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"Der Richtige muss noch gebacken werden"

19.04.2026, 06:00 Uhr in PrimaSonntag
Collage Singles 800 x 500

BAYER. UNTERMAIN (mg). Wenn der Frühling volle Fahrt aufnimmt und die Glücksgefühle aktiviert werden, dann beginnt auch wieder die Zeit der Verliebten und solche, die es werden wollen. Oder doch nicht? Was ist mit den vielen Alleinstehenden? Das Single-Dasein ist für die einen ein Zustand, den es möglichst schnell zu ändern gilt, für die anderen eine bewusste Lebensentscheidung. Doch in unserer Gesellschaft wird das Alleinsein schnell missverstanden: Er oder sie bekommt wohl niemanden ab, was läuft da falsch? Fragt man Singles bei uns in der Region, sind die Antworten vielfältig.  

Langjähriges Singlesein zwischen 16 und 29 ist laut einer Studie der Universität Zürich mit weniger Lebenszufriedenheit, mehr Einsamkeit und depressiven Stimmungslagen verbunden. Schon nach etwa zwei Jahren geht es Singles im Schnitt schlechter als Gleichaltrigen in Beziehungen. „Ich vermute, dass junge Menschen einfach noch nicht so viel Selbstregulation aufgebaut haben und vielleicht einfach viel auf den Partner oder die Partnerin abwälzen“, sagt Elke-Maria Becker, Heilpraktikerin für Psychotherapie aus Niedernberg. Sophie Leonhardt aus Aschaffenburg hat jetzt mit 23 ihre erste Beziehung und auch sie hat das Singlesein lange belastet: „Ich muss ehrlich sagen, es war nicht so eine schöne Zeit. Ich bin ein sehr romantischer Mensch und immer auf der Suche nach Liebe gewesen.“ Jetzt ist sie glücklich in ihrer Partnerschaft und bewertet rückblickend ihre Singlezeit anders: „Man war freier, aber ich will diese Zeit eigentlich gar nicht missen. Ich bin jetzt sehr zufrieden in meiner Beziehung.“

Generationsunterschiede

Natürlich nimmt das Alter und die damit gewonnene Lebenserfahrung Einfluss darauf, wie man verschiedene Lebensabschnitte wahrnimmt und auch gesellschaftlich hat sich in den letzten Jahrzehnten einiges getan. Stefanie Geidel aus Aschaffenburg blickt zurück: „Ich war eigentlich immer in Zweisamkeit, man war ganz jung und hat so viele Kontakte gehabt. Im Alter geht das nicht mehr so schnell. Früher war das Leben überschaubarer und einfacher.“ Markus Spahn aus Aschaffenburg ist im Moment Single, doch nimmt diese Zeit etwas anders wahr als die jüngere Sophie: „Mir geht keiner auf die Nerven, obwohl das ja auch immer auf den Partner ankommt. Klar, man wünscht sich immer irgendwas. Momentan bin ich so mit meiner Arbeit beschäftigt, dass ich gar keine Zeit für eine Beziehung habe.“

Verschnaufpause

„Oft ist es eine Übergangszeit nach einer Trennung - eine wichtige Heilungsphase. Einfach, um sich mal bewusst zu machen, wo denn die eigenen Anteile an dieser Trennung sind“, so die Heilpraktikerin für Psychotherapie. Viele versuchen sich nach einem Beziehungsende erst mal neu zu orientieren: „Ich habe gerade in der Praxis immer wieder Frauen, die dann sagen: Ja gut, Kinder erzogen, Mann und jetzt? Ich weiß eigentlich gar nicht mehr, was ich möchte.“ Sie sagt, dieses kurze Innehalten und schauen, wo man steht, gehört nach einer Trennung dazu: „Was sind eigentlich meine Bedürfnisse, was habe ich früher gern gemacht? Darauf kann man dann aufbauen, um wieder eine Partnerschaft auf Augenhöhe zu führen.“ Laut der Expertin ist es nach einer langen Beziehung sinnvoll, erstmal durchzuschnaufen. Doch nicht jeder nimmt diese als Zeit positiv wahr, so Markus: „Die einen kommen mit dem Alleinsein klar, andere auf Dauer nicht.“ 

