Ein verlorener Kakao am Morgen

BAYER. UNTERMAIN (lt). Die erste Erinnerung - manchmal schön, traurig, aber auch öfters total belanglos. Kaum etwas ist so vielfältig und spannend, wie die ersten Erinnerungen unseres Lebens, von denen wir immer wieder erzählen. Vielen bleibt sie im Kopf, manchmal muss man aber doch etwas länger darüber nachdenken. Auch am Untermain erinnern sich die Menschen an ihre Kindheit und erzählen von der frühsten Erinnerung, die sie aus ihrem Leben haben.
Ina Schürmann, Heilpraktikerin für Psychotherapie aus Glattbach erklärt, wieso auch oft scheinbar belanglose Momente im Gedächtnis bleiben: „Kinder erinnern sich oft an Dinge, die uns Erwachsenen nicht als wichtig erscheinen. Für Kinder sind solche Momente manchmal aber sehr prägend.“ Klar ist: Die erste Erinnerung nimmt langfristig Einfluss und ist für jeden eine andere. Nicht ganz unwichtig ist dabei auch das Umfeld, in dem man aufwächst, wie auch Ina Schürmann bestätigt. „Kinder, die behütet aufwachsen, haben öfters positive Erinnerungen. Es kann aber auch das Gegenteil bewirken, dass die einzig negative Erinnerung besonders hängenbleibt.“
Sinne spielen große Rolle
Auch neurologische oder sinnesorganische Störungen prägen die erste Erinnerung. „Ein Kind, das durch häufige Krankheiten nicht gut hören kann und dann durch eine Operation die volle Hörfähigkeit zurückbekommt, behält vielleicht eher auditive Erinnerungen im Kopf. Das kann dann auch sowohl positiv - wie das Meeresrauschen - oder negativ - wie Silvesterkrach - sein“, erklärt die Heilpraktikerin. Die Sinne spielen da immer eine große Rolle. Bei jedem Menschen sind sie unterschiedlich geschärft. So können die ersten Erinnerungen verschieden geprägt sein. Manche erinnern sich intensiv an einen Geruch, manche sehen einen Film in ihrem Kopf, manche ein Gefühl oder ein Geräusch.
Ina aus Aschaffenburg
„Meine erste Erinnerung sind Momente mit meiner Oma. Ich habe bei ihr übernachtet, bin früh aufgewacht und dann gab es erst einmal heißen Kakao. Sie hat mir zugehört und wir saßen stundenlang zusammen, das war sehr schön.“
Christian Benz aus Kleinostheim
„Meine Erinnerung an die Kindheit ist eine Oma im Zug, der ich gewunken habe. Ich habe da so ein Bild in den Augen, aber die habe ich dann nie wieder gesehen.“
Getrud Trautwein aus A'burg
„Meine erste Erinnerung ist, als mein Sohn auf die Welt gekommen ist. Ich bin schon 84 und habe meinen Sohn bereits kurz nach meinem 16. Geburtstag bekommen. An meine Kindheit kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich habe auch kaum was erlebt und war die ganze Zeit nur drinnen.“
Frank Müller aus Niedernberg
„Meine früheste Erinnerung muss irgendwo in den Alpen gewesen sein. Wir waren da mit dem Auto unterwegs und ich hatte einen schönen roten Apfel. Und der ist mir runtergefallen und die Straße runtergerollt. Und ich habe ihn nicht mehr bekommen. Da war ich vielleicht vier oder so. Ich war so entsetzt, dass mein schöner Apfel weg war.“
Lena Jäger aus Mainaschaff
„Im Kindergarten habe ich mal im Sand gespielt und dann mein Plüschtier da drin vergraben und nicht mehr gefunden. Das war ein Pokémon-Plüschtier, aber ich hatte ganz viele Kuscheltiere damals, deshalb wurde es schnell ersetzt.“
Anneliese Schneider aus Kleinostheim
„Wir sind schwimmen gegangen und ich habe meine Schwester mitgenommen, weil ich immer so Angst vor dem Gewitter hatte. Ich habe immer gedacht, der Donner wäre eine Bombe und habe mich bei Gewitter sogar im Keller versteckt. Ich bin ein Kriegskind, ich war 1944 fünf Jahre alt. Meine Schwester wollte nicht mit zum Schwimmen, deshalb habe ich ihr unterwegs eine geklatscht. Das hat sie dann gleich meiner Mutter erzählt.“
Barbara Hänsoldt aus Aschaffenburg
„Ich habe Zwerge in einer Hütte gesehen. Ich vermute, dass es meine Fantasie war, aber irgendwie bin ich mir auch sicher, dass ich sie gesehen habe. Die waren klein und sahen aus, als wären sie aus rotem Papier ausgeschnitten. Ich war so circa drei damals und das war in einem polnischen Dorf.“
Harald Peter aus Mainaschaff
„Ich erinnere mich daran, dass meine Oma in ihrer Wohnung einen Laufstall hatte und da hingen so Sachen dran, mit denen ich immer gespielt habe. Da war ich vielleicht so eineinhalb.“
Walter Volk aus Aschaffenburg
„Es gibt drei Erinnerungen, die mir im Kopf geblieben sind. Ich weiß gar nicht, welche davon die früheste war. Ich erinnere mich, dass mehrere Omas zusammengesessen und Gänsefedern abgezupft haben. Da gab es immer Kaffee und Kuchen hinterher. Das fand ich immer schön als Kind. Während der Woche gab es keine Süßstücke, nur wenn die Frauen zusammengesessen und die Federn abgezupft haben. Die Gänsefedern wurden dann in Bettdecken gestopft. Die haben den Flaum von dem Federkiel abgezupft, dass man nicht den pieksigen Stiel in der Decke hatte. Und dann ist mir auch noch ein Moment im Winter im Gedächtnis geblieben. Wir haben, wenn Schnee war, immer Bleche als Schlitten benutzt, die wir mal gefunden haben. Ein Freund hat sich dann das Bein aufgeschlitzt. Wir mussten mit ihm ins Krankenhaus. Die dritte Erinnerung ist das Badeofenanschüren, das kennt man heute gar nicht mehr. Wir hatten keinen Warmwasseranschluss und mussten das Wasser auf dem Herd aufkochen.“
Fatma aus Kleinostheim
„Ich kann mich daran erinnern, dass ich auf irgendwas Spitzes draufgetreten bin und mich an der Ferse verletzt hatte. Und danach hat mich meine Mutter mit auf den Weihnachtsmarkt genommen, um mich zu trösten. Wir sind an so einem Geschäft vorbeigelaufen, wo dann der Nikolaus drin war. Da habe ich eine kleine Tüte bekommen, mit Mandarinen drin und ein bisschen was zu naschen.“

Stefanie Geidel aus Aschaffenburg
„Ich bin in einem Bauerndorf aufgewachsen und dort haben wir uns als Kinder bei den Bauern Geld verdient, indem wir Kartoffelkäfer abgesammelt haben. Damals hatte man ja auch noch nicht so viel mit Giften gemacht und da haben die Bauern uns Kinder engagiert und wir haben dann den ganzen Tag Kartoffelkäfer abgesammelt, in einen Behälter reingetan und dafür ein paar Groschen bekommen. Alle Kinder haben da mitgemacht, die kleinen Hände können das ja ganz gut machen.“