„Ich habe Angst, etwas zu verpassen“

BAYER. UNTERMAIN (vm/lt). Nur kurz das Handy checken - und schon landet man wieder in der endlosen Kurzvideospirale. Dahinter steckt Dopamin - ein Botenstoff, der unsere Stimmung hebt. Psychologe Dr. Gunnar Reefschläger aus Aschaffenburg erklärt, warum uns Handys trotzdem nicht automatisch glücklich machen. Außerdem haben die Leute am Bayerischen Untermain eingeschätzt, wie sehr sie an ihrem Handy hängen.
Erleben wir etwas als besonders angenehm oder belohnend, wird Dopamin ausgeschüttet. „Das führt dazu, dass wir die Aktivität erneut erleben möchten“, so Psychologe Dr. Gunnar Reefschläger. Das Smartphone funktioniert wie ein digitaler Spielautomat, der unser natürliches Belohnungssystem im Gehirn manipuliert. Da wir nie wissen, was der nächste Wisch mit sich bringen wird, bleibt die Dopaminausschüttung hoch.
Anerkennung in Millisekunden
Besonders wirksam sind Nachrichten und Likes. „Sie sind mit Anerkennung und Zuwendung gekoppelt“, so der Psychologe. Ausgelöst wird ein positives Gefühl - ähnlich wie ein freundliches Lächeln im echten Leben. Dort erfordern Erfolge jedoch Zeit - das Smartphone liefert soziale Anerkennung in Millisekunden. Das Problem: Der nächste Kick muss noch besser sein - ähnlich wie bei einer Droge. Dadurch werden Erfahrungen des echten Lebens als immer langweiliger wahrgenommen. Gerade Kinder und Jugendliche seien dafür besonders empfänglich. Der Psychologe betont: Es geht nicht darum, Smartphones komplett aus dem Leben zu verbannen. Entscheidend sei ein bewusster Umgang. „Die Handys sind ein Teil unseres Lebens und werden auch nicht weggehen“, sagt Reefschläger. Sein Tipp: Wer merkt, dass das Handy zu viel Raum einnimmt, könne sich Schritt für Schritt feste Grenzen setzen - etwa die tägliche Nutzungszeit reduzieren und den eigenen Konsum beobachten.

Straßenumfrage
Luisa Müller aus Aschaffenburg:
„Ich finde so eine Zeit ohne Handy auch ganz schön, weil man mal wieder mehr zu sich selbst findet. Und auch wieder das normale Leben mehr genießen kann. Aber man verbringt schon relativ viel Zeit am Handy – man will auf dem Laufenden sein.“
Carolin Tillier aus Aschaffenburg:
„Die Schule hat eine eigene App, der Kindergarten hat eine eigene App, jeder weiß was, jeder braucht was. Wollte jetzt der Kindergarten was oder die Nachmittagsbetreuung? Und dann noch irgendein Freund, die Arbeit und dann denkt man – kann das nicht einfach mal aufhören. In den Ferien kann ich auf das Handy verzichten, da muss ich nicht Angst haben, ich verpasse wichtige Nachrichten. Ansonsten denke ich die ganze Zeit: Nicht dass die Schule schreibt und einer abgeholt werden muss.“
Oswald Brischler aus Aschaffenburg:
„Ich gehe nur ans Handy, wenn es nötig ist. Als ich noch gearbeitet hab, war das noch anders. Die Leute haben keine Zeit mehr, sie können keine Bücher lesen, keine Zeitung lesen – immer nur am Tippen. Früher war das anders, da hat man miteinander gebabbelt, jetzt sitzen sie im Bus nebeneinander und einer schreibt dem anderen. Das ist leider so, die Generationen ändern sich.“
Leon Becker aus Großkrotzenburg mit Leonie:
„Ich würde sagen, es ist manchmal ein bisschen viel, aber auch nur weil ich Langeweile habe und nicht weiß, was ich sonst machen soll. Aber ich versuche schon, viel draußen zu sein. Am meisten nutze ich das Handy, um mit Freunden und Familie zu schreiben. Ansonsten für Bespaßung, natürlich TikTok und ab und zu mal Handyspiele. Aber ich hatte auch schonmal drei Jahre kein Handy.“
Hannah Patalong aus Aschaffenburg:
„Es kann immer weniger sein, aber das Handy ist halt auch ein Werkzeug für alle möglichen Sachen, ob für die Arbeit, zum Lernen oder zum Kommunizieren – und deswegen schwer zu ersetzen. Natürlich kann man auch einen Laptop nutzen, aber das ist unpraktisch. Social Media habe ich nicht.“
Lea Daig aus Aschaffenburg:
„Mein Handy habe ich das erste Mal in die Hand genommen, als mein Wecker ging. Mein Konsum ist nicht optimal. Aber ich bin jetzt umgezogen und da war kein WLAN, das ist jetzt ein oder zwei Monate her und ich habe es noch nicht eingerichtet, weil ich gemerkt habe, dass ich ohne WLAN mein Handy weniger benutze. Das funktioniert gut, wird aber treurer, wenn man auf mobile Daten ausweicht. Am Anfang habe ich die überschritten, aber es ist besser geworden, man lernt halt daraus.“