"Wir sind am Limit"
BAYER. UNTERMAIN (lt). Ausgetrocknete Bäche, Einschränkungen im Schiffsverkehr und Strafen für die Bewässerung mit Trinkwasser. Im Kreis Aschaffenburg stehen viele Wasserampeln auf Rot. Diese Woche kamen nun endlich wieder ein paar Tropfen Regen herunter, doch hat das die Situation wirklich entlastet? Heimbuchenthal greift jetzt als Erstes durch und verordnet Strafen von bis zu 2.500 Euro für zum Beispiel das Gießen von Rasenflächen. Wie sehen die betroffenen Einwohner der Gemeinden mit Wassermangel die Situation? Was sagen sie zu der Strafe - ist sie gerechtfertigt oder doch übertrieben? Und wie rechtfertigen die Gemeinden ihren Appell zum Wassersparen?
Vor allem jetzt steht das Wassersparen an erster Stelle. Trinkwasser soll nur noch für die nötigsten Sachen verwendet werden. Wenn die Wasserampel wie in Goldbach, Heimbuchenthal, Hösbach, Sailauf, Bessenbach und Mespelbrunn rot leuchtet, sollte auf das Befüllen und den Betrieb von privaten Pools verzichtet werden, Rasen- und Grünflächen sollten lieber gelb werden und beim Putzen sollte lieber nicht auf den Hochdruckreiniger zurückgegriffen werden. Solange es nicht zur öffentlichen Sicherheit notwendig ist, sollte auch das Auto ein paar Wochen länger dreckig bleiben. Baustellen sollten weder beregnet noch berieselt werden. Öffentliche Sicherheit geht trotz allem vor. Eine Genehmigung kann also bestehen, sobald jemand durch nicht verwendetes Wasser gefährdet werden könnte.
2.500 Euro Strafe für Wasserbenutzung
In Heimbuchenthal kann es richtig teuer werden, falls man diese Regeln nicht einhalten sollte. Dort kann nämlich eine Strafe von bis zu 2.500 Euro fällig werden, falls man sich nicht daran hält - Grund dafür ist das Löschwasser. In den vergangenen Wochen haben gleich zwei gravierende Brände hektarweise Wald am Bayerischen Untermain zerstört. „Wir haben gesehen, wie wichtig genug Vorräte für Löschwasser sind“, warnt auch Feuerwehrmann Michael Kullmann. Ebenfalls ist es im gesamten Landkreis Aschaffenburg bereits seit Ende Juli verboten, Wasser aus fließenden Gewässern zu schöpfen - hier drohen sogar Bußgelder bis zu 50.000 Euro.
Der ZWA sieht rot
„Die Wasserstände sind auch bei uns im Großostheimer Becken sehr niedrig“, meldet die Aschaffenburger Versorgungs-GmbH (AVG). Zum Glück sei noch nicht der absolute Tiefstand vom Winter 2022 erreicht. Beim Zweckverband zur Wasserversorgung der Aschafftalgemeinden (ZWA) ist die Lage dagegen deutlich angespannter. Zwar haben die vergangenen Regentage viele Zisternen und Fässer wieder gefüllt, trotzdem müsse weiter Wasser gespart werden. Insgesamt verfügt der Verband über 42 Quellen für sieben Gemeinden – und inzwischen stehen alle sieben Wasserampeln auf Rot. „Wir sind am Limit“, warnt Geschäftsleiter Jens Bräunig. Eine allgemeine Regelung zu Strafen bei der unnötigen Nutzung von Trinkwasser gibt es beim ZWA bislang nicht. Bräunigs Botschaft ist trotzdem eindeutig: „Mehr Warnung als eine rote Wasserampel gibt es eigentlich nicht.“
Autark mit eigener Quelle
Doch nicht alle Gemeinden im Kreis Aschaffenburg sind auf den ZWA oder die AVG angewiesen. Insgesamt 17 Gemeinden verfügen über eigene Quellen in der Nähe oder einen Brunnen. Manche kommen komplett autark über die Runden - zum Beispiel Großostheim, Kahl und Kleinkahl - andere brauchen zusätzliche Unterstützung vom ZWA oder der AVG. Gemeinden mit Brunnen berichten von einem stabileren Wasserstand. Bei den meisten Gemeinden mit Quelle kommt es stattdessen zu enormen Problemen, denn diese sind zum Teil fast komplett ausgetrocknet. Hier stehen in vielen Gemeinden wie Goldbach, Heimbuchenthal oder Sailauf die Ampeln auf Rot. Doch nicht jede Gemeinde verfügt über eine eigene Wasserampel, die AVG will in diesem Sinne jedoch mit Beratungen starten. In Schöllkrippen und Karlstein steht der Entschluss schon fest: Ab nächstem Sommer soll eine Wasserampel hängen, um für bessere Aufklärung der Notsituation zu sorgen.
