflegebedürftige den Verbleib im eigenen Zuhause ermöglichen. Doch diese Verantwortung kann zur Belastungsprobe werden: körperlich, seelisch und finanziell. Denn während die Zahl der Pflegebedürftigen steigt, fehlen gleichzeitig Pflegeplätze, Fachkräfte und Entlastungsangebote. Die Frage bleibt: Wie lange ist Pflege für Angehörige wirklich stemmbar?
Für viele Familien beginnt die Pflege schleichend. Erst sind es kleine Hilfen im Alltag, später kommen immer mehr Aufgaben dazu. Unterstützung beim Waschen, bei Arztbesuchen, im Haushalt oder bei der Medikamenteneinnahme – irgendwann wird aus Hilfe eine tägliche Verantwortung. Gerhard Schuhmacher, Ehrenvorsitzender der Caritas-Sozialstation St. Johannes in Erlenbach, kennt viele dieser Fälle. Er erlebt, wie Angehörige versuchen, alles möglich zu machen: „Die pflegenden Angehörigen muss man einfach unterstützen.“ Denn die Bedeutung ihrer Arbeit sei enorm. Eine Statistik des statistischen Bundesamts zeigt: 80 Prozent der Pflege in Deutschland findet zu Hause statt – und wird damit von Familien aufgefangen.
Kann man sich das leisten?
Eine der größten Sorgen vieler Angehöriger sind die Kosten. Zwar gibt es Leistungen aus der Pflegeversicherung, doch diese decken nicht alle Ausgaben ab. Besonders schwierig wird es, wenn eine stationäre Pflege notwendig wird. „Vielleicht 30 Prozent der Rentner hier können sich die Pflege problemlos leisten, der Rest ist in Not“, sagt Schuhmacher. Für einen Pflegeheimplatz kann im Landkreis eine Zuzahlung von 3000 Euro anfallen. Für viele ältere Menschen und ihre Angehörigen ist das kaum bezahlbar. Auch die Vorstellung, dass ältere Menschen grundsätzlich über ausreichend finanzielle Mittel verfügen, sei laut Schuhmacher falsch: „Wenn man sagt, dass der durchschnittliche Rentner 2500 Euro Rente hat, stimmt das ganz und gar nicht. Hier haben viele Frauen früher nur ein paar Stunden gearbeitet. Die haben vielleicht 1000 Euro Rente.“ Dazu kommen zusätzliche Kosten, die häufig unterschätzt werden: „Das neue Hörgerät oder ein Treppenlift kann sehr teuer werden“, sagt Schuhmacher.
Bezirk hilft bei den Geldsorgen
Der Bezirk Unterfranken unterstützt Pflegebedürftige und Angehörige vor allem bei finanziellen und organisatorischen Fragen. Über die sogenannte „Hilfe zur Pflege“ können unter bestimmten Voraussetzungen Kosten für ambulante Pflege, Haushaltshilfen oder weitere Unterstützungsangebote übernommen werden. Damit wird eine wichtige Frage beantwortet: Wie kann Pflege finanziert und organisiert werden? Doch die Belastung der Angehörigen besteht keinesfalls nur aus Geldfragen. Wer täglich pflegt, muss auch mit körperlicher Erschöpfung, emotionalem Druck und fehlender Zeit umgehen. Genau deshalb gibt es Selbsthilfegruppen für pflegende Angehörige wie die der Beratungsstelle für Senioren und Angehörige in Obernburg. Sie bieten Raum für Austausch und Unterstützung und begleiten Angehörige durch schwere Zeiten.
„Es kommt von heute auf morgen“
Viele Menschen beschäftigen sich erst dann mit Pflege, wenn sie plötzlich selbst betroffen sind. Schuhmacher kennt diesen Moment: „Viele lachen noch mit 60 darüber und sagen, es betrifft mich nicht. Doch wenn es kommt, kommt es von heute auf morgen.“ Deshalb sei es wichtig, frühzeitig vorzusorgen. „Wenn ich davon ausgehe, dass ich Prävention im Alter machen will, ist das sicherlich ein guter Ansatz. Nur das muss man wesentlich früher anfangen. Das muss in der Schule beginnen, das muss in den Betrieben beginnen.“Dazu gehört für Schuhmacher auch, sich rechtzeitig Gedanken über die eigene Wohnsituation zu machen. Denn viele Probleme entstehen erst, wenn die Unterstützung plötzlich notwendig wird. Ein Beispiel: Ein Ehepaar aus Erlenbach, der Mann 78 Jahre alt, die Frau 74 Jahre alt, beide mit Pflegegrad 2. Der Mann lebt mit einer leichten Demenz und Weglauftendenzen. Das Paar wohnt im dritten Stock ohne Aufzug und sucht seit zwei Jahren eine seniorengerechte Wohnung, doch: „Seniorengerechte Wohnungen in Erlenbach kosten mindestens zehn Euro pro Quadratmeter“, sagt Schuhmacher.

Wenn Pflege selbst krank macht
Viele Menschen gehen bei der Pflege ihrer Angehörigen körperlich und psychisch an ihre Grenzen. „Die Leute sind dann so nervlich und körperlich kaputt, die haben da kein Verständnis mehr dafür“, sagt Schuhmacher.Auch der Fachkräftemangel verschärft die Situation. Wenn Pflegekräfte fehlen, steigt die Belastung für alle Beteiligten. „Das ist das Kernproblem. Wenn Pflegekräfte immer länger bleiben oder Schichten übernehmen müssen, können die auch irgendwann nicht mehr.“ Fehlen Mitarbeiter, müssen die verbliebenen Pflegekräfte mehr auffangen: „Wenn jetzt plötzlich von drei zwei fehlen, dann muss eine Person die ganze Nacht durcharbeiten. Irgendwann können die auch nicht mehr.“ Weniger Personal bedeutet außerdem weniger Unterstützung für Familien – und damit eine zusätzliche Belastung für pflegende Angehörige.
Hilfe annehmen, bevor es zu spät ist
Pflege zu übernehmen ist für viele Angehörige ein Zeichen von Nähe und Verbundenheit. Doch gerade deshalb sei es wichtig, die eigenen Grenzen nicht zu ignorieren. Auch eine 34-jährige Angehörige aus Collenberg berichtet von den großen Hürden in der Pflege: Sie kümmert sich um ihre Großmutter, arbeitet in einem Steuerbüro und hat zusätzlich ein Nebengewerbe als Fotografin. „Ohne die Unterstützung von meinem Mann und einen super flexiblen Arbeitgeber wäre die Pflege absolut nicht leistbar.“ Auch finanziell sei die Situation schwierig: „Das Pflegegeld reicht hinten und vorne nicht.“ Angehörige leisten einen wichtigen Beitrag für das gesamte Pflegesystem. Sie ermöglichen vielen Menschen, trotz Pflegebedürftigkeit zu Hause und in vertrauter Umgebung zu bleiben. Doch damit das dauerhaft funktioniert, brauchen auch sie selbst Unterstützung.