• Frequenzen: 100,4 & 99,4 & 90,8
  • Funkhaus Tel 06021 – 38 83 0
  • Stauhotline 0800 – 66 66 400
  • Kontakt

On Air

Jetzt anhören

„Windkraft ja, aber doch nicht vor meiner Haustür!“

20.09.2026, 06:00 Uhr in PrimaSonntag
Collage Windkraft 800 x 500

BAYER. UNTERMAIN (acm). Das Eschauer Rathaus am Montag war voll, die Debatte aufgeheizt und die Entscheidung knapp: Mit 8:7 Stimmen haben sich die Marktgemeinderäte gegen die Bereitstellung kommunaler Flächen für das Windvorranggebiet W38 Häuschenshöhe ausgesprochen. Auf der rund 200 Hektar großen Fläche zwischen Eichelsbach, Hausen, Heimbuchenthal und Hobbach waren bisher bis zu acht Windräder im Gespräch. Doch das Eschauer Nein bedeutet nicht automatisch das Aus: Direkt nebenan auf einer großen privaten Fläche auf Heimbuchenthaler Gemarkung haben die Planungen bereits begonnen. Der Projektierer enercity hat auch umliegenden Kommunen angeboten, sich an dem Vorhaben zu beteiligen. 

Der Streit in Eschau ist nur der jüngste Konflikt in unserer Region. Denn überall dort, wo aus Flächen auf Karten konkrete Windräder werden sollen, kommt Gegenwind auf. So auch in Miltenberg: Zwischen Schippach, Berndiel und Wenschdorf ist auf der Sehboldsruhe ein Windpark mit vier Anlagen geplant. Inzwischen hat sich eine Bürgerinitiative gegründet. Sie fordert, die geplante Verpachtung städtischer Flächen auszusetzen und das Projekt neutral prüfen zu lassen. Der Protest hat ordentlich Rückenwind bekommen: 955 Menschen haben Stand Redaktionsschluss die Petition inzwischen unterschrieben, 505 davon aus Miltenberg – das dort angesetzte Quorum von 280 ist damit deutlich überschritten. Die Initiative kritisiert vor allem den Standort im Wald. Von Trinkwasserschutz in einem Wasserschutzgebiet ist die Rede. Die Bürgerinitiative fordert nicht gleich das Ende der Windkraft, sondern erstmal mehr Prüfung und Information.  

Nicht gegen Windkraft allgemein

Genau hier liegt der Kern des Streits: Windkraft ja - aber wo? Bei Häuschenshöhe sprechen Gegner über Waldrodungen, neue Wege, Wasser, Tiere und das Landschaftsbild. Michael Wenzel aus Eschau sagt: „Wir haben generell nichts gegen Windkraft. Aber nur da, wo es auch Sinn macht.“ Bruno Zimmermann aus Hobbach von der Bürgerinitiative „Gegen Windkraftanlagen im Vorranggebiet Häuschenshöhe“ sieht es ähnlich: „Da wo sie hingehören, ist das kein Thema. Nur nicht im Wald, im Spessart, in unserer Heimat.“ Fest steht bislang nur die Fläche – nicht jedes Detail. Wo genau die Windräder stehen, wie Zufahrten verlaufen und welche Folgen der Bau für Wald, Tiere oder Wasser hätte, muss erst noch geprüft werden. Eschau hatte schon früh gefordert, den Trinkwasserschutz besonders zu berücksichtigen. Das Vorranggebiet selbst ist aber bereits rechtskräftig ausgewiesen. Befürworter sagen deshalb: Wer Windkraft will, muss auch Flächen dafür bereitstellen - möglichst mit Mitsprache und Einnahmen für die Gemeinden. Genau darauf setzen auch andere Projekte bei uns: Schaafheims Bürgermeister Daniel Rauschenberger sagte etwa zum geplanten Windpark Bachgau: „Unser Ziel ist ein bürgernahes Beteiligungsmodell, damit die Wertschöpfung vor Ort bleibt.“ Das zeigt den zweiten großen Streitpunkt neben Natur und Landschaft: das Geld. Pachten, Gewerbesteuer, Kommunalabgaben und Beteiligungsmodelle können Einnahmen bringen. Kritiker wiederum fragen, ob diese Vorteile die Eingriffe aufwiegen – und was passiert, wenn Erträge niedriger ausfallen als ursprünglich kalkuliert. 