Nachts plötzlich hoher Anstieg
Unter anderem Schöllkrippen und Heimbuchenthal berichten von einem plötzlichen Anstieg des Wasserverbrauchs nach 22 Uhr. „Wir haben zuerst gedacht, dass vielleicht eine Leitung undicht ist, aber der Verbrauch steigt nicht jede Nacht an, also kann es das nicht sein“; sagt der Markt Schöllkrippen. Vor dem Sommer sei der Wasserverbrauch in der Nacht wohl recht gering gewesen. Erst seit der kommenden Hitze seien die Werte auffällig stark gestiegen. Auch Heimbuchenthal muss Ähnliches feststellen. „Wir vermuten, dass manche Bürger im ‚Schutz der Dunkelheit‘ ihren Garten bzw. Rasen bewässern und auch Zisternen oder Fässer füllen“, erzählt uns Christopher Gold, Heimbuchenthals Bürgermeister.
So wenig wie nie zuvor
Egal, ob Wasserampel auf Rot oder nicht, alle Gemeinden rufen zum Sparen auf. „Allein schon wegen des Klimawandels ist Sparen enorm wichtig“, alarmiert die Geschäftsführerin der Gemeindewerke Kahl Versorgungsgesellschaft mbH Lena Blazek. Auch Schöllkrippen warnt: „Wir leben noch von dem Regen und Schnee vom letzten Winter.“ Der Ernst der Lage würde sich erst gegen Ende des Jahres zeigen. Schöllkrippen hat zwar noch keine Wasserampel, aber laut der vorliegenden Werte seien sie sich sicher:Es kommt weniger Wasser nach als die Gemeinde derzeit aus ihren Brunnen entnimmt. Würde Schöllkrippen bereits eine Wasserampel haben, würde sie deshalb auf Rot stehen. Auch Sailauf warnt: „Wir haben so wenig Wasser wie nie zuvor.“ Auch wenn die Zisternen durch den Regen gefüllt wurden, steht die Wasserampel weiterhin auf Rot und Wassersparen bleibt oberste Priorität.
Was sagen die Betroffenen?
Michael Kullmann aus Heimbuchenthal
„Ich bin bei der Feuerwehr aktiv, deswegen weiß ich genau: Die Geldstrafe in Heimbuchental gibt es wegen Löschwasser. Man hat´s in Waldaschaff beim Waldbrand gesehen, wie schnell es gehen kann und wie wichtig dann genug Löschwasser ist. Wir haben eine Zisterne zu Hause und bewässern damit unseren Garten - wer keine hat, ist der Gelackmeierte.“
Daniel Sauer aus Mespelbrunn
„Ich arbeite für die Gemeinde Mespelbrunn. Wir selbst haben noch genug Wasser. Die Heimbuchenthaler haben da mehr Schwierigkeiten, die bekommen ja schon seit Monaten Wasser von uns. Natürlich sollte man sparen, aber das betrifft den ganzen Bereich Unterfranken.“
Rita Granzer aus Karlstein
„Bei uns in der Gemeinde wird auch absolut gespart. Ich finde das Bußgeld mehr als gerechtfertigt. Erst einmal gehen die Menschen und die Tiere vor. Der Rasen braucht nicht so grün zu sein. Dann soll er halt kaputtgehen. Aber die Sportplätze werden weiter gegossen. Das ist doch eine Schande, oder? Die Leute sollen weniger duschen und der Sportplatz muss schön grün sein.“
Beate Rolf aus Karlstein
„Wir sparen ohne Ende. Und am schlimmsten finde ich die Leute, die Tag und Nacht den Rasensprenger anhaben. Das gehört normalerweise abgeschafft.“
Friedhelm Bienefeld aus Hösbach
„Was, wenn Sie jetzt so einen Gartenliebhaber haben, der seine Blumen hegt und pflegt und die gehen kaputt, was machen wir mit seinem gebrochenen Herzen? Wir brauchen Bäume. Und die brauchen Wasser. Genauso wie Sie und ich. Wenn wir nichts trinken, gehen wir auch ein. Heute weiß ist, dass ich früher Fehler gemacht habe, aber damals war das nicht publik, wie wichtig es ist, Wasser zu sparen. Jetzt muss die aktuelle Generation unsere Fehler ausbaden.“
Eva Spinnler aus Laufach
„Ist schon viel, aber ich finde es auch irgendwo gerechtfertigt. Wir bewässern ausschließlich mit der Regentonne. Ich würde die Pflanzen einfach etwas reduzieren, wenn es so heiß ist. Zum Glück haben wir durch den Regen endlich wieder etwas Vorrat.“
Melanie Sternheimer aus Haibach
„Es sollte ein Unterschied gemacht werden zwischen Blumen gießen und einen riesen Pool befüllen. Deshalb finde ich das Bußgeld in manchen Fällen etwas übertrieben"
Horst Schneiderbanger aus Hösbach
„Wir bewässern gerade gar nicht, aber wir haben aktuell auch gar kein Gemüse. Ich finde die Strafe ein bisschen viel. Ich würde mich jetzt nicht hineinversetzen wollen, wie sich das anfühlt, so viel zu bezahlen für ein bisschen Garten gießen.“
Martin Endemann aus Goldbach
„Wir bewässern generell gar nicht, weil wir nur einen Freizeitgarten haben. Also es kommt schon an, in welchem Maß bewässert wird. Bei einem Sportplatz sollte schon Strafe verlangt werden, aber für ein bisschen Pflanzen bewässern, finde ich das Bußgeld schon etwas übertrieben.“