Man hat sich tagelang nicht vor die Tür getraut

BAYER. UNTERMAIN (ld). 26. April 1986, kurz vor halb eins mitten in der Nacht – was bis dahin niemand für möglich gehalten hat, tritt ein: Ein Test im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl läuft schief, Reaktorblock 4 explodiert mit einem lauten Knall und tonnenweise radioaktives Material wird freigesetzt. Mitarbeiter des schwedischen Atomkraftwerks Forsmark stellen zwei Tage später erhöhte Strahlung fest, wodurch der Unfall erst ans Licht kommt. Währenddessen opfern sich in Tschernobyl tausende Menschen, um der Lage so gut es geht Herr zu werden. Noch über eine Woche brennt der Reaktorkern und mit dem Rauch zieht eine strahlende Wolke langsam auch über Deutschland. Wie stark waren wir am Bayerischen Untermain betroffen und hätte ein Super-GAU auch bei uns passieren können?
Durch das Versuchsatomkraftwerk Kahl hat unsere Region eine Vorreiterrolle in Deutschland eingenommen, was das Thema Kernkraft betrifft. Der Standort war geeignet, weil die Infrastruktur durch das Kraftwerk Dettingen schon gegeben war. Bereits Ende der 1950er Jahre begann der Aufbau und 1960 ging das VAK in Betrieb. Damit sollte erprobt werden, wie ein AKW aufgebaut, betrieben und nach 25 Jahren wieder planmäßig zurückgebaut werden kann. Zum Zeitpunkt des Reaktorunglücks in Tschernobyl, bereitete man in Kahl den Rückbau schon vor. Alfred Reisert war damals Mitarbeiter im Versuchsatomkraftwerk und betreibt heute das Energiemuseum in Karlstein: „Ich habe es zuerst über die Medien erfahren. Die Messwerte kamen hier erst etwas später an. Wir haben das verfolgt - es hat ungefähr zwölf Tage gedauert, bis sich die Strahlung bei uns abgebaut hat. Das ist auch maßlos übertrieben worden. Schlimmer waren die Atombombenversuche in der Südsee. Die haben wir über 20 Jahre gemessen.“
Hätte das bei uns passieren können?
Dietmar Reppmann war ebenfalls viele Jahre in der Energiebranche tätig und erinnert sich, dass sich Fachleute vor allem die Frage gestellt haben, wie das in der Sowjetunion passieren konnte: „Das wurde detailliert analysiert über Tage, über Wochen. Es hat sich eben herausgestellt: Einmal Konstruktionsfehler, anderer Anwendungsfall und Mangel an Training sowie autoritäre Befehlsgewalt.“ Der Physiker Dietrich Mecke erklärt den Fehler des Reaktortyps: „Wenn die Kühlung wegfällt oder nicht ausreichend ist, dann geht der durch. Dann schaltet der sich nicht ab, sondern wird immer heißer.“ Er selbst hat damals an einem Simulator für das Kernkraftwerk Greifswald in der ehemaligen DDR gearbeitet und über die Westmedien vom Unfall erfahren. Auch dort kam die Frage auf: Wäre das bei uns möglich gewesen? „Tschernobyl war vom Grundsatz her ein völlig anderer Reaktortyp. Den gibt es gar nicht in Deutschland. Und diesen RBMK-Reaktortyp hat auch die Sowjetunion nie exportiert“, so Dietrich Mecke. Aus gutem Grund: Neben Strom konnte damit auch kostengünstig Plutonium für Kernwaffen erzeugt werden.
„Es war ja weit weg!“
Die Landwirte Otto und Carola Fäth aus Mespelbrunn-Hessenthal hatten 1986 einen kleinen Betrieb mit Kühen, Schafen, Rindern und Getreideanbau. Von Tschernobyl haben sie aus dem Radio und Fernsehen erfahren: „Die Information war sehr schlecht – man hat nur alles scheibchenweise bekommen“, erinnert sich Otto Fäth. Wie groß das Ausmaß war, konnte sich daher niemand vorstellen: „Wir hatten keine Ahnung. Es war ja weit weg! Nur die Teilwolke ist bei uns vorbeigezogen. Man hat nicht gewusst, wie viel das ist.“ Trotzdem haben sie das Futter aus der Scheune an die Tiere verfüttert. Das Getreide auf dem Feld kam in die Biogasanlage. Otto Fäth erzählt: „Einzelne Bürger, die bei uns eingekauft haben, haben Proben weggeschickt und untersuchen lassen. Es hat sich herausgestellt, dass bei uns nichts verstrahlt ist.“ Dass der Verkauf eingebrochen ist, ließ sich aber nicht verhindern. Andere Landwirte hatten noch mehr Probleme, zumal der Salat radioaktiv kontaminiert war: „Die Bauern waren gezwungen das Ganze mehr oder weniger zu entwerten. Das war für die ein Verlust – das wäre ja heute genauso, weil man abhängig davon ist“, so Carola Fäth. Viele haben damals auch noch Obst und Gemüse in den Gärten angepflanzt, durften es aber nicht essen, erinnert sie sich: „Das ging dann auf den Kompost. Es gab auch nicht die Möglichkeit wie heute, dass man in einen großen Laden gegangen ist, wo man alles kaufen konnte – da musste man in die Stadt auf den Markt fahren. Und da wusste man ja auch nicht, ob es verstrahlt war oder nicht.“
Was bleibt von Tschernobyl?
