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„Wenn das so weitergeht, sind wir ruiniert!“

27.09.2026, 06:00 Uhr in PrimaSonntag
KW39 Monochrom collage

Mit den Freunden rausgehen, in einen Geburtstag reinfeiern oder die anstrengende Arbeitswoche wegtanzen - um einen Abstecher in unsere Bars und Diskotheken zu machen, gibt es viele Gründe. Doch was für uns als Gäste immer so unbeschwert scheint, spielt sich bei den Betreibern ganz anders ab: strenge Auflagen, Ruhestörung und Genehmigungen führen immer wieder zu Problemen. Die Zukunft des beliebten Kultur-Treffpunkts „Monochrom“ in Aschaffenburg steht nun auf der Kippe. Nach Beschwerden von Anwohnern darf die Bar unter der Woche bis 22 Uhr, freitags bis 23 Uhr und samstags bis 24 Uhr öffnen. „Das ist wirtschaftlich unmöglich, so den Betrieb aufrechtzuerhalten“, sagt Betreiber Sebastian Goßmann.

Vergangenen Montag haben die Bar-Betreiber mit Oberbürgermeister Markus Schlemmer, dem Ordnungsamt, dem Bauordnungsamt und dem Stadtmarketing zusammengesessen und nach einer Lösung gesucht. „Der OB setzt sich für uns ein, aber die Stadt will Rechtssicherheit. Das finden wir an sich auch gut - aber wir können nur weitermachen, wenn wir einen gemeinsamen Weg finden.“, sagt Goßmann. Über die Einzelheiten des Gesprächs hält er sich bedeckt. „Wir haben ein Konzept erarbeitet, das für alle Beteiligten eine Lösung sein könnte.“ Von der Stadt Aschaffenburg heißt es auf PrimaSonntag-Nachfrage: „Einigkeit bestand darüber, dass alle Beteiligten gemeinsam daran arbeiten wollen, den Betrieb des Monochrom auf eine rechtssichere und tragfähige Grundlage zu stellen. Hierzu wurden verschiedene Möglichkeiten und konkrete weitere Handlungsschritte erörtert. Diese müssen nun von den jeweils Beteiligten geprüft und abgearbeitet werden. Eine abschließende Lösung liegt zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vor.“ Ein Knackpunkt scheint die Lage der Bar zu sein. Die liegt zwar in einem Keller eines Industriegebäudes und laut den Betreibern drängt auch kaum Musik nach draußen - aber damit die Gäste zum „Monochrom“ hin und wieder zurückkommen, müssen sie durch privates Gelände – geteilt mit Anwohnern. Und die beschweren sich über Lärm. „Wir verstehen alle Parteien und wollen es auch gemeinsam lösen“, so Betreiber Timo Geißel.

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Ein Schild soll für mehr Ruhe sorgen.

„Völliger Wegbruch des Umsatzes“

Dass das „Monochrom“ derzeit nicht mehr wie gewohnt bis um 4 Uhr morgens aufmachen darf, hat fatale Folgen: „Das hat uns fast in den finanziellen Ruin getrieben“, schildert Geißel, „wir müssen Löhne auszahlen, Miete, GEMA und Nebenkosten aufrechterhalten. Wir betreiben im Moment eigentlich nur Schadensbegrenzung und haben keinerlei Verdienst.“ Denn: Das „Monochrom“ lebt erst in der Nacht so richtig auf. Die meisten Gäste erscheinen laut den Betreibern erst ab halb 11 – jetzt muss die Bar zu diesen Zeiten bereits schließen. „Wenn die Gäste vorher was essen gehen, ein oder zwei Bier trinken, dann sind wir eine der wenigen letzten Möglichkeiten für den Abend in der Stadt“, so Goßmann. Die Bar ist ein Ort für Kultur und Subkultur. Wenn sich junge Musiker ausprobieren, Künstler ihre Werke ausstellen oder DJs das erste Mal auflegen wollen, können sie das im Monochrom tun. „Wir geben Künstlern eine Plattform, bei uns können sie sich ausprobieren. Wir wollen Heimat bieten abseits Mainstreams – und Aschaffenburg hat diesen Bedarf!“

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Timo Geißel Foto: Anika Koppenstedt
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Sebastian Goßmann Foto: Anika Koppenstedt

