Mit dem Papierboot über den Main

BAYER. UNTERMAIN (mg). Wie war das Leben früher bei uns auf dem Dorf und wie erleben wir es heute? Dorfkinder, das sind wir: aufgewachsen zwischen Vereinen, Fußballplätzen und Gasthäusern. Wo man sich traf, wurde geredet, gelacht, gesungen und Gemeinschaft gelebt. Jede Gemeinde hat ihre eigenen Highlights - in unserer Serie „Dorfkinder“ möchten wir diese Besonderheiten aus alten Zeiten vorstellen und wieder aufleben lassen.
Zu Zeiten, als es noch kein Mitteilungsblatt gab, verbreitet der Dorfausscheller alle wichtigen Nachrichten in der Gemeinde. Er zog an einem bestimmten Tag durch die Straßen und brüllte „Bekanntmachungen!“ „Dann hat er verlautet, welche neuen Nachrichten die Gemeinde hat und was sonst noch so passiert im Dorf“, berichtet Hildegard Rosner vom Heimat- und Geschichtsverein Johannesberg. Unter anderem soll er auch die neusten Filme angepriesen haben: „Es gibt einen neuen Cinemascop-Film - Hochzeit im Mai…“ Außerdem viele Western, Ben Hur zum Beispiel - das war der Kassenrenner. „Und davon meisten zwei Vorstellungen. Ich glaube, es gibt einen im Dorf, der hat alle Vorstellungen gesehen“, so Rosner.
Reine Jungssache
Auch die Nähe zum Wald prägte die Gemeinde: Die jungen Pfadfinder in Johannesberg waren in den 1950er Jahren sehr aktiv - allerdings nur die Jungs. Für die Mädchen gab es in der Nachkriegszeit kein Angebot – auch nicht in anderen Vereinen. Währenddessen vertrieben sich die jungen Männer ihre Zeit mit Mutproben, Überlebenstrainings und werkelten an verschiedenen Holzbauten. Auch Ausflüge, wie in die Rhön standen auf dem Plan. Etwas später, so ab 1955 bildete sich die erste Rotkreuz-Jugend in der Gemeinde. So entstand in Johannesberg ein buntes Angebot für Jugendliche. Es gab Erste-Hilfe-Kurse, die Jugendlichen führten Theaterstücke auf und verbrachten tolle Tage im Zeltlager in Oberbessenbach. „Das war 1966 genau zur WM, wo die Deutschen das englische Tor gekriegt haben. Das Fußballspiel haben wir in der Schule in Oberbessenbach gesehen. Dann sind wir mit hängenden Köpfen heim, weil wir das Spiel verloren hatten“, erzählt Rosner lächelnd. Mitte der 60er bis Ende der 70er Jahre war die Gaststätte „Zum Gust´l (später Siggi) in der ehemaligen Kleiderfabrik Kleefleckenstraße ein beliebter Treffpunkt. Es entwickelten sich zu der Zeit eine Tischtennisjugend und ein Chor für Kinder. Die Jugend hat sich aber auch oft abends an der Turnhalle oder beim Sportgelände versammelt. Über die Zeit entstand das Jugendhaus AJJ - daraus entwickelte sich später auch das Mühlberg-Festival. Zusammen mit dem Aschaffenburger Kommz zählt das Mühlbergfestival somit zu den ältesten Open-Air-Festivals der Region. Heute gibt es in Johannesberg keine Jugendarbeit mehr und auch die Gaststätten sind so gut wie alle geschlossen.
Der Aufstieg Bootshausfestes in Kleinwallstadt
Die Anfänge des Bootshausfestes gehen auf die 1970er Jahre zurück - damals hatte der Tischtennisclub eine Ski- und Kanu-Abteilung dazugewonnen. „Und die haben über die Patenschaft mit einer Bundeswehreinheit, mit Bundeswehrschlauchbooten auf dem Main Schlauchbootrennen durchgeführt“, erzählt Karl Kempf, Vorstand des Heimat- und Geschichtsvereins Kleinwallstadt. Mit dem Erwerb einer Fischerhütte 1983 wurde das Fest das erste Mal größer organisiert. Seitdem tragen alle Mitglieder der DJK Kleinwallstadt und auch viele Nichtmitglieder Jahr für Jahr dazu bei, dass das Bootshausfest gelingt. Aus dem ehemals einen Festtag wurden schnell zwei, dann später sogar drei Tage, an denen gemeinsam gefeiert wurde. Damals hatte es am Fest-Samstag geregnet und so wurde spontan entscheiden, das Fest auch noch auf Montag auszuweiten - schließlich mussten Essen und die Getränke noch weg. 2006 fand das erste Drachenbootrennen statt, damals trat die kirchliche gegen die politische Gemeinde an. Ein Jahr später wurde das Bootshaus weiter ausgebaut - zum einen wurde für den Festbetrieb Lagerfläche gebraucht, aber auch für die Kanuabteilung musste mehr Platz her.
