Im Ernstfall muss man funktionieren
Reporterin testet Selbstverteidigungskurs für Frauen
BAYER.UNTERMAIN (wk). Ein Griff am Handgelenk, ein kurzer Moment der Unsicherheit und dann die entscheidende Frage: Wie reagiere ich richtig? Genau solche Situationen werden in Selbstverteidigungskursen trainiert. Primasonntag Reporterin Wolke Kilb hat einen Kurs besucht und selbst ausprobiert, wie es sich anfühlt, sich aus einem Angriff zu befreien.
Die Atmosphäre zu Beginn ist locker. Die Teilnehmerinnen lachen, stellen sich vor, wärmen sich auf. Doch schnell wird klar: Hinter den Übungen steckt ein ernstes Thema. Trainerin Catharina zeigt die ersten Techniken. Einfache Bewegungen, die im Notfall schnell abrufbar sein sollen. „Es bringt nichts, komplizierte Abläufe zu lernen“, erklärt sie. „Im Ernstfall muss man funktionieren.“
Selbstverteidigung mit System
Trainiert wird nach dem Prinzip der chinesischen Kampfkunst Wing Chun. Ein Stil, der darauf ausgelegt ist, mit möglichst wenig Kraft effektiv zu reagieren. „Wing Chun ist ein chinesischer Boxstil und gehört grob zum Kung Fu“, sagt Catharina. „Er ist nicht so bekannt wie Karate oder Judo, aber gerade für Frauen sehr gut geeignet.“ Die ersten Übungen wirken unscheinbar: Handgelenk befreien, Abstand schaffen, den eigenen Körper richtig einsetzen. Doch sobald das Tempo steigt, verändert sich das Gefühl. Der Griff wird fester, die Situation realistischer. Plötzlich funktioniert das, was eben noch leicht aussah, nicht mehr automatisch. „Man merkt, wie schnell man in eine Art Schockstarre fällt“, beschreibt die Reporterin.
Training für den Ernstfall
Genau hier setzt das Training an. Bewegungen werden wiederholt und Abläufe verinnerlicht. Ziel ist es, im Ernstfall nicht erst nachdenken zu müssen. Neben den körperlichen Techniken spielt auch die mentale Komponente eine große Rolle. Laut werden, sich behaupten und Grenzen klar setzen, auch das will geübt sein. „Viele Frauen haben heute ein anderes Sicherheitsgefühl“, erklärt Catharina. „Ob das objektiv mehr Gefahren sind oder nicht, viele fühlen sich unsicher und wollen etwas tun.“ Gleichzeitig seien immer mehr Frauen alleine unterwegs, reisen viel oder gehen bewusst ihren eigenen Weg. „Da entsteht ganz natürlich der Wunsch, sich besser vorbereiten zu können. „Im Kurs geht es deshalb nicht nur darum, sich zu verteidigen, sondern auch sich selbst besser kennenzulernen. „Die Teilnehmerinnen sollen einschätzen können: Wie wehrhaft bin ich eigentlich?“, sagt die Trainerin. „Bin ich komplett hilflos oder kann ich mich schon behaupten?“
Schritt für Schritt mehr Sicherheit
Mit jeder Übung wächst die Sicherheit ein Stück. Auch wenn nicht jede Technik sofort sitzt, verändert sich die Haltung. Die Bewegungen werden klarer, die Stimme lauter, die Reaktionen schneller. Aus Unsicherheit wird Schritt für Schritt mehr Kontrolle. Dabei geht es nicht darum, den perfekten Kampf zu führen. Im Gegenteil: „Das Ziel ist immer, aus der Situation rauszukommen“, betont Catharina. Flucht und Deeskalation stehen im Vordergrund. Die Techniken sind Mittel zum Zweck nicht Selbstzweck. Auch körperlich fordert das Training. Nach mehreren Durchläufen wird deutlich, wie anstrengend es ist, sich immer wieder aus Griffen zu befreien oder gezielt zu reagieren. Gleichzeitig entsteht ein Gefühl von Stärke. „Man merkt, dass man doch mehr kann, als man denkt“, so der Eindruck. Am Ende des Kurses bleibt vor allem eines: ein neues Bewusstsein für den eigenen Körper, für mögliche Gefahren, aber auch für die eigenen Fähigkeiten. „Man geht anders nach Hause“, lautet das Fazit. Aufrechter, wacher und ein Stück selbstbewusster.
Dranbleiben ist entscheidend
Langfristig gehe es vor allem darum, dranzubleiben. „Selbstverteidigung ist nichts, was man einmal lernt und dann kann“, sagt Catharina. „Aber wer regelmäßig trainiert, nimmt sehr viel für sich mit, nicht nur körperlich, sondern auch mental. Immer mehr Vereine und Trainer bieten Kurse für Frauen an. Das Interesse wächst und mit ihm das Bewusstsein, dass Sicherheit kein Zufall ist. Denn eines zeigt der Blick in die Trainingshalle deutlich: Im Ernstfall zählt nicht nur Kraft, sondern vor allem Vorbereitung
