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Premiere bei Brüder Grimm Festspielen Hanau: "Ein Sommernachtstraum"

13.06.2022, 10:25 Uhr in Lokales
130622 Hanau Sommernachtstraum

HANAU. Die vierte Premiere der diesjährigen Brüder Grimm Festspiele ist der Rubrik Klassiker gewidmet – dieses Mal erneut William Shakespeare. Allerdings steht aus seinem reichhaltigen Werk in dieser Saison kein Drama auf dem Programm wie 2019 die vielbeachtete „Maria Stuart“, sondern das Lustspiel „Ein Sommernachtstraum“. Und genau darum geht es auch im Hanauer Amphitheater: Um Lust und Liebe. Das aber in vielen Ebenen, mit Irrungen, Wirrungen und einem sehr guten Schuss Komödie. Das Premierenpublikum dankte es mit stehenden Ovationen und begeistertem Applaus.

Der Abend begann mit der Ehrung einer Frau, die 36 Jahre lang auf ihre ganz eigene Weise die Festspiele prägte – zwar im Stillen, aber optisch umso präsenter. Kostümbildnerin Ulla Röhrs hat auf eigenen Wunsch Nadel und Faden in der Festspielwerkstatt an ihre Nachfolgerinnen Anke Küper und Kerstin Laackmann weitergegeben (die übrigens im positivsten Sinne des Wortes „unbemerkt“ in die großen Fußstapfen ihrer Vorgängerin getreten sind) und ist in so etwas wie einen Ruhestand gegangen. Sie habe endlich im Frühling die Sonne in Spanien erleben wollen ohne unter dem immensen Druck der heißen Premierenphase zu stehen, plauderte Intendant Frank-Lorenz Engel aus dem Nähkästchen.

Gemeinsam mit Oberbürgermeister Kaminsky würdigte er die Kreativpowerfrau auf der Bühne, der die Aufmerksamkeit sichtlich unangenehm war – das Wirken im Hintergrund ist eben mehr ihre Sache. Für Ulla Röhrs gab es vom Publikum, vollkommen verdient, die ersten stehenden Ovationen des Abends. Womit wir schon mitten im Thema wären: Vorhang auf für „Ein Sommernachtstraum“! Vorab ein Tipp: Lesen Sie nochmal kurz die Inhaltsangabe des Lustspiels. Die verschiedenen Welten, Paare, Zaubereien können einen schwindlig machen. Zweifellos hatte Altmeister Shakespeare auch das im Sinn, als er 1595 seine Komödie zur Aufführung brachte – Liebe kann einen ganz schön durcheinanderbringen.

In Hanau beginnt das Stück damit, dass ein vermeintlicher Techniker und seine Kollegin die Anweisungen für das Publikum, die sonst per Ansage erfolgen (Handys aus, keine Stullen von daheim mitbringen und so weiter) selbst vorlesen und „inszenieren“. Kleine Show am Rande? Mitnichten! Schon bald gibt es ein Wiedersehen mit den beiden. Doch erst kommt es zur Begegnung mit den anderen Akteuren: Theseus, Herzog von Athen (Julian M. Boine),will die Königin der Amazonen, Hippolyta (Kira Primke), heiraten, Hermia (Kristina Willmaser) ist Demetrius (Leonard Schärf) versprochen, möchte aber lieber Lysander(Marcus AbdelMessih) heiraten, Helena (Victoria Grace Findlay) wiederum ist in Demetrius verliebt.

Lysander und Hermia fliehen in den Wald – leider kann Hermia das nicht für sich behalten und erzählt Helena davon. Diese verrät das Geheimnis der beiden in ihrem Liebeskummer Demetrius und, klar, macht auch er sich auf den Weg. Schließlich will er ja Hermia für sich gewinnen. So weit, so klar?! Schnitt.

Eine Gruppe fröhlich plaudernder Menschen betritt das Amphitheater, in moderner Kleidung, mit Rucksäcken, Fahrrad, Helm und ist total überrascht von der Anwesenheit der Zuschauer. Schnell wird klar: Diese Truppe, bestehend aus Leuten, die irgendwas mit dem Theater zu tun haben, also ein Techniker, ein Sicherheitsmann, die Dame von Frankfurt Tickets und weitere, planen eine Theateraufführung der Tragödie „Pyramos und Thisbe“ und wollen proben. Darsteller: Barbara Krabbe, Detlev Nyga, Johanna Haas, Benedikt Selzner, Soufjan Ibrahim.

