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Wir sind am finanziellen Limit

01.11.2026, 00:00 Uhr in PrimaSonntag
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ASCHAFFENBURG-LAND (lt). Bäder und Büchereien müssten zumachen, Steuern und Gebühren würden teurer werden und die Unterstützung von Kultur und Vereinen würde gestrichen werden - und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Kommunen des Landkreises Aschaffenburg bangen um ihre Selbständigkeit, denn viele Kassen sind leer. Ob sie für 2027 ein Haushaltsplan vorlegen können, steht noch in den Sternen. Wir haben mit den Bürgermeistern gesprochen und uns ein Bild von der Lage gemacht. 

32 von 32 Bürgermeistern und Bürgermeisterinnen aus dem Landkreis Aschaffenburg haben Alarm geschlagen. Grund dafür sind unter anderem die stetig steigenden Sozialausgaben, die durch die Bezirks- und Kreisumlage finanziert werden muss. Kreisvorsitzender Moritz Sammer schaut mit großer Besorgnis auf das, was sich vor den Augen aller abspielt. „Eine Entwicklung, die ich seit 2004 erstmals im kommunalen Umfeld auf uns zukommen sehe.“ Doch was würde wirklich passieren, wenn die Kommunen keinen Haushaltsplan für 2027 aufstellen können? Der Haushaltsplan soll einen Überblick über die voraussichtlichen Ausgaben und Einnahmen der Kommune geben. Wenn eine Kommune die Handlungsunfähigkeit erreicht, greifen Notmechanismen. In dem Fall dürfen nur noch strikt verpflichtende Ausgaben getätigt werden, wie zum Beispiel für Personal, Schulen und die Feuerwehr. Straßensanierungen fallen weg und auch mit Kürzungen von freiwilligen Leistungen muss gerechnet werden - dazu zählt das Vereinswesen, aber auch Schwimmbäder und Kultur. 

50 Prozent Abgaben

Auch der Kämmerer der Gemeinde Bessenbach Michael Manteufel betont: „Wir sehen die finanzielle Entwicklung mit großer Sorge. Durch die stetig steigenden Sozialabgaben wird der Bezirk Unterfranken seine Bezirksumlage deutlich erhöhen müssen. Der Landkreis Aschaffenburg muss diese Erhöhung an die Landkreisgemeinden weitergeben.“ Die Kreisumlage, die die Kommunen an den Landkreis zahlen müssen, soll 2027 weiter steigen – auf über 50 Prozent. „Damit werden die Landkreisgemeinden über die Hälfte ihrer Einnahmen an den Landkreis abführen müssen“, alarmiert Manteufel. Ein weiteres großes Problem für viele Kommunen, darunter Bessenbach und Goldbach, ist ein Gewerbesteuereinbruch in Millionenhöhe, der ihre finanzielle Flexibilität extrem einschränkt.

Es braucht mehr Hilfe

Die Kommunen wünschen sich vor allem eines: Mehr Hilfe vom Freistaat Bayern und dem Bund für den Bezirk Unterfranken. Denn viele Großprojekte bekommen wenig Unterstützung und müssen aus eigener Tasche bezahlt werden. „Die Finanzierung der kommunalen Bezirke, Landkreise und Gemeinden muss grundsätzlich neu gedacht werden. Es ist zu überlegen, ob der Bund die ungedeckten Pflegeheimkosten in Zukunft vollumfänglich trägt, dass die Gemeinden eine höhere Beteiligung an der Umsatz- und Einkommenssteuer erhalten und die Kommunen flexiblere Geldanlagemöglichkeiten bekommen“, schlägt Moritz Sammer vor.  Bei vielen Kommunen sieht es noch nicht ganz so schlecht aus, jedoch sind die Aussichten nicht gerade rosig: „Es ist abzusehen, dass die Schieflage, insbesondere durch die steigende Kreisumlage und das gesteigerte Aufgabenspektrum, dass eine Kommune erfüllen muss, immer größer wird“, befürchtet Goldbachs Bürgermeisterin Sandra Rußmann. Auch Kleinostheims Bürgermeister Dennis Neßwald betont: „Wir schlagen deshalb nicht Alarm, weil wir heute schon handlungsunfähig wären, sondern weil wir verhindern wollen, dass es morgen so weit kommt.“

