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Dorfkinder, das sind wir

22.02.2026, 06:00 Uhr in PrimaSonntag
Titelbild Dorfkinder Teil1

Teil 1 unserer neuen Serie

BAYER. UNTERMAIN (mg). Wie war das Leben früher bei uns auf dem Dorf und wie erleben wir es heute? Dorfkinder, das sind wir: aufgewachsen zwischen Vereinen, Fußballplätzen und Gasthäusern. Wo man sich traf, wurde geredet, gelacht, gesungen und Gemeinschaft gelebt. Jede Gemeinde hat ihren eigenen Charakter- in unserer Serie „Dorfkinder“ möchten wir diese Besonderheiten aus alten Zeiten vorstellen und wieder aufleben lassen.

Wirtshaussingen – Großheubacher Tradition wird immer noch gelebt

KW03 Dorfkinder Wirtshaussingen frueher 1
Foto: HKT Großheubach Fotonachlass 120 unbekannte Gaststätte
KW03 Dorfkinder Wirtshaussingen frueher 2
Foto: HKT Großheubach Fotonachlass 156 wahrscheinlich Bretze
KW03 Dorfkinder Wirtshaussingen heute
Jeden ersten Donnerstag im Monat wird gemeinsam gesungen.

Früher wurde gerne zusammen in Wirtshäusern oder Häckerwirtschaften gesungen, so auch in Großheubach. Engelhard Albert aus Großheubach und Bernd Eilbacher (†) aus Röllbach führten diese Tradition 2016 wieder ein. Das Wirtshaussingen findet jeden ersten Donnerstag im Monat im Gasthaus „Zum Goldenen Adler“ statt. Bis zu 50 Leute nehmen an den regelmäßigen Treffen teil. Gesungen werden alte Wirtschaftslieder und fränkische Volksmusiklieder. Jeder, der möchte, darf sich ein Lied aussuchen, erzählt Albert: „Unser Musiker geht auf die Wünsche ein und stimmt mit seinem Akkordeon die Lieder an.“ Heute ist das gemeinsame öffentliche Singen nicht immer gern gesehen: „Wenn heute in der Häckerwirtschaft mal jemand ein Lied einstimmt, dann wird vom Nachbartisch schon etwas kritisch reingeschaut und gehofft, dass die Singerei bald wieder zu Ende ist.“ Die Wirtshaussänger sind meistens 50plus. „Die kennen ja die alten Lieder noch. Die jüngeren Leute haben das ja auch gar nicht mehr in der Schule gelernt“, so Albert. Natürlich wird an so einem Abend nicht nur gesungen, sondern auch lecker gegessen und getrunken. „Und ab und zu wird natürlich auch das Glas gehoben und geprostet.“, so Albert. Doch nicht nur in der Wirtschaft wurde damals fleißig musiziert, berichtet uns der Großheubacher: „Ich kann mich noch erinnern: Ganz früher beim Fußballspiel, ob gewonnen oder verloren, da haben sich die Fußballer zusammengesetzt und gemeinsam gesungen.“ Im April feiert das wieder ins Leben gerufene Wirtshaussingen sein 10-jähriges Jubiläum - zelebriert wird das natürlich mit dem einen oder anderen Ständchen. Albert und die anderen Sänger freuen sich auch immer über neue Gesichter, denn wie er sagt: „Singen berührt die Seele!“

Am Ende wird in der Gaststätte „Zum Goldenen Adler“ nochmal gemeinsam dieses Lied eingestimmt:

Wieder neigt sich der Tag seinem Ende
und es war miteinander so schön.
//: Reichen wir uns gemeinsam die Hände
und wir sagen: Auf Wiedersehn. ://

Lieder, die wir gemeinsam gesungen,
Stunden, die wir gemeinsam verbracht,
//: sollen in uns`ren Herzen noch klingen,
bis zur späten Mitternacht. ://

Es wird still nun in unserer Runde,
Freundschaft bleibe das Losungswort.
//: Liebe Freunde in dieser Runde,
auf ein Wiedersehn an diesem Ort. ://

Wieder neigt sich der Tag seinem Ende
und es war miteinander so schön.
//: Reichen wir uns gemeinsam die Hände
und wir sagen: Auf Wiedersehn. ://

Als es in Kahl noch eine „Zeil“ gab und Schlangensteaks gegessen wurden

KW03 Dorfkinder Kahler Zeil 50er
Eine Straße mit fast 100 Geschäften und das in den 50ern.
KW03 Dorfkinder Kahler Zeil 60er
KW03 Dorfkinder Gasthaus Kahl 50er
Schlangensteak oder Skorpione probieren?
KW03 Dorfkinder Gasthaus Kahl 70er
Das war im Kahler Gasthaus zum Schwanen möglich.

