„Ich habe es wirklich geschafft“

MILTENBERG (wk). Das Knie schmerzt, Sitzen wird zur Qual und irgendwann ist Tina Büttner zwar wieder auf dem Fahrrad – aber im Kopf noch gar nicht richtig wach. Aufgeben? Kommt trotzdem nicht infrage. Nach vier Tagen voller Schmerzen, Schlafmangel und Emotionen steht am Ende fest: Tina Büttner (47) vom TV Miltenberg ist Ultracycling-Weltmeisterin. Ein Titel, den die Extremsportlerin selbst noch kaum begreifen kann.
„Es ist ein Traum, der in Erfüllung geht“, sagt Büttner wenige Tage nach dem Rennen. Als Vizeweltmeisterin aus dem vergangenen Jahr reist sie diesmal mit einem klaren Ziel an: Noch einmal angreifen, noch einen Schritt weitergehen. Anfangs läuft alles nach Plan – doch dann beginnen die Probleme. „Dann hat man es fast schon abgeschrieben“, erzählt sie. Erst gegen Ende merkt sie: Es könnte doch noch reichen. Und tatsächlich: Dieses Mal steht sie ganz oben. „Jetzt zu sagen: Ich bin Weltmeisterin – das habe ich noch nicht realisiert.“
Vom Mountainbike zur extremen Langstrecke
Dabei beginnt Büttners Geschichte auf dem Rad deutlich unspektakulärer. Seit ihrem 16. Lebensjahr fährt sie Fahrrad, zunächst Mountainbike und ganz normale Touren. 2004 folgt der erste Alpenpass. Die richtig langen Distanzen entdeckt sie erst 2019 für sich. Vorher fährt sie Ein- und Mehrtagesrennen mit meist 150 bis 200 Kilometern. Doch irgendwann reicht das nicht mehr. „Man wollte immer mehr erreichen und hat immer geguckt: Was gibt es denn noch? Wo kommt die nächste Herausforderung?“ Kaum ist ein Rennen vorbei, sucht Büttner bereits nach dem nächsten – und nach dem berühmten „Ticken mehr“. So landet sie schließlich beim Ultracycling. Was sie daran fasziniert, ist nicht nur die Strecke. Es ist die Frage, was ein Mensch überhaupt aushalten kann. Wie reagiert der Körper auf Schlafmangel? Wie lange funktionieren Ernährung und Belastung? Wann macht der Kopf nicht mehr mit? Büttner fährt ihre Rennen mit einem Begleitteam und beschreibt gerade diesen Teamgedanken als wichtigen Teil des Sports.
Vier Tage – vier Stunden Schlaf
Wie extrem das werden kann, zeigt die Weltmeisterschaft. Büttner startet am Dienstagabend um 20.30 Uhr und fährt zunächst die komplette erste Nacht und den folgenden Tag durch. Erst in der zweiten Nacht, gegen drei Uhr morgens, bekommt sie ihre erste Schlafpause: Eine Stunde. Das Team nimmt ihr das Fahrrad ab, bringt sie ins Wohnmobil, zieht ihr den Helm, Schuhe und Radhose aus. Vieles davon bekommt sie schon gar nicht mehr mit. Dann schläft sie sofort ein. Eine Stunde später wird sie geweckt, bekommt eine spezielle Lichtbrille auf, isst während des Anziehens einen Müslibrei – und sitzt kurz darauf wieder auf dem Rad.
In den gesamten vier Tagen schläft sie gerade einmal vier Stunden. Und selbst diese kurzen Pausen bergen Risiken. Wird sie in einer ungünstigen Schlafphase geweckt, kann es passieren, dass der Körper zwar wieder funktioniert, der Kopf aber noch nicht. „Ich sitze zwar auf dem Rad, aber ich bin nicht wirklich wach“, erzählt die 47-Jährige über einen solchen Moment. „Da war es wirklich auch nicht mehr lustig.“ Dazu kommt die Hitze. Auf Büttners Tacho stehen tagsüber zeitweise 44 Grad. Ihr Team arbeitet mit Eis, um ihren Körper immer wieder herunterzukühlen.
Plötzlich spielt das Knie nicht mehr mit
Doch die größte Belastung kommt diesmal von einer anderen Seite. Bereits am Mittwochabend beginnen starke Knieschmerzen – etwas, das Büttner beim Radfahren vorher nach eigener Aussage noch nie erlebt hat. Durch die Schmerzen verändert sich ihr Tritt. Dadurch entstehen zusätzliche Sitzprobleme, der Sattel muss getauscht werden. Jede freie Minute nutzt das Team, um ihr Knie zu massieren.Und irgendwann leidet nicht nur der Körper. Auch die Stimmung kippt. Über Headset ist Büttner ständig mit ihrem Begleitteam verbunden. Sieben Menschen kümmern sich während des Rennens um sie, arbeiten in Tag- und Nachtschichten im Pace Car und Wohnmobil. Während Büttner eine Stunde schläft, wird nicht pausiert: Essen wird vorbereitet, das Fahrrad gereinigt und alles für die nächsten Kilometer bereitgelegt. „Ohne das Team würde es überhaupt gar nicht funktionieren“, sagt sie. Genau dieses Team erlebt schließlich auch den Moment, für den sich die Strapazen gelohnt haben.
„Wir haben beide erst mal geweint“
Im Ziel muss Tina Büttner niemanden anrufen. Die Menschen, die ihr am wichtigsten sind, sind bereits da. Als Erstes nimmt sie ihren Mann Timo in den Arm. „Da haben wir beide erst mal geweint vor Freude und haben uns ganz, ganz festgehalten.“ Danach kommen Freunde und Familienmitglieder. Einige haben sich spontan ins Auto gesetzt und sind nach Österreich gefahren, nachdem sie während des Rennens erfahren hatten, wie schlecht es Büttner zwischenzeitlich ging. Sie stehen am Straßenrand und feuern sie an. „Mit so viel Zuspruch hätte ich nicht gerechnet“, sagt sie. Für Büttner ist es „emotional das härteste und das tollste Rennen“ ihrer bisherigen Karriere. Am Morgen nach der Rückkehr liegt sie schließlich zu Hause im Bett. Das Knie tut weh, der ganze Körper meldet sich. Dann nimmt Büttner ihr Weltmeistertrikot in die Hand. Und plötzlich ist da dieser Gedanke: Das gehört jetzt mir. Ich habe es wirklich geschafft.



