Will unsere Jugend nichts mehr schaffen?

BAYER. UNTERMAIN (acm). „In diesem Land müssen wir wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz schon im letzten Jahr und hat dadurch seither auch bei uns eine große Debatte ausgelöst: Sind junge Menschen heutzutage wirklich arbeitsfaul? Oder stehen sie heute unter ganz anderen Erwartungen, Möglichkeiten und einem deutlich schwierigeren Einstieg in den Job als frühere Generationen? PrimaSonntag macht den Fakten-Check.
Immer wieder wird geschimpft: Die Generation Z wolle nicht mehr richtig arbeiten, nur noch Home-Office, Teilzeit und Vier-Tage-Woche. „Früher hat es das nicht gegeben!“, heißt es vor allem häufig in den sozialen Netzwerken. Aber stimmt das - oder ist das Bild verzerrt? Wirtschafts-Professor Dr. Erich Ruppert von der Technischen Hochschule Aschaffenburg sagt: Innerhalb einer Altersgruppe gebe es oft größere Unterschiede, als zwischen den Generationen: „Ich habe in jedem Hörsaal 30 Prozent von jungen Leuten, die wollen, die können, die sind motiviert, die fragen nach. Und natürlich habe ich auch eine Gruppe von Leuten, die nicht unbedingt wollen.“ Bei vielen zeichnet sich aber ein eher anderes Problem ab: Überforderung. „Früher in meiner Generation war es häufig einfacher, sein Feld zu finden.“ Damals führte ein Weg oft geradeaus in einen Beruf - und dort blieb man dann. Heute gibt es von einem Job gleich dutzende Varianten.

Andere Erwartungen an den Job
Hinzu kommt: Der Einstieg ist schwieriger geworden. „Im Moment ist einfach die gesamte Arbeitsmarktsituation total schwierig“, sagt Ruppert. Besonders Berufseinsteiger bekämen das zuerst zu spüren. Zudem sei der deutsche Arbeitsmarkt vergleichsweise unbeweglich: „Der Arbeitsmarkt in Deutschland ist sowieso ziemlich unflexibel.“ Stellen würden seltener frei, Wechsel passierten langsamer. Auch aus der Praxis ist zu hören, dass sich Erwartungen verändert haben. „Es wird viel früher nach Entgelt, Urlaub und so weiter gefragt“, schildert uns ein Personalreferent eines Großwallstädter Unternehmens. Er sagt: Die Vorstellungen von jungen Bewerbern haben sich verändert. Gleichzeitig achten die Unternehmen aber auch nicht mehr nur auf schulische Leistungen – Engagement im Ehrenamt oder in Vereinen sei bei den Auswahlverfahren mittlerweile ebenfalls ein wichtiges Gut. Auch eine Aschaffenburger Unternehmerin erzählt uns: „Es gibt genügend Bewerberinnen und Bewerber auf Ausbildungsstellen. Aber die Qualität lässt zu wünschen übrig.“ In den Gesprächen mit Personalverantwortlichen aus regionalen Unternehmen wird also deutlich: Junge Bewerber legen heutzutage mehr Wert auf ein gutes Einstiegsgehalt, flexible Arbeitszeiten und eine bessere Work-Life-Balance. Gleichzeitig wünschen sich viele Firmen mehr Vorbereitung auf ein Bewerbungsgespräch, Eigeninitiative und echtes Interesse am Arbeitgeber.
Der Zahlen-Check
Dass der sture Arbeitsmarkt nicht nur junge Bewerber trifft, zeigt eine Recherche bei unseren Arbeitsagenturen. Zwischen Alzenau und Kirchzell waren letztes Jahr rund 11.000 Menschen arbeitslos gemeldet – davon knapp 1.100 Menschen unter 25 Jahren. Das entspricht gerade mal zehn Prozent. Zwar ist die Zahl der Arbeitslosen in den vergangenen Jahren immer wieder gestiegen – doch mehr arbeitslose Jugendliche als früher gibt es nicht: Vor 20 Jahren etwa gab es am Bayerischen Untermain mehr als 15.000 Menschen ohne Job – 2.400 von ihnen waren nicht älter als 25. „Etwa 40 Prozent meiner Kundinnen und Kunden sind älter als 55 Jahre“, sagt und Stefan Laßek, INGA-Berater der Agentur für Arbeit Aschaffenburg. Der Widerspruch ist offensichtlich: Auf der einen Seite klagt die Wirtschaft seit Jahren über Fachkräftemangel – auf der anderen Seite finden viele Menschen trotzdem schwer einen Job. Besonders ältere Bewerber trifft das hart. „Die Älteren haben riesiges Potenzial und wir können es uns als Gesellschaft nicht leisten, dies ungenutzt zu lassen“, sagt Laßek. Viele Unternehmen hätten jedoch Zweifel, ob ältere Arbeitnehmer mit der schnellen Digitalisierung und neuen Technologien Schritt halten können. Auch deshalb sieht die Arbeitsagentur keinen klassischen Generationenkonflikt auf dem Arbeitsmarkt. Vielmehr prallten unterschiedliche Erwartungen aufeinander: Unternehmen suchten Motivation, Durchhaltevermögen und Eigenständigkeit – während viele junge Menschen stärker auf Sinn, Flexibilität und Arbeitsklima achten. Aber was denken eigentlich die Generationen selbst?
