Besondere Ehrung für Guido Kratschmer

GROßHEUBACH (wk). Für viele war es eine überfällige Würdigung - für Guido Kratschmer selbst eine echte Überraschung: Der frühere Weltklasse-Zehnkämpfer ist nun Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde Großheubach. „Mit so etwas habe ich nie gerechnet“, sagt der 73-Jährige. Im ersten Moment habe er sogar gedacht, das sei fast zu viel der Ehre. Inzwischen überwiegt bei ihm vor allem Dankbarkeit.
Besonders viel bedeutet ihm, dass diese Auszeichnung ausgerechnet aus Großheubach kommt - dem Ort, an dem alles begann. Aufgewachsen auf einem Bauernhof, geprägt von einfachen Verhältnissen und Bodenständigkeit, sieht Kratschmer genau dort einen wichtigen Teil seiner Prägung. Noch heute pflegt er enge Verbindungen in seinen Heimatort, trifft frühere Klassenkameraden und erlebt immer wieder, wie präsent seine sportlichen Erfolge dort geblieben sind. „Es ist verrückt, wie das bei den Leuten noch in Erinnerung ist“, sagt er. Gerade diese Verwurzelung scheint für ihn bis heute Kraftquelle geblieben zu sein.
Olympiasilber und Weltrekord
Sportlich gehört Guido Kratschmer zu den großen Namen der deutschen Leichtathletik. 1976 gewann er bei den Olympischen Spielen in Montreal Silber im Zehnkampf, vier Jahre später stellte er mit 8.649 Punkten einen Weltrekord auf - eine Marke, die ihn endgültig in die Geschichtsbücher brachte. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm die Härte seiner Disziplin. Vor allem die abschließenden 1.500 Meter seien immer eine Tortur gewesen. „Da muss man alles aus dem Körper rausholen“, sagt er. Gerade das habe aber auch den Reiz des Zehnkampfs ausgemacht - an Grenzen gehen und hinterher wissen, alles gegeben zu haben. Der Zehnkampf sei für ihn bis heute die kompletteste und faszinierendste Disziplin geblieben.
Was heute anders wäre
Mit großem Interesse blickt Kratschmer auf den modernen Spitzensport. Vieles sei heute professioneller, wissenschaftlicher und technischer geworden – von Videoanalysen über Ernährungspläne bis hin zu Hightech-Schuhen und spezialisiertem Material. Vor allem beim Material glaubt er, dass heutige Athleten Vorteile haben. Gerade beim Stabhochsprung habe sich enorm viel verändert. Und er wagt eine spannende Einschätzung: Mit heutigen Bedingungen hätte er sich sogar die 9.000 Punkte zugetraut. Gleichzeitig vermisst er manchmal den weniger kommerziellen Geist früherer Zeiten. „Damals ist vieles noch stärker vom Sport selbst getragen gewesen, weniger vom Geld. Heute spielt Wirtschaftlichkeit oft eine größere Rolle.“
Leistung mit Lebensfreude
Typisch Kratschmer: Trotz aller Erfolge, sieht er Leistung nie verbissen. Er erzählt offen, dass auch in aktiven Zeiten Lebensfreude dazugehört habe. „Man muss auch Freude am Leben haben“, sagt er. Das klingt fast wie ein Gegenmodell zum heutigen Hochleistungssport. Vielleicht macht genau das bis heute seine besondere Ausstrahlung aus – Weltklasse-Athlet ohne Starallüren.
Die Liebe zum Zehnkampf bleibt
Dem Sport ist Kratschmer bis heute eng verbunden. Er verfolgt internationale Wettkämpfe, beobachtet deutsche Top-Athleten wie Niklas Kaul und besucht weiter Meisterschaften. Nach einer kurzen Distanz nach seiner Karriere sei die Faszination für den Zehnkampf zurückgekehrt. Auch den Abend seiner Ehrenbürger-Ernennung schildert er bewegt. Filme aus seiner Karriere, alte Erinnerungen und Weggefährten hätten den Abend für ihn besonders gemacht. Gerade alte Aufnahmen seines Weltrekords wiederzusehen, habe ihn berührt.
Ein Rat fürs Leben
Am Ende formuliert Kratschmer fast ein Lebensmotto. Was würde er seinem jüngeren Ich sagen? „Verfolgt eure Ziele - aber nicht zu verbissen.“ Und sinngemäß: Nicht alles zu ernst nehmen. Auch leben. Ein Satz, der viel über ihn erzählt. Denn die Ehrenbürgerwürde ehrt nicht nur einen Olympiamedaillengewinner und Weltrekordler, sondern einen, der trotz großer Karriere nie die Verbindung zu seinen Wurzeln verloren hat – und genau deshalb in Großheubach bis heute als einer von hier gilt.