Kein Einzelfall

Immer wieder zeigen Fälle aus der Vergangenheit, dass es das Nachtleben in Aschaffenburg nicht ganz so einfach hat. 2023 gab es Streit um Live-Musik in Bars und Restaurants – unter anderem in der „Minibar“ und im Restaurant „Jedermann“, wo mehrere Jahre lang Live-Musik zum Programm gehörte. Grund für die Probleme mit dem Ordnungsamt: Die Veranstaltungen seien damals nicht ordnungsgemäß angemeldet worden. Es folgten mehrere Ordnungswidrigkeitsverfahren. Oberbürgermeister a.D. Jürgen Herzing sagte uns damals dazu: „Das wurde viele Jahre so toleriert und das habe ich zum Anlass genommen, die Verfahren anzuhalten.“ Die angedrohten Bußgelder wurden schließlich gestoppt, die abgesagten Live-Musik-Abende durften wieder stattfinden. Gleichzeitig suchte die Stadt gemeinsam mit den Betreibern nach einer rechtssicheren Lösung. Heraus kam eine Regelung, nach der Gaststätten unter bestimmten Voraussetzungen bis zu 24 Live-Musik-Veranstaltungen im Jahr durchführen können. Auch für die Betreiber des „Monochrom“ sind Diskussionen um Auflagen und Genehmigungen nicht neu. Timo Geißel und Sebastian Goßmann standen bereits hinter dem Kuttergarten, der während der Corona-Pandemie als Kultur- und Gastroprojekt am Aschaffenburger Mainufer entstand. 2022 konnte der Kuttergarten nach dem Ende der damaligen Sonderregelungen nicht mehr wie bisher weitergeführt werden. Neben baurechtlichen Fragen spielten auch Beschwerden aus der Nachbarschaft eine Rolle. 

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Veranstaltung im Monochrom Foto: Anika Koppenstedt
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Foto: Anika Koppenstedt

Und das Nachtleben?

Doch wie sieht es bei denjenigen aus, die heute noch für Aschaffenburgs Nachtleben sorgen? Mit dem Gully gehört eine der bekanntesten Kneipen seit Jahrzehnten zur Innenstadt. Auch hier stand die Zukunft zwischenzeitlich auf der Kippe - allerdings nicht wegen Auflagen oder Lärm-Beschwerden. 2025 haben die damaligen Betreiber des Kult-Lokals Insolvenz beantragt. Wenige Wochen später kam dann die Rettung: Die SOH GmbH, die auch den Mainbiergarten unterhalb des Schlosses führt, hat das Gully übernommen. Auch der Colos-Saal gehört fest zur Aschaffenburger Musikszene. Seit Jahrzehnten stehen dort nationale und internationale Künstler auf der Bühne. Doch auch ein etablierter Veranstaltungsort muss sich Gedanken darüber machen, wie lange Musik und Nachtleben mitten in der Stadt noch selbstverständlich bleiben können. Schon beim Vorgänger „Klimperkasten“ kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit Behörden und Nachbarn. Heute ist das Verhältnis zur Stadt nach Angaben der Betreiber deutlich entspannter. Trotzdem hatte Colos-Saal-Betreiber Max Berninger bereits öffentlich darauf hingewiesen, dass neue Anwohner und mögliche zusätzliche Auflagen langfristig zur Herausforderung für einen bestehenden Veranstaltungsort werden können: „Wir haben noch einen Mietvertrag bis 2030. Aber man muss natürlich auch wissen, dass alle möglichen Schwerter über unseren Köpfen kreisen“, so Berninger 2024 in einem Bericht beim BR. Ob es das Nachtleben in Aschaffenburg schwerer hat als anderswo, lässt sich nicht so einfach sagen. Denn überall in Deutschland gibt es strenge Regelungen. Am Ende kommt es auf gegenseitigen Respekt und Toleranz an, sagen auch Goßmann und Geißel vom Monochrom. „Wer in die Innenstadt zieht, muss mit einer gewissen Geräuschkulisse rechnen. Viele Menschen ziehen in die Stadt, weil sie dort kürzere Wege haben und es mehr Auswahl gibt.“ Wenn immer mehr zu macht, so Geißel, mache das den eigentlichen Grund kaputt, weshalb Menschen in der Stadt wohnen. Die beiden Betreiber wünschen sich in Aschaffenburg für die Zukunft mehr Auswahl: „Mehr Plätze, mehr Räume, mehr Möglichkeit zum Entfalten. Einfach, dass für jeden was dabei ist und mehr Zielgruppen bedient werden.“ Ob ihr neues Konzept die Lösung bringt, soll sich jetzt in der Praxis zeigen. In den kommenden Wochen wollen die Betreiber testen, ob sich damit Nachtleben und die Interessen der Anwohner unter einen Hut bringen lassen – und ob das Monochrom damit eine Zukunft in Aschaffenburg hat.