Kurz nach dem Super-GAU gab es eine landesweite Messkampagne des bayerischen Landesamtes für Umwelt. Dabei wurden laut Miltenberger Landratsamt Umweltingenieure mit einem Strahlenmessgerät ausgestattet, die erst zweimal, später einmal im Jahr bis 2004 an festgelegten Punkten die Strahlenbelastung erfasst haben. Die Zuständigkeit ist inzwischen komplett an das bayerische Landesamt für Umwelt übergegangen: „Im Rahmen des Integrierten Mess- und Informationssystem für die Überwachung der Umweltradioaktivität (IMIS) werden bundesweit jährlich mehr als 10.000 Proben aus der Luft, dem Wasser, dem Boden, Nahrungsmitteln, Futtermitteln und weiteren Umweltbereichen entnommen und Messungen durchgeführt. (…) Von den beim Reaktorunfall von Tschernobyl freigesetzten radioaktiven Stoffen spielt heute nur noch das langlebige Cäsium-137 eine Rolle. Höhere Cs-137-Gehalte finden sich noch in Wildfleisch und Wildpilzen.“ Die Demonstrationen hielten sich bei uns nach der Katastrophe in Grenzen. Im Januar 1988 gingen rund 300 Aschaffenburger gegen Atomkraft auf die Straße – die Proteste verliefen aber friedlich. Doch insgesamt dürfte Tschernobyl viele zum Nachdenken gebracht haben.
So erinnern sich unsere Leser:
„Ich komme ursprünglich aus der ehemaligen Sowjetunion und war in Kasachstan. Es war wie ein Bombenanschlag. Ich bin selbst Physiker und da haben wir sehr viel diskutiert über das Ereignis. Nach einer Woche ging es mit der Diskussion los – am ersten Tag hat keiner etwas mitgekriegt.“
„Wir waren geschockt im ersten Moment. Wir hatten Kinder im Alter von 3 und 5 Jahren und haben erstmal die Luft angehalten. Die Kinder sind nicht auf den Spielplatz, wir sind erstmal in den eigenen vier Wänden geblieben, bis man wusste, was Sache war und man ist vorsichtig gewesen eine Zeit lang, bis man Entwarnung gekriegt hat über die Medien.“
„Es ist schon so, dass man erstmal Angst gekriegt hat. Man hat sich gar nicht vorstellen können, dass es so weitreichend ist und man es hier bei uns dann auch noch spürt. Aber dann im Nachgang hat man es mitgekriegt in der Presse, da hat das einen ganz schön berührt.“
„Man durfte keine Pilze aus dem Wald essen und sollte sich nach dem Spaziergang immer abwaschen, reinigen und die Klamotten sauber machen. Es war also schon ein Schock. Ein paar Wochen danach ist man vorsichtig gewesen, wenn man im Wald draußen war oder auf der Wiese.“
„Später habe ich mir mehr Gedanken gemacht, als Fukushima war. Damals hat man das als besondere Nachricht aufgenommen, aber die Alltagsprobleme waren noch größer. Man hat das mit der Wolke gehört und das dann im Fernsehen verfolgt. Es hat einen schon brennend interessiert, was nachher mit den Leuten passiert ist, die sich geopfert haben, um die Katastrophe einzugrenzen. Es war schon so ein bisschen beängstigend, aber im Grunde genommen hat man gesagt: Uns wird es schon nicht so hart treffen.“
„Die Menschheit gräbt sich ihr eigenes Grab, sie beherrscht ihre eigene Technik nicht – ob es jetzt der Klimawandel ist oder Atomkraft. Darüber habe ich dann schon nachgedacht – das hätte ja auch noch schlimmer kommen können im Endeffekt und es kann ja auch irgendwann noch schlimmer kommen. Überall um uns herum sind Atomkraftwerke – auch wenn wir hier in Deutschland keine haben – aber sie sind ganz nah.“
„Die Kinder haben morgens draußen gespielt, aber wir haben sie gleich reingeholt. Und dann war ich in der Reha und dann haben sie uns echt am 1. April vereiert: Wir sollen zum Becquerel-Messen kommen. Das haben wir natürlich gemacht und sie haben gelacht.“
„Das war zu meiner Studienzeit in München. Ich habe mitgekriegt, dass sämtliche Lebensmittel leer waren. Wir hatten einen Atomphysiker, der hat uns das alles haarklein erzählt.“
„Ich habe in Göttingen studiert und Freunde haben im physikalischen Institut Salat und Kräuter gemessen. Ein Verwandter von mir war damals an der Grenze und die haben LKWs abgespritzt in Schutzkleidung. Und ich war, als die Meldung kam, mit meinem kleinen Patenkind und ihrer Schwester auf dem Jahrmarkt. Man hat versucht, die Gefahren zu vermeiden – was Regen angeht – aber man konnte sich nicht ganz abschirmen. Jetzt ist wenigstens die Kommunikation besser als damals.“