"Alle fragen, ob ich in Stöckelschuhen spiele"

ASCHAFFENBURG/Kleinostheim (wk). Boxring, Basketballplatz oder Ringermatte – lange galten viele Sportarten als klare Männerdomänen. Kraft, Härte und Körperkontakt wurden oft automatisch mit männlichen Athleten verbunden. Doch dieses Bild verändert sich zunehmend. Auch am Untermain stehen immer mehr Frauen selbstbewusst in Sportarten, die früher fast ausschließlich von Männern geprägt waren.
Drei Sportlerinnen aus der Region zeigen beispielhaft, wie viel Leidenschaft, Disziplin und Durchhaltevermögen hinter ihrem Sport steckt, und warum sogenannte „Männersportarten“ längst keine reine Männerangelegenheit mehr sind.

Wenn Viktoria Sawazki (22) in den Boxring steigt, bringt sie bereits mehr als ein Jahrzehnt Erfahrung mit. Die Athletin boxt beim TuS Leider Aschaffenburg. Angefangen hat sie allerdings in einer ganz anderen Sportart. „Ich habe eigentlich Eiskunstlauf gemacht“, erzählt sie. Über ihren Vater, der selbst Boxtrainer ist, kam sie schließlich zum Training. „Meine Cousins und Cousinen waren auch da, das ist bei uns fast wie ein Familienbetrieb.“ Schnell merkte sie, dass ihr der Sport liegt: „Ich konnte mich richtig entfalten.“
Dass eine Frau boxt, sorgt bis heute für Reaktionen. „Der Standardsatz ist immer: Oh Gott, da muss ich ja bei dir aufpassen, sagt Sawazki und lacht.“ Auch im Training musste sie sich ihren Platz zunächst erarbeiten. „Viele Männer sind am Anfang eher zurückhaltend. Man muss selbst den ersten Schritt machen.“ Gelegentlich wird sie noch immer unterschätzt. Nach einer Trainingspause trat sie beim Sparring gegen einen jungen Boxer an, der sie nicht kannte. „Ich habe ihn mal geschlagen, danach hat er gemerkt, dass ich doch nicht so schwach bin.“ Trotzdem habe sich im Frauenboxen viel verändert. „Früher war das eher ein Nebenthema, heute werden Frauen deutlich mehr respektiert.“ Ganz gleich sei die Aufmerksamkeit aber noch nicht: „Bei Männerkämpfen bleiben die Zuschauer selbstverständlich sitzen, bei Frauen gehen manche erst einmal weg.“ Für Sawazki ist Boxen längst mehr als ein Hobby. „Man bekommt ein ganz anderes Selbstbewusstsein.“ Ihr Wunsch für die Zukunft: mehr Aufmerksamkeit für Frauen im Sport. „Sport gehört allen, und eine Sportart kennt kein Geschlecht.“

Kraft, Technik und direkter Körperkontakt – Ringen gilt noch immer als klassische Männerdomäne. Doch immer mehr Mädchen entdecken die Sportart für sich. Eine von ihnen ist Finja Strauch (15). Sie trainiert beim SC Kleinostheim und gehört bereits zu den vielversprechenden Nachwuchsathletinnen der Region.
Zum Ringsport kam sie über ihre Familie. „Mein Vater hat früher selbst gerungen“, erzählt sie. Gemeinsam mit ihrem Bruder und ihrer Schwester schaute sie sich irgendwann ein Training an – und blieb dabei. Regelmäßig trainieren konnte sie allerdings erst nach der Corona-Pandemie. „Während Corona durften nur Kaderathleten trainieren, für uns ging fast zwei Jahre lang gar nichts. „Dass ein Mädchen ringt, sorgt noch immer für Überraschung. „Manche Lehrer sagen,: Ich hätte gar nicht gedacht, dass du so etwas machst‘“, berichtet Finja. Im Training steht sie häufig Jungen gegenüber. „Bei Jüngeren merkt man kaum einen Unterschied“, sagt sie. „Bei Älteren merkt man natürlich das andere Kraftverhältnis.“ Trotzdem sieht sie darin einen Vorteil: „So habe ich stärkere Trainingspartner.“ Ein wichtiger Schritt für ihre Entwicklung war der Wechsel nach Kleinostheim im Jahr 2023. Dort trainieren inzwischen viele Mädchen. Vereinsvorsitzender Thomas Sokolowski sieht darin eine klare Entwicklung: „Aus einer kleinen Trainingsgruppe sind mittlerweile 15 bis 18 Mädchen im Nachwuchsbereich geworden.“ Einige gehörten bereits zur deutschen Spitze oder seien sogar international unterwegs. Finja hat der Sport viel gegeben: „Der Sport hat mich auf jeden Fall selbstbewusster gemacht“, sagt sie. Ihr Rat an andere Mädchen: „Es muss einfach Spaß machen, jedes Training hilft, besser zu werden.“


Basketball gilt vielerorts noch immer als Sport der großen Männer. Doch auch Frauen finden zunehmend ihren Platz auf dem Feld – selbst dann, wenn sie erst später mit dem Sport beginnen. Ein Beispiel dafür ist Eva Braun (43). Sie spielt seit 2024 beim SSKC Poseidon Aschaffenburg Basketball.
Zum Basketball kam sie über ihren Sohn. Als sie ihn zum Training begleitete, gefiel ihr die Atmosphäre im Verein so gut, dass sie selbst einstieg. Eigentlich wollte sie schon als Jugendliche Basketball spielen. „Damals gab es in unserem Dorf aber keine Möglichkeit“, erzählt sie. Heute sieht sie den späten Einstieg gelassen: „Ich wollte sowieso etwas machen, um fitter zu werden. Dass Frauen im Sport unterschätzt werden, erlebt Braun trotzdem immer wieder. Häufig wird sie auf ihre Körpergröße angesprochen. Mit 1,64 Metern werde sie oft gefragt, ob sie auf ,Plateauschuhen´ spiele. „Dabei bin ich nicht einmal die Kleinste im Team“, sagt sie lachend. Trotzdem sieht sie auch positive Entwicklungen. Frauen¬sport sei heute deutlich sichtbarer als früher, etwa durch mehr Übertragungen im Fernsehen. Dennoch gebe es weiterhin Unterschiede, zum Beispiel bei Zuschauerzahlen oder Aufmerksamkeit. Für Braun steht fest: Damit mehr Mädchen Sport treiben, müsse sich vor allem im Alltag etwas ändern. „Schon in der Schule hören Mädchen oft, dass sie kein Ballgefühl haben“, sagt sie. Ihr eigener Weg zeige jedoch, dass es nie zu spät ist, etwas Neues auszuprobieren: „Man muss sich einfach trauen.“