Den Begriff „Zeil“ kennt man normalerweise aus der Metropole Frankfurt. Doch auch Kahl hatte früher eine sehr bekannte Einkaufsstraße - die heutige B8. Durch die große Vielfalt an Geschäften ist die Straße zu ihrem Spitznamen „Zeil“ gekommen. Nahezu 100 kleine bis mittlere Geschäfte belebten die Straße. Bäckereien, Metzgereien, Apotheken, aber auch Drogerien, Schuhläden und Reparaturwerkstätten waren damals in der Straße ansässig und zogen viele Menschen an. „Vom Nagel bis zum Knopf konnte man alles bekommen“, erzählt uns Klaus Becker, Vorstand vom Kahler Geschichtsverein. Die Straße bekam auch noch einen zweiten Spitznamen - als Ende der 50er, 60er Jahre neue Straßenlaternen aufgestellt wurden - statt 10 Lampen waren dann über 100 Lampen am Straßenrand. „Und da sprach man dann vom Broadway. Den Broadway von Kahl, der abends beleuchtet war, wie man sich das in New York vorstellte“, so Becker. Kahl ist bekanntlich Grenzort zwischen Hessen und Bayern. „Wir gehörten zu den Mainzer Erzbischöfen und die haben eine Grenze gezogen und gesagt: Alle müssen bezahlen, die über diese Reichstraße fahren wollen. Die B8 war der große Highway - also alle mussten hier an Kahl vorbei“, erzählt uns Beck. Die damalige Grenze wurde abends geschlossen. Irgendwo musste man nächtigen, um am nächsten Tag wieder weiterfahren zu können - so entstanden etliche Gasthäuser in der Umgebung. Beck berichtet uns von einem Wirt, der viel rumgekommen ist und damals für seine exotischen Speisen bekannt war: „Dort konnte man ein Schlangensteak, Skorpione oder afrikanische und asiatische Spezialitäten essen. Der Schwanen war im Rhein-Main-Gebiet in den 70er Jahren bis zu den 90er Jahren ein Haus, was man einfach auch mal besucht haben musste.“

„Streeßer Zeltkerb“ brachte die Feierlaune zurück

KW03 Dorfkinder Musikverein Strassbessenbach 1
Als „feine Herren“ spielten sie bei verschiedenen Anlässen.
KW03 Dorfkinder Musikverein Strassbessenbach 2
Die Musikkapelle kauft 1974 eine neue Tracht.

Die Gründung des Musikvereins in Straßbessenbach geht auf das Jahr 1901 zurück. „Das haben wir 2006 herausgefunden. Im Zuge der Erstellung einer Chronik zum 100-Jährigen ist in Erfahrung gebracht worden, dass der Musikverein doch etwas älter ist als ursprünglich angenommen“, berichtet Vorstandsmitglied Lukas Zobel. Dieses Jahr steigt das große Jubiläum: 125 Jahre Vereinsleben. Ein besonderes Highlight der Vereinsgeschichte: Der Musikverein hat in den 80er Jahren die „Streeßer Zeltkerb“ ins Leben gerufen. Die Veranstaltung geht mittlerweile vier Tage lang und findet in einem großen Festzelt in Straßbessenbach statt. Damals war das Leben in den Wirtschaften und Gasthäusern etwas eingeschlafen, mit dem Start der Kerb kam die Feierlaune zurück in die Gemeinde. Auch der Familienfasching in der Bessenbachhalle geht auf den Musikverein zurück. Der findet seit zwei Jahren nicht mehr statt, war aber eine feste Größe im Ortsgeschehen. Leider war die Veranstaltung auf Grund erhöhter Kosten nicht mehr attraktiv und wirtschaftlich: „Deswegen hat man sich erstmal dazu entschieden, das einzustampfen, aber wir wollen es irgendwann wieder etablieren“, berichtet Zobel. Damals konnte sich der Verein vor jungen Mitliedern nicht retten: „Es war eher so, dass teilweise Kinder, die in Ausbildung waren und ein Instrument gelernt haben, nicht mitspielen durften, weil es von diesem Instrument schon zu viele Musiker gab.“. Heute ist das anders - die Vereine brauchen mehr Nachwuchsmusiker, die auch in die Kapelle integriert werden können. „Es macht Spaß, in der Gemeinschaft zu musizieren. Man kann vieles erleben, egal ob es Auftritte sind oder die Proben und die Gemeinschaft.“

Mitmachen erwünscht:
Haben Sie alte Fotos, Erinnerungen oder Geschichten aus Ihrem Dorfleben? Wo waren Ihre Treffpunkte, welche Traditionen sind Ihnen im Gedächtnis geblieben? Schicken Sie uns Ihre Geschichten an [email protected] oder rufen Sie an unter 06021-3883361.