Ein Zentner Weizen für die Pacht

BAYER. UNTERMAIN (mg/ld). Wie war das Leben früher bei uns auf dem Dorf und wie erleben wir es heute? Dorfkinder, das sind wir: aufgewachsen zwischen Vereinen, Fußballplätzen und Gasthäusern. Wo man sich traf, wurde geredet, gelacht, gesungen und Gemeinschaft gelebt. Jede Gemeinde hat ihre eigenen Highlights - in unserer Serie „Dorfkinder“ möchten wir diese Besonderheiten aus alten Zeiten vorstellen und wieder aufleben lassen. Im dritten Teil unserer Serie geht’s nach Stockstadt und Kleinheubach.
Kleinheubacher Tradition aus dem Mittelalter
Manche Traditionen überdauern viele Jahrhunderte, so auch der Peterstag in Kleinheubach. An dem Tag luden die Jagdpächter und der Bauernverband die Bevölkerung ein, welche teilweise Pachtverträge abgeschossen hatte. Der Peterstag wurde genutzt, um Schulden zu begleichen und andere Verhandlungen zu führen. „Ich kriege von dir noch einen Zentner Weizen für die Pacht von dem Grundstück.“ – so habe man das damals geregelt, erzählt uns Kurt Schüßler, der ehemalige Bürgermeister von Kleinheubach und heutige zweite Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins Kleinheubach. Auch Grenzverletzungen sind an dem Tag behandelt worden. Wenn zum Beispiel irgendein Bauer dem Nachbar den Grenzstein rausgepflügt hatte, wurde verhandelt, wer jetzt die Pacht bezahlen muss und wo der Grenzstein neu gesetzt wird. „Der jeweilige Sünder musste sich dann rechtfertigen, dass das ein Versehen war - oder Absicht, aber das gibt ja keiner zu“, berichtet Schüßler. Noch heute gibt es den Peterstag in Kleinheubach - dieses Jahr findet er am 26. März am Sportheim der SG Eintracht statt. Doch anstelle eines Verhandlungstages ist es heute eher ein Tag des gemütlichen zusammen kommen. Noch immer laden die Jagdpächter und der Bauernverband ein, doch heute spendieren sie zum Teil das Essen und die Getränke.
Zwischen Mainufer und Bücherei
Viele Gemeinden leiden unter dem Aussterben des Vereinslebens – doch nicht Kleinheubach. „Wir haben hier schätzungsweise noch 25 Vereine, darunter auch der Wassersportverein, der sehr erfolgreich ist. Viele deutsche Meister sind hier dabei.“ Die 1953 gegründete Wasser-Sport-Gemeinschaft hat ca. 200 Mitglieder und einen eigenen Campingplatz am Main. „Auf dem Campingplatz stehen immer so im Schnitt 100 Campingwägen oder Wohnmobile“, so Schüßler - ein toller Ort, um Sport zu treiben und gutes Wetter zu genießen. Des Weiteren gibt es in Kleinheubach einen Karnevalverein, eine Musikkapelle, einen Gartenbauverein, die SG Eintracht und vieles mehr. Aber auch Leseratten werden in Kleinheubach fündig. Die evangelische öffentliche Bücherei besteht schon seit 60 Jahren und ist eine beliebte Anlaufstelle für die Bürger. Dieses Jahr feiert die Bücherei 5-jähriges Bestehen in den neuen Räumlichkeiten an der Evangelischen Pfarrkirche St. Martin. Besonders beliebt ist die „kleine Auszeit“, die in den Sommermonaten einmal im Monat mittwochs Vormittag stattfindet – eine kleine Lesung für Erwachsene, berichtet uns Schüßler: „Bei so einer Auszeit sind immer zwischen 20 und 25 Leute da. Es ist ein richtig fester Erholungspunkt, wo die Leute kommen und zuhören.“

Turnhallen-Tragödie in Stockstadt
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg sollte in Stockstadt eine neue Turnhalle entstehen. Manfred Traub war viele Jahre Leiter des Heimatmuseums und kann sich noch gut daran erinnern: „Man hat gleich nach dem Krieg 1948 nach der Währungsreform Geld gesammelt. Da sind Frauen von der Bank mit Listen herumgelaufen und jeder hat 10 Pfennig, 50 Pfennig oder eine Mark gespendet.“ Zuerst stand nur der Rohbau mit Dach - trotzdem wurde die Halle in diesem Zustand schon in den ersten Jahren für Maskenbälle genutzt. Als sie wenige Jahre später fertiggestellt wurde, haben Schüler ihren Abschluss dort gefeiert und Theaterstücke aufgeführt. „Lustig war es dann immer, wenn wir im gewissen Alter zu Tanzveranstaltungen da rein sind - meistens mit den Eltern, denn ohne ist man nicht reingekommen. Damals gab es noch um 22 Uhr die Polizeistunde. Da kamen Polizisten und sind durchgegangen - und wir Jungen sind damals über die Fenster abgehauen. Das werde ich nie vergessen“, erinnert sich Thomas Klebing vom Heimatmuseum. Doch die Tage der Halle waren gezählt. Manfred Traub war damals bei der Feuerwehr: „Diese Halle ist 1972 in einer Nacht abgebrannt. Man hat nie ermitteln können, ob das Brandstiftung war. (…) Ich war Maschinist und habe die ganze Zeit da unten gesessen an der Pumpe, weil ich für Wassernachschub sorgen musste. Und ich bin fast verdurstet - oben am Brandherd gab es zu trinken. Ich bekam nichts. Die Halle ist bis auf die Grundmauern abgebrannt.“

Geselligkeit im Gasthaus
Später wurde die Frankenhalle gebaut und auch das Gasthaus „Zur Traube“ war und ist in Stockstadt immer wieder Anlaufpunkt für Feiern. Nach getaner Arbeit bei der Feuerwehr hat Manfred Traub mit den anderen dort oft den Feierabend verbracht. Manchmal haben ein Polizist mit seiner Geige und der Gastwirt auf dem Klavier bis spät in die Nacht zusammen musiziert. Neben der Feuerwehr gab es in Stockstadt auch viele Sportvereine: „Die Fußballer wurden 1923 nach dem ersten Weltkrieg gegründet und haben mal besser und mal schlechter gespielt - je nachdem, wer da zusammengekommen ist“, sagt Manfred Traub. Ein Spiel der Senioren-Mannschaft gegen Klingenberg in den 70ern scheint recht gut gelaufen zu sein, wie ein alter Super 8-Film dokumentiert. Im Anschluss kam auch hier die Mannschaft in einer Gaststätte zu einem Glas Bier zusammen. „Der Sportverein hat in den 1960er oder 70er Jahren eine Fußballwoche für Hobbymannschaften durchgeführt. Da konnte die Feuerwehr zum Beispiel eine Mannschaft mit jungen Leuten zusammenstellen, die vom Fußball keine Ahnung hatten. Dann wurde ausgelost. Wenn sie eine gegen eine Mannschaft gespielt haben, in der ehemalige oder aktive Fußballer waren, hatten sie keine Chance zu gewinnen“, erzählt Manfred Traub. Die Sportwoche gibt es auch heute noch - wenn auch auf zwei Tage verkürzt. Thomas Klebing bemerkt: „Es gibt immer weniger, die sich engagieren wollen.“ Heute zieht es die Jugendlichen seiner Erfahrung nach eher nach Aschaffenburg oder Frankfurt.

