„Er schreit nach Hilfe“
KÖNIGSHOFEN. Mitten in der Nacht werden sie geweckt von lauten Schreien. Eiskalt läuft es einem über den Rücken. Nachts traut man sich am Haus des Mannes nicht mehr vorbei. Schon häufig war die Polizei vor Ort, doch es scheint sich nichts zu ändern. Viele wünschen sich vor allem eines für ihn: Hilfe. Ein besorgter Leser aus Königshofen hat sich an uns gewandt, weil sich viele Menschen im Mömbriser Ortsteil vor einem offenbar psychisch kranken Anwohner fürchten. Wir waren im Ort des Geschehens, um uns selbst ein Bild von der Situation zu machen.
Angefangen hat es wohl bereits letztes Jahr. Der Leser schickte uns Videoaufnahmen, auf denen man einen Mann laut schreien hört: „Du Hexe, wo haben sie dich rausgelassen?“ Und das ist kein Einzelfall. Viele Nachbarn berichten von schlaflosen Nächten. „Ich wohne einige hundert Meter von ihm entfernt und trotzdem höre ich die Schreie, wenn ich die Balkontür offenlasse“, berichtet Markus Rosenberger. Ein Nachbar sprach den alleinstehenden Mann dann direkt auf sein Verhalten an. Die Reaktion soll eine Morddrohung gewesen sein: „Ich bringe dich um und zünde dein Haus an.“ Für ihn ist damit die Grenze überschritten. „Jeder hat mal eine schlechte Phase, aber eine Morddrohung auszusprechen, geht zu weit.“ Diese Drohung gibt auch einer anderen Königshofenerin sehr zu denken, denn sie erlebt das nicht zum ersten Mal: „Ich habe so etwas schon mal bei jemandem mitgemacht. Das ist ziemlich böse ausgegangen - er hat das Haus angezündet.“
„Ich habe Angst im Dunkeln“
Vor allem nachts denken viele Königshofener zweimal nach, bevor sie am Haus des Ruhestörers vorbeilaufen. „Ich habe einen Hund und natürlich muss man auch spät raus. An seinem Haus gehe ich dann nicht mehr vorbei“, erzählt Nachbarin Tanja Heininger. Doch bei Lärm allein bleibt es nicht. Anwohner berichten vom unerwünschten Klingeln an ihren Haustüren oder auch von seinen Autofahrten, obwohl er gar keinen Führerschein habe. „Wenn man geblitzt wird, wird man sofort bestraft, aber bei sowas passiert dann gar nichts“, beklagt ein Nachbar.
Nur die Katze gerufen
Nach Angaben der Nachbarn stehe die Polizei regelmäßig vor der Haustür des Mannes, der öffne jedoch offenbar nicht. Treffe man ihn doch einmal an, behaupte er: „Ich habe lediglich meine Katze gerufen“, erzählt eine Anwohnerin. Warum scheinbar nichts unternommen wird, können viele nicht verstehen. PrimaSonntag fragte ebenfalls bei der Polizei nach. Zum konkreten Fall erhielt die Redaktion unter Verweis auf Datenschutz und den Schutz persönlicher Informationen jedoch keine Auskunft. Den Betroffenen werde vor allem geraten, möglichst viele Beweise zu sammeln. Dazu zählen Videoaufnahmen, ein Protokoll mit Datum und Uhrzeit der Vorfälle sowie Zeugenaussagen. Ob die bisherigen Erkenntnisse für weitere Maßnahmen ausreichen, lässt sich von außen nicht beurteilen.

Kein Knast, sondern Hilfe
Für Maria Danailov steht ohnehin etwas anderes im Vordergrund: „Er braucht nicht in den Knast gesetzt werden, sondern er braucht Hilfe.“ Eine Zwangseinweisung in die Psychiatrie ist in Bayern allerdings nur unter strengen gesetzlichen Voraussetzungen möglich. Dafür muss aufgrund einer psychischen Störung eine erhebliche Gefahr bestehen, die sich nicht anders abwenden lässt. Auch Bürgermeister Felix Wissel wurde über die Situation informiert. „Dem Rathaus Mömbris wurden Videos geschickt, auf denen die Lärmbelästigungen deutlich wahrnehmbar sind. Insofern können wir die Bedenken der Nachbarn sehr gut nachvollziehen“, teilt er mit.
Früher war er anders
Doch Maria Danailov erinnert sich: Früher war das alles anders. „Ich kenne ihn, seit er ein Kind ist.“ Damals habe er auf der Gasse Fußball gespielt. Auch Tanja Heininger kann sich noch gut daran erinnern. Eine weitere Anwohnerin berichtet, dass sie Kontakt zur Schwester des Mannes habe: „Sie leidet sehr drunter - sie ist nur noch ein Strich in der Landschaft.“ Vielen Nachbarn gehe es nicht darum, den Mann zu verurteilen, sondern ihm zu helfen. „Alles, was er herumschreit, ergibt gar keinen Sinn. Er ist nicht jemand, der Leute bedroht, er schreit nach Hilfe“, sagt Danailov. Mehrere Nachbarn hätten ihm bereits Unterstützung angeboten, auch Danailovs Eltern. Sogar ein Termin bei einem Psychologen sei beinahe zustande gekommen – doch dann habe der Alleinlebende einen Rückzieher gemacht. Was den Anwohnern vor allem fehle, sei ein richtiger Ansprechpartner. „Ich habe es wirklich schon auf allen Wegen versucht, aber es tut sich nichts", bedauert ein Anwohner. Bislang scheint die Hilfe auszubleiben.