Das sagen die PrimaSonntag-Leser
Dagmar Faller und Gerd Siemen aus Miltenberg
„Wir kennen viele junge Leute, die tüchtig sind. Man sieht unter der Woche aber auch sehr viele junge Leute, die während der eigentlichen Arbeitszeit sich einen schönen Tag machen und nichts tun!“
Furkan Süleyman aus Aschaffenburg
„Diese Generation leistet eigentlich viel mehr als die andere. Ich liebe es zu arbeiten, wenn mir die Arbeit Spaß macht. Keiner sagt etwas dagegen, dass wir arbeiten sollten. Wir schaffen aber alle acht Stunden am Tag, verdienen nur grob 1.600 Euro und überleben anstatt zu leben. Da haben die meisten keinen Bock mehr.“
Marianne und Edgar Zengel aus Aschaffenburg
„Es gibt natürlich Ausnahmen, so richtige Faulenzer, die gibt’s immer wieder mal. Aber in der Regel finde ich, sind die schon alle fleißig. Das ganze Arbeitssystem war früher anders. Diese Zwischenspiele, wie Homeoffice und Halbtags, gab es sehr selten. Jetzt ist das Gang und Gebe, Gott sei Dank.“
Janina Geis und Annika Spahn aus Seligenstadt
„Generell was zu finden, wo man auch bleiben möchte, ist heutzutage sehr schwierig. Die vorherigen Generationen sind damit groß geworden, man lernt einen Job und den übt man aus bis man in Rente geht. Und ich glaube die jüngeren Generationen suchen eher nach dem Sinn des Lebens und nach dem, was einen erfüllt.“
Manfred Geier aus Aschaffenburg
„Ich denke, es wird sich heute mehr mit der Freizeit beschäftigt, als wir es damals getan haben. Immer mehr junge Leute arbeiten von Zuhause aus oder machen dieses Social Media und denken, die verdienen irgendwann Millionen damit. Das ist ja ansteckend. Aber ich denke, es sind nur Vorwürfe. Die Wirtschaft wird auch so weitergehen.“
Aaron Menke aus Schöllkrippen
„Ich glaube, wir sind uns alle einig, dass die Situation auf dem Arbeitsmarkt schon mal einfacher war. Vor allem Friedrich Merz macht sich durch seine Aussagen absolut unsympathisch. Es fördert ja nicht die Produktivität, wenn man das Volk nieder macht.“
Uwe Siegler aus Aschaffenburg
„Ich denke, das ist ein Vorurteil. Viele arbeiten sehr viel. Es hat sich auch sehr viel getan in der Arbeitswelt. Gewisse Kräfte kriegen wir nicht – und die, die wir haben, werden nicht gebraucht. In unserer Zeit war das anders, da haben wir noch Lehrstellen gekriegt. Und wenn man jetzt als Rentner mit einer Behinderung noch etwas arbeiten will, dann nimmt dich keiner.“
Manfred Sperling aus Hösbach
„Auf der einen Seite wollen einige einfach nicht, aber in der Regel wollen die schon arbeiten. Aber es wird so viel Lohn verlangt, so viel haben wir früher nie gekriegt. So kann’s nicht funktionieren. Die Jugendlichen sind verwöhnt von Zuhause! Die kriegen von den Eltern Geld in die Tasche gesteckt. Die Erziehung hat damit sehr viel zu tun.“
Ehepaar Bauer aus Blankenbach
„Es gibt nicht nur schwarz und weiß – ich denke die jungen Menschen sind auch heute noch pflichtbewusst. Work-Life-balance hört man schon häufig bei den Jugendlichen. Aber darauf sollte man auch achten. Heutzutage hat man mehr Freiheiten und die Leute sind besser ausgebildet, daher steigen auch die Ansprüche. Ich kenne viele junge Erwachsene, die arbeiten, auch unsere Kinder. Aber es gibt immer Ausnahmen.“