„Zwei, drei Liter Wein am Tag waren normal“

BAYER. UNTERMAIN/BESSENBACH (mg). Ein Feierabendbier unter Kollegen, ein Aperitif zum Abendessen mit Freunden oder ein erfrischender Apfelwein am sonnigen Wochenende - gehört für viele Menschen einfach zum Leben dazu. Doch was, wenn aus einem Getränk auf einmal zehn werden? Wenn aus dem Wochenend-Drink ein tägliches Ritual wird? Diese Woche startet die bundesweite Aktionswoche Alkohol. Anlass für ein Interview mit Edith Bald-Priebsch, Vorstandsmitglied des Kreuzbundes und selbst Betroffene der Sucht.
„Alkohol ist gesellschaftsfähig und wird nicht immer gleich mit Sucht in Verbindung gebracht, wie es mit Drogen oder auch Tablettenabhängigkeiten ist.“, Edith Bald-Priebsch ist die Aufklärungsarbeit sehr wichtig, „Alkohol ist ein Zell- und Nervengift und das ist vielen überhaupt nicht bewusst. Es werden Gehirnzellen abgetötet. Bei erhöhtem und mehrfachem Konsum führt es auch zu Leber- und anderen Organschäden.“ Doch wann spricht man von einer Sucht? „Wenn man ein bestimmtes Mittel, in dem Fall jetzt Alkohol, regelmäßig einsetzt, um sich einen Zustand herbeizuführen, den man haben möchte“, so die Bessenbacherin. Sie berichtet, dass bereits ein regelmäßiger Konsum von zwei Gläsern Wein am Abend zu Entzugssymptomen führen kann: „Diese müssen nicht unbedingt körperlich erscheinen, aber das Gehirn oder die Psyche macht sich bemerkbar.“
Vor dem Engagement stand die Sucht
Hinter dem Engagement der 62-Jährigen steht ihre eigene Geschichte mit dem Alkohol: „Bei mir war es ein schleichender Prozess. Über viele Jahre habe ich mehr als normal getrunken und irgendwann merkte ich eben, dass der Konsum zunimmt und mein Trinkverhalten nicht normal ist. Ich habe den Alkohol eingesetzt, um mich wohl und gut zu fühlen und war ein Problem- und Frusttrinker. Ich wollte alles wegtrinken.“ Über die Zeit steigerte sich ihr Konsum immer mehr: „In der letzten Phase waren es schon zwei bis drei Liter Wein am Tag - oder aber auch, damit man nicht zu viel trinken muss, eine Dreiviertel bis eine Flasche Cognac.“ Sie hat den Ausstieg aus der Alkoholsucht geschafft, doch der Weg war nicht leicht: „Ich hatte eine Entgiftung gemacht - da wurde mir bewusst, dass das so nicht weitergehen kann und habe mich dann zu einer Langzeitentwöhnung entschieden.“ Alkoholsucht ist eine Krankheit und eine Heilung passiert nicht von heute auf morgen, so war es auch bei Edith Bald-Priebsch: „Ich bin dann noch zweimal bis zu meiner Therapie in die Entgiftung gekommen, weil ich es nicht geschafft habe, trocken zu bleiben. Aber nach der Langzeittherapie bin ich dann auch abstinent geblieben.“
Überforderung und Verständnis im Umfeld
„Mein Umfeld war natürlich entsetzt. Warum meine Tochter, warum meine Schwester? Das kann doch gar nicht sein.“ Ihre Schwester unterstützte sie und begleitete Edith zur Suchtberatung der Caritas, doch eine gewisse Überforderung blieb, „(…) weil ich eben nicht aufgehört habe. Man sagt logischerweise: Trink doch nichts mehr, lass das Glas oder die Flasche stehen. Doch, dass es so nicht funktioniert, versteht keiner.“ Irgendwann bestimmte die Sucht auch ihren Alltag und ihr Arbeitgeber wurde darauf aufmerksam: „Ich habe nicht mehr funktioniert und wurde in der Firma angesprochen, hatte aber ganz großes Glück. Der damalige Geschäftsführer hat gesagt, dass es eine Krankheit ist und er mich unterstützt - aber ich sollte was unternehmen. Ich bin so dankbar für diesen Menschen, der so viel Verständnis für alles hatte.“
Anderen Mut machen
Mittlerweile ist Edith Bald-Priebsch selbst in der Aufklärungsarbeit aktiv: „Ich finde es schön, anderen, die noch ganz am Anfang stehen, zu unterstützen und Mut zu machen.“ Sie ist die erste Vorsitzende des Kreuzbund e.V. und klärt in Entgiftungsstationen und Suchtkliniken auf. Dort empfiehlt Edith unter anderem den Besuch einer Selbsthilfegruppe: „Um sich Halt zu holen, das ist ganz wichtig.“ Nahestehenden Personen von Betroffenen rät sie: „Wenn jemand meint, er könnte einen anderen dazu bekehren, die Finger vom Alkohol oder vom Suchtmittel zu lassen - das funktioniert nicht. Diese Akzeptanz muss bei einem selbst da sein - dass man eine Krankheit hat und dass Unterstützung notwendig ist. Ich musste meinen Weg gehen und den Leidensdruck bekommen. Ich dachte damals, entweder mache ich was oder ich gehe vor die Hunde.“ Zu möglichen Rückfällen sagt Edith Bald-Priebsch: „Die Krankheit und die Sucht kann man zum Stillstand bringen, aber man kann sie nicht heilen. Dieses Gefühl oder diesen Wunsch habe ich nie gehabt, dafür ist mir meine Abstinenz viel zu wertvoll. Ein Rückfall ist kein Freibrief, aber es gehört zum Krankheitsbild. Wenn man einen Rückfall hat, ist nicht alles wieder kaputt und man muss nicht wieder komplett von vorne anfangen, aber man sollte, wenn es passiert, sofort die Bremse ziehen.“
Aktionswoche Alkohol
Vom 13. bis 21. Juni lädt die bundesweite Aktionswoche Alkohol zum Dialog rund um das Thema Alkoholkonsum ein. Veranstalter und Engagierte informieren online und vor Ort mit Vorträgen, Infoständen, Mitmachaktionen, Konzerten und vielen anderen Formaten. Dabei geht es um Fragen, wie: „Wieso nein sagen zu Alkohol immer eine gute Entscheidung ist und keine Rechtfertigung braucht“ und „Warum es sich lohnt, über den eigenen Umgang mit Alkohol nachzudenken.“ Geplant sind unter anderem ein Suchtfilm, der am 16. Juni um 17.30 Uhr in der Kinopassage Erlenbach gezeigt wird. Der Kreuzbund und die Suchtberatung der Caritas von Miltenberg bieten Raum für Austausch und Informationen rund um das Thema Alkohol.