Das sagen unsere Bürgermeister

KW44 Handlunsgunfaeigkeit Sandra Russmann
Sandra Rußmann, Bürgermeisterin vom Markt Goldbach

Sandra Rußmann, Bürgermeisterin vom Markt Goldbach

„Unsere finanziellen Spielräume sind durch die Grundschulsanierung ohnehin schon sehr eng gewesen und der Gewerbesteuereinbruch zusammen mit der Aufgabenmehrung und der stetig steigenden Umlagen hat das Problem noch stark verschärft. Die zu erwartende Deckungslücke im Haushalt 2026 sind über 1 Mio. € - wir arbeiten gerade an Einsparpotentialen. Wichtig ist es, dass wir gleichmäßig bei allen Anspruchsgruppen Einsparungen vornehmen, um keine einseitig zu belasten. Nur gemeinsam werden wir die Situation in den Griff bekommen.“

KW44 Handlungsunfaeigkeit Moritz Sammer
Moritz Sammer, Bürgermeister der Gemeinde Mainaschaff

Moritz Sammer, Bürgermeister der Gemeinde Mainaschaff

„Im Jahr 2026 liegen wir im Verwaltungshaushalt aktuell noch im Plus, bevor wir vom Rücklagenkonto ausgleichen müssen. Es bleibt bis zum Jahresende spannend. Die Beschäftigten der Gemeinde, unser Gemeinderat und ich als Bürgermeister geben täglich alles, um handlungsfähig zu bleiben, damit wir die Lebensqualität sichern und ausbauen können, aber der Druck wächst. Man merkt in sämtlichen Gesprächen mit Bürgern, Unternehmern und Politikern, dass das Geld auf allen Ebenen fehlt.“ 

KW45 Handlungsunfaehigkeit Jan Maier
Jan Maier, Bürgermeister der Gemeinde Geiselbach

Jan Maier, Bürgermeister der Gemeinde Geiselbach

„Wir können unsere Haushaltsansätze aus diesem Jahr wahrscheinlich einhalten. Das gelingt allerdings auch dadurch, dass wir größere Projekte zeitlich strecken. Gleichzeitig bedeutet das, dass wir nicht alle Maßnahmen so schnell umsetzen können, wie wir es gerne würden. Für zusätzliche Projekte außerhalb unserer Pflichtaufgaben bleibt nur wenig Spielraum. Wir wirtschaften bereits seit längerer Zeit sparsam und verantwortungsbewusst. Trotzdem wird es zunehmend schwieriger, notwendige Aufgaben, steigende finanzielle Belastungen und die Erwartungen an die kommunale Entwicklung miteinander in Einklang zu bringen. Besonders kritisch ist, dass diese Situation nicht nur ein einzelnes Haushaltsjahr betrifft, sondern uns voraussichtlich auch mittelfristig begleiten wird. Wir brauchen deshalb verlässliche finanzielle Rahmenbedingungen, damit wir als Gemeinde planen und notwendige Investitionen auch tatsächlich umsetzen können.“

KW44 Handlungsunfaehigkeit Frank Houben
Frank Houben, Bürgermeister vom Markt Hösbach

Frank Houben, Bürgermeister vom Markt Hösbach

„Die Einnahmensituation ist momentan noch planmäßig.  In diesem Jahr liegt unser Verwaltungshaushalt bereits im Minus. Es bleibt bis zum Jahresende spannend. Die Auswirkungen auf das soziale Leben machen uns große Sorgen.  Die Beschäftigten der Gemeinde und hier besonders unsere Kämmerei suchen intensiv nach Lösungen, um handlungsfähig zu bleiben, damit wir die Lebensqualität sichern und ausbauen können. Die Einnahmensituation ist momentan noch planmäßig.  Bei einem nicht genehmigungsfähigen Haushalt würde uns die Rechtsaufsicht entsprechende Streichungen vorschreiben. Weiterhin stehen beim Markt Hösbach massive Investitionen im Bereich der Kinderbetreuung an.“