Selbstfindung

Die Singlezeit wird oft mit einer Zeit der Selbstfindung gleichgesetzt, doch auch in einer gesunden Partnerschaft sollte man sich verwirklichen können. Heilpraktikerin Becker sieht gerade in einer Beziehung die Chance auf persönliches Wachstum: „Einfach, weil einen der eigene Partner am meisten triggern kann und dadurch ist man gezwungen, mal hinzuschauen.“ Doch nicht jeder will oder kann sich wieder für einen neuen Menschen öffnen. „Da sind oft alte Verletzungen und eine Schutzmauer. Dann gibt es aber auch Überzeugungssingles,  die sagen: Ich will meine Freiheit leben und habe eine hohe Lebenszufriedenheit und gute soziale Kontakte.“ So geht es auch Martina Stieler aus Aschaffenburg: „Ich weiß viel mit mir anzufangen und bin zufrieden mit meinem Alltag. Ich kann eigenständig leben und habe ein gutes Umfeld.“ Auf aktiver Suche ist sie nicht, aber dennoch bleibt sie offen für eine Beziehung: „Wenn es sich ergibt, dann ist es gut und wenn nicht, dann warte ich, ob vielleicht nicht doch noch ein Traumprinz vorbeikommt.“

Online-Krampf trifft auf das echte Leben

Bevor man mit dem Daten und Kennenlernen beginnt, sollte man sich klar machen, welche Vorstellungen und Erwartungen man an eine neue Partnerschaft hat, so die Heilpraktikerin: „Was halte ich für den Richtigen? Ist es derjenige, der mich wirklich in meiner Persönlichkeit weiterbringt, weil er meine Schattenzeiten rauskitzelt? Oder ist es derjenige, bei dem ich mich anlehnen und einfach so weitermachen kann wie bisher?“ Stefanie Geidel stellt sich die Partnersuche vor allem im höheren Alter schwierig vor: „Man wird mäkeliger. Der Mensch muss wirklich gebacken werden, der einem 100% entspricht. Dann bleibe ich lieber für mich, ehe ich mich mit jemandem rumärgere.“ Doch wo trifft man potenzielle Lebenspartner, wenn man dann doch genug vom Singledasein hat? „Ich habe meinen Freund jetzt auf der Arbeit kennengelernt und davor war man auf allen möglichen Online-Plattformen. Das war immer ein Kampf und ich würde nicht sagen, dass ich picky (wählerisch) bin“, so die 23-jährige Sophie. Auch die Expertin empfiehlt die Partnersuche schnell in das reale Leben zu holen: „Ich würde raten, nur ein paar Mal hin und her zu schreiben und sich einfach zu treffen.“

Singleevents gegen Einsamkeit

Auf die Frage des Kennenlernens möchte auch die Mainaschafferin Anneliese Blessinger mit ihrer Eventagentur, der „Herzgesellschaft“, eine Antwort geben: „Es ist leider in unserer Gesellschaft so, dass man weniger jemanden anspricht, alles ist ein bisschen passiver geworden.“ So kam sie auf die Idee für ihr Unternehmen: „Ich habe selbst einige Singles in meinem Freundeskreis, die einfach auf diese ganzen Dating-Apps keine Lust mehr haben. Die wollen einfach jemanden auf klassische Art und Weise, wie beispielsweise beim Einkaufen, im Kino oder beim Minigolfen kennenlernen.“  Daran knüpft Blessinger an - die Herzgesellschaft bietet die Möglichkeit auf abwechslungsreichen und interaktiven Single Events, andere Singles kennenzulernen. Doch die Gründerin möchte nicht nur Amor spielen, sondern auch Raum für neue Freundschaften öffnen, auch hierfür bietet sie verschiedene Events an. Am Ende zeigt sich: Single sein ist eine Lebensphase mit vielen Facetten – mal herausfordernd, mal befreiend. Ob allein oder in einer Beziehung - entscheidend ist, wie zufrieden man mit sich selbst ist.