Der erste Schritt ist, Hilfe anzunehmen – Unterstützung gibt es kostenlos und vertraulich.
Psychosoziale Suchtberatungsstelle Aschaffenburg
Caritasverband Aschaffenburg
Telefon: 06021 392280
Psychosoziale Suchtberatungsstelle Miltenberg
Caritasverband für den Landkreis Miltenberg e.V.
Telefon: 09371 978940
Fachambulanz für Abhängigkeitserkrankungen
Unterstützung bei Entzug, Therapie und Nachsorge.
Selbsthilfegruppen Kreuzbund e. V.
Telefon:02381 / 6 72 72 - 0
Email: [email protected]
Notfall
Rettungsdienst: 112
Ärztlicher Bereitschaftsdienst: 116117
Straßenumfrage
Karin Stegmann aus Rothenbuch
„Im Moment kann ich gar nichts trinken, weil ich ein bisschen mit Reflux zu tun habe und da ist jeder Tropfen Alkohol Gift. Aber mal so in der Sonne sitzen, ein Aperölchen oder ein Glas Rotwein trinken, das ist schon schön. Wenn allerdings Probleme mit der Gesundheit dazukommen, dann sollte man schon auf den Körper hören.“
Karl-Heinz Reisert aus Nilkheim
„Ich habe das Gefühl, der Alkohol-Konsum ändert sich bei den jüngeren Generationen. Mein Sohn trinkt überhaupt nichts, er ist das Gegenteil von mir. Es gibt solche und solche, aber überwiegend sind sie vernünftiger als wir es waren. Das Thema Rauchen ist ja eigentlich das Gleiche. Ich habe aufgehört und habe es mit Sport geschafft. Dann gehst du ins Reformhaus und kaufst dir auf einmal anstatt einem Bier einen Karottensaft.“
Herbert und Margarete Heeg aus Mosbach
„Gemäßigter Alkohol geht, aber wenn man jeden Tag zwei Bier und Schnaps trinkt, dann ist das schon zu viel. Wenn man in der Spargelzeit ab und zu mal zum Essen einen Wein trinkt und alle vier, fünf Tage mal ein Bier, dann ist das meiner Meinung nach noch in Ordnung.“
Cornelia Lieb aus Mömlingen
„Ich habe den Konsum schon reduziert, weil man ja überall hört, wie schädlich Alkohol ist. Aber dennoch werde ich mir den Prosecco nicht abgewöhnen. Nicht jeden Tag, aber hier und da, wenn es mir besonders gut geht, dann trinke ich einen.“
Jonas Lauber aus Kleinostheim
„Also momentan trinke ich gar nicht, ich habe ein Neugeborenes - aber früher schon ein bisschen mehr. Ich glaube, die Regelmäßigkeit ist das Problem.“
Josephine Staab aus Aschaffenburg
„Ich würde nicht sagen, dass ich regelmäßig trinke. Gelegentlich mal am Wochenende, wenn gutes Wetter ist und ich mit Freundinnen in den Biergarten oder in eine Bar gehe. In meinem Umfeld gibt es schon Menschen, die viel trinken, aber ich würde nicht sagen, dass die alkoholabhängig sind - das sind halt Partymäuse.“
Monika Hartl aus Aschaffenburg
„Alkohol birgt, wie jedes Suchtmittel, Gefahren und von daher bedarf es da immer einer Aufklärung, weil der Umgang in der Gesellschaft damit verharmlosend ist. Mein Onkel war schwerer Alkoholiker. Er war aber eher ein Quartalssäufer. Er hat nicht jeden Tag getrunken, aber definitiv immer wieder zu viel. Er hatte schwere Unfälle, auch als Fußgänger, ist da beinahe schon ums Leben gekommen. Er hat die Sucht nicht in den Griff bekommen und sich am Ende das Leben genommen.“