KW45 Handlungsunfaehigkeit Rafael Herbrik
Rafael Herbrik, Bürgermeister vom Markt Stockstadt

Rafael Herbrik, Bürgermeister vom Markt Stockstadt

„Die Probleme der Kommunen sind mittlerweile so groß, dass kurzfristig - soweit Bund und Land die Kommunen nicht finanziell besser stellen - mit Steuerhöhungen gerechnet werden muss. Für uns ist nach Jahren der Belastungen durch die Corona- und Wirtschaftskrise das Ende der Fahnenstange erreicht. Trotz intensiver Bemühungen, den Kostenanstieg, den wir selbst kontrollieren können, quasi auf null zu halten, werden den Kommunen, vermittelt durch die Kreise und Bezirke, jedes Jahr neue Leistungen aufgebürdet, die Seitens des Landes und des Bundes nicht adäquat gegenfinanziert werden. Konkret bedeutet es bei uns, dass uns für das kommende Jahr im Moment noch 0,85 Mio. € fehlen, um überhaupt einen ausgeglichenen Haushalt aufzulegen - und da ist noch kein Euro investiert.“

KW44 Handlungsunfaehigkeit Dennis Nesswald
Dennis Neßwald, Bürgermeister der Gemeinde Kleinostheim

Dennis Neßwald, Bürgermeister der Gemeinde Kleinostheim

„Die finanziellen Belastungen der Kommunen steigen massiv, insbesondere durch höhere Sozialausgaben und die damit verbundenen Kreis- und Bezirksumlagen. Bund und Freistaat müssen ihrer finanziellen Verantwortung stärker gerecht werden. Es muss gelten: Wer bestellt, bezahlt. Kleinostheim steht dank überdurchschnittlich hoher Gewerbesteuereinnahmen noch vergleichsweise gut da. Aber in den kommenden Haushaltsjahren rechnen wir sowohl im Ergebnis- als auch im Finanzhaushalt mit negativen Ergebnissen in Millionenhöhe. Im Ernstfall müssten Investitionen verschoben und freiwillige Leistungen sowie Zuschüsse erheblich eingeschränkt werden. Alternativ wären Steuererhöhungen notwendig, um zusätzliche Einnahmen zu erzielen und die steigenden Umlagen an den Landkreis und den Bezirk finanzieren zu können. Die finanziellen Folgen würden damit unmittelbar bei unseren Bürgerinnen und Bürgern ankommen.“

KW44 Handlungsunfaehigskeit 4
Stephan Noll, Bürgermeister der Stadt Alzenau

Stephan Noll, Bürgermeister der Stadt Alzenau

„Die angespannte Haushaltslage zeigt sich insbesondere bei den Gewerbesteuereinnahmen, die hinter den Erwartungen zurückbleiben, sowie die laufenden Ausgaben, etwa durch höhere Energie- und Stromkosten und gestiegene Preise für Wartungs- und Unterhaltsleistungen. Zu Beginn der Haushaltsberatung 2026 lag die Finanzierungslücke bei 3,4 Millionen Euro. Durch Einsparungen und Einnahmesteigerungen konnte diese planmäßig ausgeglichen werden. Die Warnung wurde von mir mitgefasst und alle Bürgermeister/innen im Landkreis haben diese mitgetragen. Bereits seit Jahren weisen wir auf die finanzielle Instabilität hin. Inzwischen hat die Situation jedoch eine Dramatik erreicht, die nahezu alle Kommunen gleichermaßen betrifft, dass wir einen grundlegenden finanzpolitischen Kurswechsel erwarten, um die Handlungsfähigkeit der kommunalen Selbstverwaltung dauerhaft zu erhalten.“