„Du siehst nur tote Erde“

ALZENAU/KAHLGRUND/GEISELBACH (lt). Rauch, Ruß, Asche: Wo sonst sattes Grün den Wald prägt, blieb nach dem Feuer diese Woche vielerorts nur verbrannte Erde zurück. Rund 550.000 Quadratmeter standen am Montag im Bereich zwischen Alzenau und dem hessischen Rodenbach in Flammen. Gleichzeitig mussten die Einsatzkräfte zu zwei weiteren Waldbränden bei Geiselbach-Omersbach und Daxberg-Schimborn ausrücken. Insgesamt kämpften rund 800 Einsatzkräfte gegen die Flammen. Erst am späten Dienstagabend waren die letzten Nachlöscharbeiten beendet. Was man wochenlang nur aus dem Fernsehen kannte, geschah jetzt vor der eigenen Haustür.
Für viele Menschen in der Region war der Anblick der gewaltigen Rauchwolke über Alzenau erschreckend. Für die Feuerwehrleute bedeutete er vor allem eines: handeln. Einer von ihnen ist Fabien Kriegel, Pressesprecher der Kreisbrandinspektion Alzenau. Er war am Montag selbst beim Großbrand zwischen Alzenau und Rodenbach vor Ort. „Es war zwar nicht mein erster Großbrand, aber die Dimensionen waren wirklich außergewöhnlich“, sagt er rückblickend. Angst habe in diesem Moment kaum eine Rolle gespielt. „Man funktioniert einfach“, beschreibt Kriegel den Einsatz. „Wir haben eine Aufgabe und die gilt es zu bewältigen.“ Statt Angst überwiege das Gefühl, helfen und einen Beitrag leisten zu wollen. Viel Zeit, sich Gedanken über die Größe des Feuers zu machen, bleibt ohnehin nicht.
Wasser, Hitze und Rauch
„Normalerweise bedienen wir uns an einem Hydrantennetz. Die Möglichkeit haben wir mitten im Wald nicht“, erklärt Kriegel. Deshalb wurde ein Pendelverkehr mit Tanklöschfahrzeugen eingerichtet, die immer wieder Wasser zur Einsatzstelle brachten.Zusätzlich machten die Hitze des Feuers und die sommerlichen Temperaturen den Einsatzkräften schwer zu schaffen: „Der Wind dreht sich und der Rauch kommt ins Gesicht. Dann brennen erstmal die Augen, es ist warm und man kriegt schlecht Luft“, erinnert er sich. Der Einsatz sei körperlich enorm belastend gewesen. „Wir mussten immer wieder schauen, dass unsere Kräfte genug trinken und sich auch mal Pausen gönnen.“
Brandstiftung nicht unwahrscheinlich
Noch am selben Abend mussten die Einsatzkräfte zu zwei weiteren Waldbränden in der Nähe ausrücken. Die Brände bei Geiselbach-Omersbach und im Bereich Daxberg-Schimborn sollen jedoch nicht im Zusammenhang stehen. Jetzt laufen die Ermittlungen zur Brandursache - die Polizei geht derzeit von Brandstiftung aus. Einen konkreten Tatverdacht gibt es bislang aber nicht. Der Wald sollte doch jetzt erstmal vermieden werden, denn Glut und Hitze können unter der Oberfläche weiter vorhanden sein. Deshalb wurden die betroffenen Flächen weiter kontrolliert

Drohnen suchen versteckte Glut
Besonders deutlich wurde der Zustand des Waldes aus der Luft. Der Drohnentrupp des THW-Ortsverbands Bad Orb wurde bereits am frühen Dienstagmorgen alarmiert. Christoph Rieger, Ortsbeauftragter des THW, rückte mit seinem Team am frühen Dienstagmorgen zur Einsatzstelle aus. An einzelnen Stellen wurde noch 80 bis 100 Grad gemessen – normal ist circa 40°C im Sommer. Dort musste die Feuerwehr nachlöschen und den Boden teilweise aufhacken, um ein erneutes Aufflammen zu verhindern. Der Einsatz des Drohnentrupps endete erst am Abend. Für Christoph Rieger war die Arbeit trotz jahrzehntelanger Erfahrung nicht einfach. Routine hilft, doch manche Bilder bleiben: „Circa ein Meter vor einer Jagdhütte konnte die Feuerwehr das Feuer stoppen.“
Nichts als tote Erde
Auch Felicitas Selz gehört zum Drohnentrupp. Sie nahm die Geschehnisse sehr mit: „Da siehst du nur noch tote Erde“, erzählt sie. 550.000 Quadratmeter – diese Zahl bekam für sie eine ganz andere Bedeutung, als sie mitten in der verbrannten Fläche stand. Es sind Bäume, Pflanzen und Lebensräume, die innerhalb weniger Stunden verschwunden sind. Die Bilder des Waldbrandes führen ihr vor Augen, welche Dimensionen Feuer annehmen kann und wie viel dabei innerhalb kürzester Zeit zerstört werden kann. „Wenn man über die tote Erde läuft, ahnt man, wie viele Tiere in den Flammen gestorben sind.“

Sie riskieren ihr Leben für uns
Während die Einsatzkräfte dringend Löschwasser benötigten, hatte der Kreis die Bevölkerung zum Wassersparen aufgerufen. In sozialen Medien sorgte der Hinweis, zeitweise auf Duschen und unnötigen Wasserverbrauch zu verzichten, wohl für heftige Reaktionen. Für Selz ist das bis heute schwer nachzuvollziehen. „Ich bin froh, wenn ich egal wie schwitzig, stinkig, verdreckt und verraucht ins Bett reinkippen kann. In dem Moment ist mir die Dusche scheißegal. Es brennt, das Wasser wird jetzt gebraucht“, sagt sie. Für die Einsatzkräfte ging es nicht um Komfort. Es ging um Sicherheit – auch für die Menschen, deren Häuser und Siedlungen nur wenige hundert Meter vom Brand entfernt lagen. Und auch bei Pressesprecher Fabien Kriegel und vielen seiner jungen Kollegen kommen die Bilder erst später richtig an. Während des Einsatzes selbst bleibe kaum Zeit, nach links oder rechts zu schauen. Erst wenn man später zur Ruhe kommt, kehren einzelne Bilder noch einmal zurück. Vielleicht ist es genau das, was von diesem Einsatz für immer einprägt. Nicht nur die Zahl von 550.000 Quadratmetern und nicht nur die Bilder der Rauchwolken über dem Kahlgrund, sondern verbrannte Erde, der Geruch von Rauch, die Hitze im Gesicht – und Menschen, die trotz Erschöpfung immer wieder für die Sicherheit aller ihr Leben riskierten.
DANKE FÜR EUREN UNERMÜDLICHEN EINSATZ!