Bachgau wartet – Sülzert kämpft weiter

Bei anderen Windparks lässt sich inzwischen beobachten, wie schnell sich Kalkulationen und politische Mehrheiten ändern können. Beim Windpark Bachgau wollen Großostheim, Mömlingen und Schaafheim einen länderübergreifenden Windpark entwickeln. Ende 2025 wurde der Kooperationsvertrag unterschrieben. Die Kommunen versprachen eine starke Bürgerbeteiligung und wollen dauerhaft beanspruchte Waldflächen mit zusätzlichem Ersatzwald ausgleichen. Ursprünglich war die Inbetriebnahme für 2030 angepeilt. Aktuell hängt das Projekt aber in einer Warteschleife: Eine verzögerte Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes bremst die weitere Planung. Und die Auswirkungen enden auch nicht an der Gemeindegrenze: Das benachbarte Dorndiel gehört zwar nicht zu den drei Projektkommunen, gilt aber als direkt betroffen. Deshalb sollen die Anwohner dort ebenfalls von vergünstigten Stromtarifen profitieren können. Ein Stück weiter ist das Projekt Sülzert zwischen Alzenau und Freigericht – und dort zeigt sich auch, wie schnell Zustimmung kippen kann. Denn nach der Kommunalwahl im Frühjahr hat sich in Freigericht der politische Wind gedreht. Die neue Mehrheit sucht nach einem Weg aus dem Projekt. Bürgermeister Waldemar Gogel erklärte Ende August, Freigericht habe den anderen Gesellschaftern eine einvernehmliche Beendigung vorgeschlagen - ohne Erfolg. Gleichzeitig haben sich auch die wirtschaftlichen Voraussetzungen verändert: Die gemessenen Windgeschwindigkeiten lagen niedriger als angenommen, die Planer mussten ihre Berechnungen anpassen. Trotzdem wird weiter projektiert. So unterschiedlich Häuschenshöhe, Sehboldsruhe, Bachgau und Sülzert sind – der Konflikt ist fast immer derselbe: Auf dem Papier soll Windkraft sauberen Strom, Einnahmen und mehr Unabhängigkeit bringen. Vor Ort geht es dann aber erstmal um Waldwege, den Blick aus dem Fenster, Trinkwasser, Geld und die Frage, wer die Folgen trägt. Und genau dort entscheidet sich am Ende, wie stark der Gegenwind wirklich wird. 

KW38 Windkraft 4 1
2022 wurden in Freigericht die Standorte sichbar gemacht
KW38 Windkraft 4 2

Das sagen die Menschen vor Ort

KW38 Windkraft 5
Peter Stauder aus Hobbach

Peter Stauder aus Hobbach: „Es spricht mehr gegen den Windpark als dafür. Wir haben zu viele in Deutschland. Vor allem gehören sie nicht in den Wald. Auf einer freien Fläche habe ich nichts dagegen. Das ist alles so in die Luft geplant. Und ich bin stolz auf die Marktgemeinderäte, dass sie dagegen gestimmt und nicht nur den finanziellen Aspekt gesehen haben!” 

KW38 Windkraft 9
Gemeinderat Christian Schreck aus Hobbach

Gemeinderat Christian Schreck aus Hobbach sagte nach der Sitzung am Montag: „Ich war gegen die Bereitstellung kommunaler Flächen. Bei einer solchen Entscheidung zählen Fakten - keine Schnellbeschlüsse. Solange wesentliche Fragen offen sind, kann es kein Ja geben. Deshalb war die Ablehnung richtig!"

KW38 Windkraft 10
Jan Müller aus Schneeberg

Jan Müller aus Schneeberg: „Wind kostet nix. Natürlich fehlt dann ein bisschen Wald, aber irgendwo muss der Strom ja herkommen. Wenn man von Atom- und Kohlekraftwerken wegkommen will, dann muss man das in Kauf nehmen. Und es werden ja sowieso Ausgleichsflächen geschaffen.“

KW38 Windkraft 3
Thomas Weiss aus Hobbach

Thomas Weiss aus Hobbach: „Die Windräder sollen genau oberhalb von meinem Haus gebaut werden. Und das finde ich nicht in Ordnung! Das Ding ist nicht durchgeplant, das kann ja nicht funktionieren.” 

KW38 Windkraft 6
Marianne Heider aus Mönchberg

Marianne Heider aus Mönchberg: „Es lässt sich wahrscheinlich irgendwann nicht mehr vermeiden, dass Windräder auch bei uns dazugehören. Irgendwo muss der Strom ja herkommen. Klar, der Wald sieht schöner aus ohne Windräder – aber wenn es sein muss, dann muss es sein."

KW38 Windkraft 7
Birgit Fersch aus Hobbach

„Ich bin Ortsbäuerin. Wir haben Landwirtschaft und ich möchte nicht, dass die Windräder bei uns im Ort wie Pilze rausgucken. Das passt nicht zu uns auf dem Dorf!“ 

KW38 Windkraft 8
Petra und Walter Beddrich aus Miltenberg

Petra und Walter Beddrich aus Miltenberg: „Ich finde Windkraft eigentlich sehr gut. Aber wenn man es vor der eigenen Haustür hat, dann meckert jeder rum. Vielleicht nervt es ein bisschen, klar. Aber ein Kernkraftwerk möchte ich noch weniger hier haben!“