Ein Boot aus Pappe und Kleister
Noch heute ist das Bootshausfest geprägt von verschiedenen Rennen: Zum Drachenbootrennen kam ein Pappboot- und ein Canadier-Rennen hinzu. Bei dem Pappbootrennen geht es aber nicht um ein kleines Papierbötchen - das gebastelte Boot wird von der Gruppe zum Wasser getragen und geslippt, dann fährt mindestens eine Person der Bootscrew im Boot sitzend eine ca. 200 Meter lange Strecke mainabwärts. „Aber das ist mit so einem Pappboot schon eine Herausforderung“, so Kempf. Genutzt werden darf nur Pappe, Papier, TetraPak, Kleister, Kleber, Schnur und Dispersionsfarbe. Am Ende wird ein Gewinner-Team gekürt: „Natürlich spielt die Zeit, die man für diese Strecke braucht, eine Rolle. Aber es wird durchaus auch das Design und der Aufbau der Boote bewertet.“ Begleitet wird das Spektakel natürlich mit leckerem Essen und Getränken. Ob das Fest, mit Platz für 1.000 Besucher, allerdings weiterhin stattfinden kann, steht derzeit noch in den Sternen. Auf dem Gelände könnte schon bald eine Fischaufstiegsforschungsanlage entstehen. „Während der Bauzeit dieser Anlage kann das Fest definitiv nicht stattfinden. Das ist für den gesamten Verein aus finanzieller Sicht existenzbedrohend“, warnt Kempf. Der DJK braucht nämlich die Einnahmen für den Vereinsbetrieb. Der Verein hofft auf Unterstützung, aber wie es konkret weitergeht, ist ungewiss.
Die Rettung der Auferstehungskirche in Sailauf
Nach dem Bau einer neuen Kirche, sollte die St. Vitus Kirche in Sailauf abgerissen werden: „Das Dach war kaputt - auf dem Dachboden lagen Berge von Schnee im Winter. Es war also kurz vor zwölf. Wäre die Decke runtergekommen, wäre das Thema erledigt gewesen“, so Fred Maier vom Förderverein Sailauf für Heimat und Geschichte e. V. Aus der Motivation heraus, die Kirche zu retten, gründetet er mit Ferdl Kraus und Karl Strom 1978 die Interessensgemeinschaft ‚Wie kann man Sailauf attraktiver machen?‘. Um die Bausubstanz nicht weiter zu gefährden, wurde die marode Kirche im Winter mit Heizstrahlern angestrahlt. „Langsam stieg das Bewusstsein in der Bevölkerung, dass es gar nicht so sinnvoll wäre, die Kirche abzureißen“, erzählt Maier. Am Tag der offenen Tür kam eine ältere Frau vorbei, die Fotos der St. Vitus Kirche dabei hatte. Darauf zu sehen: Statt den weißen Wänden, war die Kirche damals mit aufwendigen Bemalungen geschmückt. Die Interessengemeinschaft beantragte Fördergelder vom Freistaat und heute strahlt die Kirche wieder in ihrer alten Pracht. Das Engagement wurde belohnt - 1989 gab es die Bayrische Denkmalschutz-Medaille und auch den Europäischen Kulturpreis „Denkmalpflege“ wurde für die Kirche verliehen.
Ein Platz für die Jugend
Zur 900-Jahr-Feier 1980 der Gemeinde übergab die Interessengemeinschaft Sailauf einen Ständebaum. Noch heute schmückt er die Ortsmitte, an der damals die Sailaufer Kerb stattfand. „Das war DAS Ereignis im Jahr. Ich weiß noch von meinen Eltern: Da sind alle Verwandten aus der näheren und weiteren Umgebung eingeladen worden. Sonntagmorgens sind sie aufgekreuzt und es gab ein richtiges Festessen“, so Maier. Der Fußballverein übernahm vor etwa zehn Jahren die Kerb und verlagerte sie zum „Bischling“. „Die Vereine haben viel aufgefangen - das waren die Fußballer, Schützen oder Turner - den Musikverein gab es auch noch - da konnte die Jugend aktiv werden“, berichtet Maier. Das geschah in früheren Zeiten im Jugendheim, das es bis zum Ende der 1960er Jahre gab, erzählt uns Maier: „Wir haben Lieder gesungen, Tischtennis gespielt, wir haben Spiele gemacht im Freien und waren da richtig organisiert. Das war für uns eine ganz wichtige Geschichte. Wenn man auf dem Bauernhof aufgewachsen ist und mit eingespannt wurde, war man froh, dass es sowas gegeben hat. Und man konnte seine freie Zeit, die man im beschränkten Umfang hatte, ganz einfach ausleben.“