Auch im Shakespeare-Original gibt es diese Gruppe: Sie sind Handwerker aus Athen, die anlässlich der Hochzeit des Herzogs das Stück zeigen möchten. Ihre Vorbereitungen dafür führen sie in den Wald, in dem sich auch die vier Liebenden befinden – so vermischen sich diese beiden Handlungsstränge. Hauptperson in dieser Handlung ist Nikolaus/Klaus Zettel (Dieter Gring).

Wieder Schnitt. Die Theatergruppe tritt ab, der Wald und seine Bewohner treten auf. Die Bühne verwandelt sich von einem schnörkellosen Grau (sehr eindrucksvoll unterstützt von Kostümen in schwarz, weiß und grau. Sehr clean, sehr geradlinig!) mit Hilfe herabfallender Tarnnetze in einen Wald. Voller Elfen! Wer sich auf anmutige, tanzende Wesen mit zarten Flügelchen eingestellt hatte, wird sich verwirrt die Augen reiben: Hanaus Elfenvolk ist Punk. Bunt, laut, frech, rotzig, ein Genuss (Barbara Bach, Katja Straub und weitere in Doppelrollen). Sie tanzen, sie singen, sie machen Blödsinn – allen voran Puck (Florian Rast), quasi der Chef-Elf, der seine Befehle von Oberon (Boine), dem Elfenkönig, erhält. Dieser hat es auch gerade nicht so leicht: Er liegt im Clinch mit seiner Gattin Titania (Kira Primke) und belegt die Schlafende kurzerhand durch den Saft einer Zauberblume mit einem Liebesbann. Sie wird sich nach dem Aufwachen in das erste Wesen verlieben, das sie sieht. An dieser Stelle sei bereits verraten, dass dies Zettel sein wird, den der freche Puck dann schon mit einem Eselskopf „belegt“ hat.

Zurück den vier Liebenden: Auch hier soll die Zauberblume für Ordnung sorgen. Oberon beauftragt Puck damit, damit sich Demetrius nun doch in Helena verliebt. Blöd nur, dass der übereifrige Elf stattdessen Lysander verzaubert. Das Ende vom Lied: Beide Männer buhlen um Hermia, und Helena steht mit leeren Händen oder besser mit gebrochenem Herzen da. Als die Sache zu eskalieren droht, greift Oberon ein und zaubert alle wieder dem „richtigen“ Partner zu – inklusive seiner eigenen Frau, die sich eine heiße Affäre mit Zettel gegönnt hat, sich jetzt aber wieder gern ihrem Mann zuwendet. Am Ende gibt es die geplanten drei Hochzeiten: Theseus heiratet Hippolyta, Hermia ihren Lysander und Demetreus seine Helena. Die Tragödie, die die Laientheatertruppe so mühevoll im Wald einstudiert hat, gerät unfreiwillig zu einer Komödie und beschert dem „Sommernachtstraum“ ein fröhliches Happy End.

Ein Lied des Puck bringt es auf den Punkt: „Hin und Her“ heißt es und beschreibt das Durcheinander, das im Wald, in den Beziehungen und auf allen Ebenen des Stückes herrscht und an dem Puck nicht unschuldig ist. Dass alle Beteiligten dazu tanzen, ist neben der Ohrwurmqualität des Songs (Komposition: Valentin von Lindenau), eine sehr gelungene Symbolik. Überhaupt arbeitet diese Inszenierung von Jan Radermacher mit gelungenen Tricks, um die verwirrenden Geflechte zu ordnen – dazu gehören auch musikalische Elemente, also quasi gesungenen Zusammenfassungen. Auch technisch und optisch ist der „Sommernachtstraum“ ein Hingucker: Lichter, Effekte, die den Zauberbann unterstreichen, Choreografie, Bühnenbau (Hans Winkler) und Kostüme, Maske (Wiebke Quenzel) sind stimmig. Sie betonen und sie „trennen“, die heben die Kontraste hervor und schaffen es zudem, den erotischen Swing, den das Lustspiel (Nomen est omen) zweifellos hat, herauszuarbeiten.

Erinnern Sie sich an den Eingangstipp? Besser vorher nochmal die Inhaltsangabe lesen? Das ist eine Möglichkeit. Sie können sich aber einfach auch in dieses Getümmel einer Walpurgisnacht stürzen, sich treiben lassen und Spaß haben. Denn darum geht es heute wie vor mehr als 400 Jahren: Um Freude am Geschehen auf der Bühne.

Quelle: Presseagentur metropress