Die süße Frucht wird bitter

KAHLGRUND/NIEDERSTEINBACH/KROMBACH (mg). „Wollen wir in Deutschland überhaupt noch heimisches Obst?“ – so lauten die ersten Worte des im Juli veröffentlichten Brandbriefes der deutschen Obstbauverbände. Immer mehr Betriebe und Anbauflächen aus unserer Region verschwinden. Die größten Probleme: Kostensteigerungen – unter anderem durch die Lohnerhöhungen der letzten Jahre, eine zu hohe Konkurrenz durch billige Importware und schlechte Erntejahre durch die steigende Hitze. Auch Karl-Ludwig Rostock von Rostocks Obsthof in Krombach schlägt Alarm. Verschiedenste leckere Apfelsorten und Kirschen wachsen auf seinen Feldern und manches davon verwandelte sich einst in leckeren Schnaps. Hochprozentiges aus dem Kahlgrund – regional und beliebt. Doch wird es das auch noch in Zukunft geben? Denn auch Arno Dirker, Inhaber der Edelschnapsbrennerei in Niedersteinbach, steht vor großen Herausforderungen, denn heimisches Obst ist eine wichtige Grundlage für die Herstellung von Schnaps.
Im Handel wird laut Rostock auch in der deutschen Hauptsaison allzu oft auf billige Importware gesetzt und mit dieser der heimische Preis gedrückt. „Wenn wir das regionale Angebot nicht wahrnehmen, gibt es die Betriebe bald nicht mehr“, so Rostock. Die Zukunft der heimischen Landwirtschaft hängt auch vom Einkaufsverhalten der Verbraucher ab. Gerade in unserer Region gebe es zahlreiche Betriebe, die den Handel mit regionalem Obst und Gemüse versorgen. Sein Appell: „Man muss einfach schauen, wo es die regionale Ware gibt.“ Auch beim Thema Bio sieht er eine Diskrepanz zwischen politischen Zielen und dem tatsächlichen Kaufverhalten. Bio-Produkte sind in der Herstellung aufwendiger und deshalb teurer. Wenn sie niemand kaufe, funktioniere das Konzept jedoch nicht. Für den Erhalt regionaler Betriebe sei deshalb vor allem eines entscheidend: die Nachfrage. „Wenn es weiterhin auch Obst- und Landwirtschaftsbetriebe geben soll, dann bleibt mir als Verbraucher nichts anderes übrig, als dieses Angebot auch wahrzunehmen.“
Zu viel Lohnkosten und zu wenig Regen
Neben der großen Konkurrenz machen auch die gestiegenen Lohnkosten der letzten Jahre und die anhaltenden Hitzeperioden den Obst- und Gemüsebauern zu schaffen. Erst fehlt über lange Zeit der Regen und wenn er dann kommt, ist der Boden meist so trocken, dass er das Wasser gar nicht aufnehmen kann. Probleme die, die Bauern schon seit langem anprangern – doch es passiert zu wenig. „Wir spulen die Platte schon seit 20 Jahren ab. Es ist wie bei ganz vielen Sachen. Wir haben gar kein Erkenntnisproblem - wir haben ein Umsetzungsproblem“, so Rostock.
Ist der Kahlgrund ausgebrannt?
1992 erwarb Arno Dirker das Brennrecht und eine eigene Brennanlage – schon kurz danach durfte er stolz den Titel „Schnapsbrenner des Jahres“ tragen. Nach vielen Jahren des Erfolgs hat die schwierige wirtschaftliche Lage vieler kleiner und mittelständischer Unternehmen nun auch seine Brennerei erreicht. Schon die Corona-Pandemie und die Schließung vieler Gastronomiebetriebe sorgten bei dem leidenschaftlichen Brenner für große Umsatzeinbußen. Seine Mitarbeiter konnte er diese Saison nicht mehr halten - die Brennerei wird jetzt erstmal als reiner Familienbetrieb weitergeführt. Die „handwerkliche Brennkunst“ wurde im März letztes Jahr offiziell in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Diese Anerkennung soll das traditionsreiche Handwerk würdigen – doch was bringt das unseren regionalen Brennern, wenn man am Ende den Betrieb nicht mehr wirtschaftlich führen kann?
Alkoholsteuer trifft vor allem kleine Brennereien
Dirker beschäftigt auch die geplante Erhöhung der Alkoholsteuer. Während Bier und Wein bislang nicht betroffen sind, trifft die Änderung vor allem kleinere regionale Brennereien statt großer Industriebetriebe. Die Herstellungskosten steigen, die Produkte werden teurer und auch der Lagerbestand des Betriebs gewinnt steuerlich an Wert. „Eine Flasche wird dadurch mindestens um etwa einen Euro teurer werden“, erklärt der Brenner. Als Gründer des Verbandes der Handwerklichen Destillerien hat Dirker seine Position auch gegenüber politischen Stellen vertreten. Der Verband setzt sich dafür ein, handwerkliche Brennereien klar von industriellen Herstellern abzugrenzen. Während Dirker bei seinen Produkten auf Qualität und regionale Produkte setzt, steht in der industriellen Herstellung häufig die Wirtschaftlichkeit im Fokus. Gerade bei der Herstellung zeigen sich Unterschiede: Während handwerkliche Brennereien den Alkohol häufig direkt aus vergorenen Rohstoffen destillieren, wird bei industriell hergestellten Produkten teilweise neutraler Alkohol mit Aromen und anderen Zutaten versetzt, um einen bestimmten Geschmack zu erzeugen. Für Dirker ist eine Brennerei weit mehr als ein Betrieb, der Alkohol herstellt. Sie ist Teil einer jahrhundertealten Kulturlandschaft. „Wir erhalten Streuobstwiesen und Anbauflächen, pflegen alte Sorten und bewahren regionale Vielfalt“, erklärt er.
„So verlieren wir unsere Identität“
Die Herstellung eines hochwertigen Brandes beginnt mit der Auswahl des richtigen Obstes. Es wird erst geerntet, wenn es vollständig ausgereift ist und sein bestes Aroma entwickelt hat. Dirker bleibt seiner Philosophie treu: keine künstlichen Zusätze, keine Farbstoffe, kein Zucker. Das Ergebnis ist ein reines regionales Produkt. Arno Dirker hofft, dass diese Tradition erhalten bleibt. Denn für ihn geht es nicht nur um Schnaps, sondern um Heimat, Landschaft und Handwerk. „Wenn die kleinen Betriebe verschwinden, verändert sich auch unsere Region“, warnt er. Werden Streuobstwiesen und Anbauflächen nicht mehr gepflegt und verarbeitet, verliere der Kahlgrund ein Stück seiner Identität. Und so liegt eine gewisse Entscheidung auch bei jedem Endverbraucher: Will ich in meiner Region überhaupt noch heimisches Obst? Und handele ich auch so?