Wolfgang Grose aus Aschaffenburg
„Ich selbst arbeite für die Diakonie. Bei uns macht die Suchtberatung die Caritas und wir unterstützen diesen Aktionstag. Aufklärung und Prävention ist wichtig und dafür haben wir eine tolle Struktur hier in Aschaffenburg. Wir arbeiten in der armutsorientierten Sozialarbeit und Wohnungslosenhilfe, da ist das ein Thema. Es ist ganz wichtig, mit diesen Menschen im Gespräch zu bleiben. Alkoholsucht ist eine Erkrankung. Bei solchen Erkrankungen kann es Hilfe geben und man muss Menschen bewegen, sie anzunehmen.“

Martin Bulheller aus Aschaffenburg
„Meine Ärzte sagen mir immer: Trinken Sie weniger Alkohol, dann nehmen Sie mehr ab, aber ich bin leider auch so dick. An sich trinke ich wenig - mal ein Radler oder ein Eierlikörchen, aber es hält sich in Grenzen.“

Burkard Reichold aus Aschaffenburg
„Wir sind in einem Weinanbaugebiet. Da gehört Alkohol oder Wein in Maßen eigentlich zu einem Grundnahrungsmittel. Ich trinke regelmäßig meine 1 bis 2 Gläser Wein und bin auch damit zufrieden.“
