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Vom ersten Schritt bis zur Bühne

08.08.2026, 06:00 Uhr in PrimaSonntag
KW32 tanzen 4

SCHAAFHEIM. Die Musik beginnt und auf der Bühne bewegen sich plötzlich 20 Menschen fast wie eine einzige Person. Was für die Zuschauer locker und selbstverständlich aussieht, ist das Ergebnis unzähliger Wiederholungen. Jeder Arm muss im richtigen Moment nach oben gehen, jeder Schritt zum Takt passen. „Es ist wirklich nicht nur: Ich stelle mich da hin und tanze“, sagt Eva-Maria Scardicchio von der Aureliana Dance Company. „Es ist komplex und beinhaltet unglaublich viel.“ Scardicchio tanzt seit ihrem vierten Lebensjahr, nahm an Turnieren teil und trainierte später selbst Mannschaften. Ende 2023 gründete sie die Aureliana Dance Company in Schaafheim. Heute kümmern sich dort neun Trainerinnen und Trainer um rund 245 Tänzerinnen und Tänzer.

Kleine Schritte, große Wirkung
Die jüngsten Kinder im Tanzstudio sind gerade einmal drei Jahre alt. Statt komplizierter Choreografien stehen zunächst Bewegungsspiele und das Kennenlernen des eigenen Körpers auf dem Programm. Die Kinder lernen, sich passend zu einem Rhythmus zu bewegen, Arme und Beine unabhängig voneinander einzusetzen oder auf Zehenspitzen zu stehen. Dabei werden Koordination, Musikalität und Körpergefühl geschult. „Wir fangen an, den eigenen Körper kennenzulernen“, erklärt Scardicchio. Eine Trainingsstunde beginnt häufig mit einem Spiel, damit die Kinder nach Kindergarten oder Schule zunächst ankommen und Energie loswerden können. Später folgen Dehnübungen, Bewegungen am Boden und erste Übungen zum Muskelaufbau. Nach oben gibt es beim Alter kaum eine Grenze. In einer ihrer Gruppen tanzen laut Scardicchio auch Frauen im Alter von bis zu 75 Jahren. „Wenn man das liebt und das fühlt und da wirklich Spaß dran hat – warum nicht bis ins hohe Alter?“

Jede Bewegug kostet Kraft
Wie anstrengend Tanzen ist, zeigt sich oft schon nach wenigen Minuten. Bewegungen müssen sauber ausgeführt und teilweise über ein komplettes Lied ohne Pause durchgehalten werden. „Du brauchst Ausdauer, um vier Minuten durchzutanzen“, sagt Scardicchio. Hinzu kommt die Kraft, andere Tänzerinnen und Tänzer zu heben oder bei schnellen Bewegungen die Körperspannung zu halten. Gleichzeitig müssen Tänzer beweglich sein, die Musik genau hören und ihre Umgebung im Blick behalten. Ein technisch perfekter Schritt fällt in einer Gruppe trotzdem auf, wenn er nur eine halbe Sekunde zu früh oder zu spät kommt. Auch das Gedächtnis wird gefordert. Die Tänzer müssen sich lange Bewegungsabläufe merken und innerhalb weniger Sekunden ihre Position wechseln, ohne die Orientierung zu verlieren oder mit anderen zusammenzustoßen. Tanzen verbindet damit Kraft, Kondition, Koordination, Beweglichkeit und Körperkontrolle. Die Musik wird nicht nur gehört, sondern mit dem ganzen Körper umgesetzt.

Viel Arbeit
Besonders anspruchsvoll wird das Training in größeren Gruppen. Bei Aureliana tanzen häufig zwischen neun und 20 Kinder gemeinsam. Damit eine Choreografie geschlossen wirkt, müssen alle nahezu gleichzeitig reagieren. „Je synchroner man es möchte, desto mehr Arbeit steckt man da rein“, sagt die Trainerin. Einzelne Passagen werden deshalb immer wieder geübt. Mal steht ein Arm noch nicht im richtigen Winkel, mal ist ein Schritt zu groß oder eine Drehung endet zu früh. Gerade Kinder für diese Wiederholungen zu motivieren, sei nicht immer leicht. Viele seien daran gewöhnt, dass ständig etwas Neues passieren müsse. Im Tanzsport gehört es allerdings dazu, an kleinen Details zu arbeiten, bis ein Ablauf gemeinsam funktioniert. Die Aureliana Dance Company nimmt nicht an klassischen Tanzturnieren teil, bereitet aber regelmäßig Auftritte und Shows vor. Scardicchio hat sich bewusst gegen den Turnierbetrieb entschieden. Sie möchte den Leistungsdruck reduzieren, ohne den Kindern das gemeinsame Erfolgserlebnis auf der Bühne zu nehmen.

Einzelsport und Mannschaftssport zugleich
Beim Tanzen lernen Kinder nicht nur Bewegungsabläufe. Sie müssen ihren Platz in der Gruppe finden, Rücksicht nehmen und sich auf andere verlassen können. „Es stärkt das Körperbewusstsein, das Selbstwertgefühl und den Glauben an sich selbst“, sagt Scardicchio. Fortschritte werden unmittelbar sichtbar: Eine Drehung, die zunächst kaum gelingt, funktioniert nach einigen Wochen plötzlich. Tanzen ist damit Einzelsport und Mannschaftssport zugleich. Jeder muss den eigenen Körper beherrschen. Die fertige Choreografie entsteht aber erst gemeinsam. Auch die Trainerinnen und Trainer müssen mehr können, als Bewegungen vorzumachen. Besonders bei kleinen Kindern brauche es Empathie und Vertrauen. Einige verbringen im Tanzstudio möglicherweise zum ersten Mal eine ganze Stunde ohne ihre Eltern. „Du musst jedem das Gefühl geben: Du kannst es, du machst es und du gehörst hierhin“, sagt Scardicchio. Über mehrere Jahre könne die Trainerin zu einer wichtigen Bezugsperson werden. „Du bist mehr als nur die Tanztrainerin.“ Viele Erwachsene zögern trotzdem, einen Tanzkurs zu besuchen. Sie fürchten, Schritte zu vergessen oder neben erfahreneren Teilnehmern schlecht auszusehen. Für Scardicchio ist dieses Nachdenken häufig die größte Hürde. „Wir wollen uns nicht vergleichen, sondern wir wollen uns einfach gut fühlen danach“, sagt sie. Ihr Rat fällt deshalb knapp aus: „Kopf ausschalten und einfach machen.“

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